20.10.2006 · Im ostanatolischen Batman sorgen die zahlreichen Selbstmorde von Frauen für Aufsehen. Aus Furcht vor Zwangsehen und Gewalt in ihren Familien wählten sie den Tod. Nach dem jüngsten Selbstmord in der Stadt begehren Frauen nun gegen die Männerwelt auf.
Von Rainer Hermann, BatmanSaliha Demir war 18 Jahre alt, als sie sich mit einem Elektrokabel erhängte. Ihre Eltern wollten sie mit einem 60 Jahre alten Mann verheiraten. Sie sollte seine dritte Frau werden. Man trug ihren Namen in die Liste der jungen Frauen ein, die in der ostanatolischen Stadt Batman ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt haben - Saliha Demir war in diesem Jahr die fünfzehnte. Die meisten von ihnen waren durch die Männer ihrer Familie in den Tod getrieben worden. Angeblich hatten sie gegen die „Ehre“ der Familie verstoßen.
Nurten Üzümcü, die junge Stellvertreterin des Bürgermeisters, regt sich darüber auf, daß heute die ganze Welt über die Selbstmorde in Batman redet: In der westanatolischen Provinz Mugla nähmen sich mehr Menschen das Leben. In Batman aber sind es junge Frauen, die keinen anderen Ausweg mehr sehen. Und in dieser Stadt ist eine Bewegung entstanden, die den Frauen beistehen will, sich für das Leben zu entscheiden.
Frauenzentrum in Batman leistet „erste Hilfe“
Beide Mitarbeiterinnen des „Frauenzentrums“ (Kadin Merkezi, Kamer) sind Anfang Zwanzig und voller Idealismus. Inci Erdogan trägt keinen Schleier, dafür enge Hosen und zartrosa Sportschuhe. Ihr Abitur hat sie an einer Fernschule nachgeholt. Seher Süer verhüllt das Haupthaar mit einem bunten Kopftuch und kleidet sich mit einem langen, weit ausladenden Rock. Sie nehmen sich als erste der Frauen an, die Rat suchen und die aus Angst vor der Gewalt ihrer Männer nicht in die Familien zurückwollen.
Gegründet wurde das „Frauenzentrum“ vor vier Jahren nach dem Vorbild des Zentrums in Diyarbakir. Inzwischen ist das Netz von „Kamer“ in 13 Städten des kurdischen Südostanatoliens vertreten. In Batman leisten Inci Erdogan und Seher Süer „erste Hilfe“, dann ziehen sie jeweils eine ehrenamtliche Psychologin und Juristin hinzu. 13 Gruppen treffen sich regelmäßig. Die Frauen sprechen mit Fachleuten über Themen wie Gewalt in der Familie und Kindererziehung. „Wir kommen als Frauen zusammen, nicht als Lehrerin und Schülerin“, sagt Inci Erdogan.
„Dreißig Jahre Konflikte hinterließen Traumata“
Im Erdgeschoß des schmucklosen Zentrums in der Aydin-Arslan-Straße ist der Modellkindergarten untergebracht. Er wird über Beiträge finanziert. Was die Frauen im Zentrum in den Kursen theoretisch vermitteln, setzen sie dort in die Praxis um. „Wir glauben, daß Söhne und Töchter gleich sind, daß also auch die Söhne im Haushalt mithelfen sollen“, sagt Inci Erdogan. Drohungen gab es noch keine. Gelegentlich kämen aber Männer, die ihnen rieten, doch lieber das zu tun, was die Polizei auch tue: die Frauen nach Hause zu schicken, damit sie ihre Probleme dort lösten. „Diese Männer behaupten allen Ernstes, Feminismus bedeute Feindschaft gegen Männer“, lacht Erdogan. Daher erwidere sie ihnen, Feminismus als Verteidigung der Rechte der Frauen sei doch ein Teil der Menschenrechte.
Noch vor zwei Jahrzehnten hatte sich in Batman keine junge Frau selbst getötet. Dann aber veränderten zwei Entwicklungen die Stadt. „Dreißig Jahre Konflikte hinterließen in den Frauen Traumata“, sagt die stellvertretende Bürgermeisterin Nurten Üzümcü. Im Bürgerkrieg hätten Frauen ihre Männer verloren und Söhne. „Mit ihren nicht aufgearbeiteten psychologischen Problemen strandeten sie dann in den Städten.“
Viele Analphabeten in den neuen Vierteln
In Batman wirken die Hauptstraßen modern. Es gibt Geschäftshäuser aus Glas und Beton, Jugendliche flanieren an dem Kino vorbei, das nach Yilmaz Güney benannt ist, dem legendären kurdischen Filmemacher, dessen Filme in der Türkei lange verboten waren. Der erste Eindruck täuscht jedoch. In zehn Jahren hat sich die Einwohnerzahl auf eine halbe Million verdoppelt, und die Viertel hinter den Vorzeigealleen sind archaisch wie viele ihrer Bewohner. Die Städter im Zentrum hielten noch am ehesten bei der Modernisierung mit, beobachtet Inci Erdogan. Anders gehe es aber in den Armenvierteln der Vororte zu, in denen sich die kurdischen Zuzügler aus den Dörfern niedergelassen haben, sowie in jenen Vierteln, in denen radikale Islamisten, die Hizbullahis, wohnten, die ihre Frauen völlig verschleierten.
