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Osttimor Wieder regieren Hunger und Macheten

01.06.2006 ·  Marodierende Banden ziehen durch Osttimor, stecken Häuser in Brand, erschlagen Menschen. Ihr Machtkampf spiegelt die Verwerfungen der vergangenen Jahre. Der jüngste Staat der Welt ist schon wieder auf internationale Truppen angewiesen.

Von Jochen Buchsteiner
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Seit Wochen ziehen wieder marodierende Banden durch die Straßen Osttimors, stecken Häuser in Brand, rauben und töten. Mehr als zwei Dutzend Menschen starben bereits. Der internationalen Interventionstruppe gelingt es nur mühsam, des Chaos Herr zu werden. Mehr als 50.000 Menschen sind aus der Hauptstadt Dili geflohen, um aus der Distanz halbwegs sicherer Lager das Grauen zu verfolgen. An manchen Auffangorten sei die Versorgungslage so miserabel, daß die Flüchtlinge Gras äßen, berichtete Kirsty Sword Gusmao, die Frau des Staatspräsidenten, am Mittwoch.

Die Gespenster der Vergangenheit schienen gebannt - nun erlebt Osttimor, der jüngste Staat der Welt, nach nur sieben Jahren ein tragisches Deja-vu. Statt Aufbruch und Hoffnung regieren wieder Hunger und Macheten. Die wohl schwerste Krise seit der Unabhängigkeit kündigte sich spätestens Ende vergangenen Monats an, als fast 600 Soldaten - etwa 40 Prozent der Streitkräfte - entlassen wurden und einen Aufstand begannen. Regierungsvertreter sprachen von nötigen Sparmaßnahmen, die Meuterer von politischer Willkür. Die meisten von ihnen stammen aus dem Westen der Insel und fühlen sich gegenüber den Kameraden aus dem Osten benachteiligt.

Fragiles Gebilde

Binnen kürzester Zeit schlossen sich bis zu 2000 Insulaner den Rebellen an, die bald die Bewohner der Hauptstadt in Angst und Schrecken versetzten. In der vergangenen Woche wußte sich die Regierung in Dili nicht mehr anders zu helfen, als Australien um militärische Hilfe zu bitten. Wie schon 1999, als die Lage in der damals noch zu Indonesien gehörenden Provinz eskalierte, stellte Canberra rasch eine multinationale Eingreiftruppe zusammen, der auch Neuseeländer, Malaysier und Portugiesen angehören, und entsandte sie auf die kleine Nachbarinsel. Doch auch den 2500 ausländischen Soldaten gelingt es kaum, die Gewalt einzudämmen. Zwar beruhigte sich die Lage am Mittwoch leicht, aber noch immer waren Schüsse in der Hauptstadt zu hören. Die Flüchtlinge, die nun wieder verstärkt Hilfslieferungen erhalten sollen, trauen sich noch nicht in ihre Häuser zurück.

Osttimor: Wieder regieren Hunger und Macheten

Daß eine Revolte von ein paar hundert Soldaten einen Staat an den Rand des Abgrunds führen kann, zeigt, wie fragil das Gebilde ist, das seit 2002 einen stolzen Sitz bei den Vereinten Nationen hält. Erst vor einem Jahr waren die letzten Soldaten der internationalen Schutztruppe abgezogen worden, die seit 1999 die Ruhe in dem von Guerrillakriegen zerrissenen Land aufrechterhalten hatte. Zahlreiche Entwicklungsorganisationen und politische Berater blieben auf der kleinen, verarmten Inselhälfte, die ohne Hilfe von außen nicht überlebensfähig ist. Die beschwerlichen Aufbauarbeiten werden überschattet von ungelösten ethnischen und religiösen Konflikten, die die mehr als 20 Jahre währende Besetzung durch Indonesien hinterlassen hat - und von Rivalitäten, die innerhalb der neuen Führung aufgebrochen sind.

„Wen kümmert's?“

Hintergrund der bürgerkriegsähnlichen Zustände ist ein Machtkampf in Dili, der die Spannungen und Verwerfungen der vergangenen Jahre widerspiegelt. Im Mittelpunkt steht Premierminister Mari Alkatiri, der als Muslim (arabischer Abstammung) vielen der überwiegend katholischen Osttimoresen ein Dorn im Auge ist. Die Befreiung von Indonesien bedeutete für viele Insulaner auch das Abschütteln einer islamisch dominierten Kultur. Nun wird Osttimor von einem Muslim regiert, der obendrein wenig Sensibilität für religiöse Belange zeigt. Unmut rief Alkatiri unter anderem hervor, als er den Religionsunterricht an den Schulen zum Wahlfach herabstufte. Als er auf die wachsenden Straßenproteste von Katholiken angesprochen wurde, sagte er: „Das macht mir keine Sorgen, weil ich weiß, daß ich sowieso in der Hölle landen werde - also wen kümmert's?“

