Home
http://www.faz.net/-gq5-74h7k
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ostkongo Goma ist wieder in der Hand der Räuber

 ·  Die Rebellen des „M23“ haben die ostkongolesische Provinzhauptstadt Goma angegriffen und erobert. Die reguläre Armee ist geflüchtet. Und hat die kriegsversehrte Bevölkerung neuen Kriminellen überlassen.

Artikel Bilder (3) Video (1) Lesermeinungen (6)
© AFP UN-Hubschrauber in sicherer Entfernung: „M23“-Rebellen am Ufer des Kivu-Sees am Rande von Goma

Roger Bangana klingt übermüdet und verstört. „Was willst Du hören, außer, dass wir wieder einmal als Geiseln genommen werden“, sagt er. Seit drei Uhr am Dienstagmorgen hocken er und seine Frau  zusammen mit den vier Kindern im Schlafzimmer ihrer kleinen Behausung in Goma und beten, dass keine Granate auf das Wellblechdach fällt. Draußen, das ist am Telefon deutlich zu hören, tobt ein wildes Feuergefecht – Gewehrsalven aus automatischen Waffen, dazwischen das dumpfe Wummern von Granatwerfern. Goma, die wunderschön am Kivu-See gelegene Metropole Ostkongos, ist Kriegsschauplatz, seit die Rebellen des „M23“ am Montagabend ihre Drohung wahrgemacht und die Stadt angegriffen hatten.

Sie haben die Präsidentengarde am Flughafen überrannt und sind anschließend die Straße vom Flughafen  hinunter bis zum „Rond-Point des Gorilles“ im Stadtzentrum vorgedrungen. Von dort aus arbeitete sich eine Kolonne der Kämpfer über die „Avenue de l’Independance“ zum nahegelegenen Grenzposten nach Ruanda vor, die andere stieß über den „Boulevard Kanya Muhanga“ und den „Rond-Point Bralima“ bis zur „Rue de Sake“ vor - dort, wo Roger wohnt. Die Straße ist die letzte offene Verbindung aus Goma heraus. Sie führt nach Bukavu am südlichen Rand des Kivu-Sees. Und sie ist die Straße, über die die kongolesische Armee vor den Rebellen flieht. „Unsere glorreiche Armee übt sich wieder einmal in ihrer besten Disziplin, dem hastigen Rückzug“, sagt Roger. Und dann muss er selbst lachen über seinen  tiefschwarzen Humor trotz der misslichen Lage. Plündern die Soldaten? „Die nehmen seit Montagabend alles mit, was nicht festbetoniert ist“, sagt Roger. Und die Rebellen? „Nichts davon gehört, aber ich kann ja schlecht die Nase vor die Tür stecken“. Habt ihr zu essen? „Nichts, nur noch zwei Flaschen Cola, die Kinder haben großen Hunger“, sagt er.

Ruanda beliefert die Rebellen mit Kriegsgerät

Goma, die „Perle am Kivu-See“, ist wieder einmal unter die Räuber gefallen. Dieses Mal nennt sich die Bande „M 23“ - nach dem Datum ihrer Eingliederung in die kongolesische Armee, dem 23. März 2009. Im Mai dieses Jahres war die ganze Truppe, die früher auf Seiten den Rebellengenerals Laurent Nkunda kämpfte,  desertiert, weil sie sich schlecht behandelt fühlte. Die Rebellen gehören alle zu den beiden großen Tutsi-Gruppen in Ostkongo und damit zur gleichen Ethnie wie der ruandische Präsident Paul Kagame, dessen Regime die Rebellen mit allem beliefert, was man so braucht zum Krieg.  Der „M23“ hatte weite Teile der Provinz Nord-Kivu besetzt und war nach einem fehlgeschlagenen Angriff der kongolesischen Armee Mitte vergangener Woche auf Goma marschiert.

Am Montag hatten die Rebellen der Regierung in Kinshasa ein Ultimatum gestellt, innerhalb von 24 Stunden „politische Verhandlungen“ nicht nur mit ihnen, sondern auch den kongolesischen Oppositionsparteien, der Zivilgesellschaft und den Vertretern der Diaspora aufzunehmen. Regierungssprecher Lambert Mende hat dies umgehend abgelehnt, die ruandische Führung abermals der Einmischung in innerkongolesische Angelegenheiten bezichtigt, woraufhin die Rebellen angriffen. Die angebliche Elitetruppe der Präsidentengarde, die am Flughafen stationiert ist und dort seit eh und je kriminellen Machenschaften nachgeht, wurde in die Flucht geschlagen.