Gerade in den Vierteln der Neuankömmlinge und der Frommen sind viele Frauen Analphabeten. Den stärksten Einfluß üben dort Hodschas aus, die gewiß nicht den Fortschritt predigen. Zum ersten Mal habe die Stadtverwaltung im März 2005 in einem dieser Vororte ein Informationszelt errichtet, erinnert sich Nurten Üzümcü. Die Männer hätten den Aktivitäten der Frauen jeglichen Ernst abgesprochen.
Gewalt geht vom Vater aus, Söhne wenden sie an
Sie ließ sich aber nicht davon abbringen, gemeinsam mit den Abgeordneten im Stadtrat auf die Frauen in diesen Vierteln zuzugehen. In drei neu eröffneten „Volkshäusern“ können sich die Frauen - wie die Männer in ihren Teehäusern - treffen. Ein neuer Radiosender versucht, die jungen Frauen, die ihre Häuser nicht verlassen dürfen, ans Telefon zu bekommen. Das Radio soll damit die Wirkung des Fernsehens korrigieren. „Dort sehen sie das schöne Leben, ihre Wirklichkeit ist aber das genaue Gegenteil“, sagt die Frauenrechtlerin Seher Süer. Die Jungen könnten in das schöne Leben Istanbuls fliehen, die Mädchen aber hätten keine Fluchtmöglichkeit.
Inci Erdogan weist auf die Rechtlosigkeit der Frauen hin: „Bei Erbschaften gehen sie leer aus, nicht selten sind sie Opfer von Inzest, und nicht wenige Väter weigerten sich, ihre Töchter auf die Schule zu schicken, weil sie dort Schreiben lernten und damit auch das Schreiben von Liebesbriefen.“ Die Gewalt geht zwar vom Vater aus, aber es sind oft die Söhne, die sie anwenden. Jüngst habe ihr ein Mädchen geschildert, wie ihr Bruder sie bedroht habe, nur weil sie Jeans angezogen habe, berichtet Inci Erdogan.
Männer denken traditioneller als Frauen
„Namus“ heißt das Codewort, die „Ehre“ der Familie, die nicht befleckt werden darf. „Namus aber bedeutet, daß die Töchter in eine geschlossene Schachtel gesteckt werden“, klagt sie. Viele der registrierten Selbstmorde seien daher gewöhnliche sogenannte Ehrenmorde, die zum Schutz der Familie als Selbstmorde getarnt würden. Das bestätigten die Obduktionen. Eingang in die Untersuchungsberichte finden diese Erkenntnisse aber nicht.
„Die Männer, auch die Söhne denken viel traditioneller als die Frauen“, sagt die verschleierte Seher Süer. Unverändert setzten sie Heiraten unter Cousins durch, ohne Rücksicht auf die Gefahr der Geburt von behinderten Kindern. Wird eine Tochter verheiratet, werden zunächst alle Cousins durchgefragt. „Sagt einer zu, kann sie sich die Heirat mit einem anderen aus dem Kopf schlagen.“ Einigkeit besteht, daß nur Bildung und Arbeit die archaischen gesellschaftlichen Strukturen aufbrechen können.
„Keine weiteren Salihas“
Selis, das Frauenhaus der Stadtverwaltung, biete Alphabetisierungskurse für Frauen aller Generationen und psychologische Betreuung an, sagt dessen Leiterin Gülistan Taskin. Das Frauenzentrum „Kamer“ vergibt neuerdings an Frauen Kleinkredite, damit sie sich selbständig machen.
Die Frauen von Batman nehmen die Selbstmorde nicht länger hin. Als Saliha Demir zu Grabe getragen wurde, schlossen sich aus ihrem Viertel Camlica neun Mädchen ihres Alters zusammen. Mit Schildern, auf denen geschrieben stand, daß es „keine weiteren Salihas“ geben dürfe und daß nun Schluß sein müsse mit den Selbstmorden, zogen sie schweigend durch die Straßen Batmans. Mit ihrem Marsch hätten sie allen Frauen Batmans Mut gemacht, freute sich sogar die Istanbuler Presse.
Flucht in den Tod
norbert doerre (ndoerre)
- 20.10.2006, 14:48 Uhr
Was erwartet ihr?
Meut Hässler (Haesller)
- 20.10.2006, 18:30 Uhr
halloooooooo......
christian rohloff (elvisthe)
- 20.10.2006, 18:39 Uhr
Hr. Rohloff was ist der Islam????
Cem Öngen (mcem)
- 20.10.2006, 19:40 Uhr
Herr Rohlhoff
Meut Hässler (Haesller)
- 21.10.2006, 02:19 Uhr
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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