Die katholische Kirche, die für mehr als 90 Prozent der knapp eine Million zählenden Einwohner spricht, kündigte schon jetzt offenen Protest an, falls Alkatiri im kommenden Jahr abermals zu den Wahlen antreten sollte. Womöglich noch heikler ist Alkatiris gespanntes Verhältnis zu Staatspräsident Xanana Gusmao, dem international bekanntesten Helden des Unabhängigkeitskampfs. Beide Politiker gehörten - wie die meisten, die im modernen Osttimor Macht innehaben - der „Revolutionsfront Unabhängiges Osttimor“ (Fretilin) an, die gegen die indonesische Besatzung kämpfte. Aber sie stützen sich auf unterschiedliche Fraktionen. Während Gusmao, der jahrelang in indonesischer Haft mit Diplomaten verkehrte, zur liberalen Mitte tendierte, hält Alkatiri, gestählt im afrikanischen Exil, an einer sozialistischen Ideologie fest. „Militär und Polizei sind praktisch in ein Gusmao-Lager und ein Alkatiri-Lager gespalten“, sagt ein Beobachter aus Singapur.

Schwacher Präsident

Alkatiris antiwestlicher Kurs brachte ihm einigen Ruhm ein. In den Verhandlungen mit Australien über die Ausbeutung des Gasfeldes „Greater Sunrise“ vor der Küste Osttimors holte er viel heraus für sein Land. Bei anderen Aktionen sah ihm aber nicht nur Gusmao mit zusammengebissenen Zähnen zu. Alkatiris Annäherungsversuche an die Volksrepublik China und die neuen sozialistischen Regierungen in Lateinamerika stoßen in Dili auf ebensoviel Mißtrauen wie seine brüske Ablehnung eines Weltbank-Kredits, mit der er offenbar die Unabhängigkeit der bitterarmen Nation beweisen wollte.

Daß sich Alkatiri wenig um andere Meinungen schert, wurde auch während der Entlassung der Soldaten deutlich, die Gusmao öffentlich als „falsch“ bezeichnete, jedoch nicht verhindern konnte. In Osttimor ist der Präsident schwach und der Premierminister stark - eine Konstellation, die Alkatiri mit einigem Druck während der Verfassungsberatungen durchgesetzt hatte.

Am Dienstag abend sprengte Gusmao seine Fesseln und rief einen 30 Tage dauernden Ausnahmezustand aus. Der Oberbefehl über die Sicherheitskräfte liege nun bei ihm, sagte er. Obwohl er versicherte, daß die Maßnahme in enger Abstimmung mit dem Premierminister getroffen worden sei, glich die Erklärung einer Kampfansage, weil sie nicht nur Alkatiri an den Rand drängte, sondern auch dessen engste Verbündete, Innenminister Rogerio Lobato und Verteidigungsminister Roque Rodrigues.

Weg aus der politischen Sackgasse

Alkatiris Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Am Mittwoch behauptete er, Gusmaos Erklärung sei nicht korrekt übersetzt worden. Er beharrte darauf, daß die Macht über die Streitkräfte weiterhin in seinen, des Premierministers, Händen liege. Außerdem kündigte er an, bis zu den Wahlen im kommenden Jahr im Amt zu bleiben. Zuvor hatten die Rebellen abermals seinen Rücktritt gefordert. Leutnant Gastao Salsinha, ein Anführer der aufständischen Soldaten, hatte gesagt, er sei „nicht glücklich“ über Gusmaos Entscheidung. Der Präsident hätte den Premierminister seines Amtes entheben müssen. Alkatiris Sturz scheint zum obersten Ziel der Meuterer geworden zu sein.

In Canberra, wo nun mehr als in Dili über die Sicherheit in Osttimor entschieden wird, gibt man sich keinen Illusionen hin. Er rechne mit einer Stationierungsdauer von mindestens sechs Monaten, sagte der australische Streitkräftechef Angus Houston nach einer ersten Lageeinschätzung. Verteidigungsminister Brendon Nelson machte am Mittwoch zugleich die Grenzen des australischen Engagements deutlich: „Was in Osttimor passieren wird, hängt stark davon ab, daß die osttimoresische Führung einen Weg aus der politischen Sackgasse findet.“

Quelle: F.A.Z., 01.06.2006, Nr. 126 / Seite 8
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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.

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