Die Blauhelmsoldaten der UN-Friedensmission für Kongo, Monusco, gingen in Deckung, trotz der vorangegangen Beteuerungen von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, die Truppe werde die Bevölkerung von Goma schützen. Die kongolesische Armee feuerte  zum Abschied noch ein paar Granaten über die Grenze in die ruandische Stadt Gisenyi, wobei dem Vernehmen nach zwei Zivilisten ums Leben kamen. Die ruandische Militärführung beteuerte zwar, sie werde auf diese „Provokation“ nicht reagieren, tatsächlich aber schlugen nur zwei Minuten später Artilleriegeschosse aus Gisenyi  am „Rond-Point Bralima“ in Goma ein. Der Gouverneur der Provinz Nord-Kivu,ein Wendehals von vielen, der sich zuerst bei von Ruanda ausgehaltenen Rebellen verdingte, bevor er sich auf die Seite von Kabila schlug, weil dort mehr Geld winkte, tönte noch am Montagnachmittag, die Lage sei unter Kontrolle. Da war der Mann aber schon in Bukavu in Sicherheit.  Um acht Uhr am Dienstagmorgen war Goma nahezu vollständig unter Kontrolle der Rebellen.

Video: Rebellen nehmen Goma ein

Wer Goma kontrolliert, kontrolliert Ostkongo

Wie viele Menschen von den neuen Kämpfen fliehen mussten, ist derzeit völlig unklar. Viele der in Goma stationierten Hilfsorganisationen haben ihr Personal abgezogen. Die Rede ist von bis zu einer halben Million Flüchtlingen, von denen allerdings niemand zu sagen vermag, wo genau sie sich aufhalten.

Dabei ist der Fall von Goma von hoher symbolischer Bedeutung. Wer diese Stadt  kontrolliert, kontrolliert nicht nur den wilden Osten Kongos, sondern hat auch entscheidenden Einfluss auf die Ereignisse im fernen Kinshasa. Der Sturz des kongolesischen Diktators Mobutu Sese Seko begann mit der Einnahme der Stadt am Kivu-See durch die ruandische Armee in den späten neunziger Jahren, als sich die riesigen Flüchtlingslager in Goma, die im Gefolge des Völkermordes in Ruanda 1994 entstanden waren, zu einer militärischen Basis für die ruandischen Völkermörder entwickelt hatten. Die ruandische Führung rekrutierte damals den kongolesischen Berufsrebellen Laurent-Désiré Kabila und inthronisierte ihn in Kinshasa. Als Kabila seiner „Freunde“ aus Kigali überdrüssig wurde, inszenierten die Ruander die nächste Rebellion mit der Truppe „Rassemblement congolais pour la démocratie“ (RCD). Diese Rebellen hatten nichts Eiligeres zu tun, als Goma zu erobern.

Insofern kann der neuerliche Fall der Stadt durchaus als Anfang vom Ende des derzeitigen Präsidenten Joseph Kabila gewertet werden. Kabila ist seit nunmehr zehn Jahren an der Macht, die Explosivität der ethnischen und wirtschaftliche Gemengelage im Osten aber scheint er bis heute nicht verstanden zu haben. Sonst hätte er die beiden Provinzen Nord- und Süd-Kivu nicht der Willkür einer marodierenden Armee und hochkorrupten Provinzfürsten überlassen. Kabila hat es auch nicht für nötig empfunden, nach dem Ausbruch der jüngsten Rebellion Anfang dieses Jahres nach Goma zu reisen, um das zu tun, was ein gewählter Präsident in einer solchen Situation tun muss: den Menschen Mut zuzusprechen. Am Dienstag ließ der kongolesische Staatschef die schockierte Bevölkerung über das  Fernsehen ausrichten, er erwarte „die Mobilisierung der gesamten Nation zur Verteidigung unserer Souveränität“. Anschließend hatte Kabila offenbar besseres zu tun, als die Rückeroberung der drittgrößten Stadt des Landes zu organisieren und entschwand nach Kampala in Uganda zu einer internationalen Konferenz. Thema: „Die Sicherheit in der Region der Großen Seen“.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

Jüngste Beiträge

Antiterrorkampf 2.0

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Obama möchte das Kapitel, das am 11. September 2001 begann, schließen. Mit dieser Absicht aber steht seine Verantwortung als Präsident und Oberbefehlshaber in einem Spannungsverhältnis, das schwer aufzulösen ist. Mehr 15 3