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Organisierter Kindesmissbrauch : Die Angst, ein Rassist zu sein

Jahrelang wurde in Rotherham über den organisierten Kindesmissbrauch geschwiegen - nun ist die Stadt aufgewacht Bild: AP

In der nordenglischen Stadt Rotherham wurde jahrelang nichts gegen Pädophilenringe unternommen. Vermeintliche „Political Correctness“ bei Polizei und Behörden begünstigte den organisierten Kindesmissbrauch. Das hat nun Konsequenzen.

          Rotherham, eine mittelgroße Stadt im Norden Englands, erlangt traurige Berühmtheit als Hochburg des organisierten Kindesmissbrauchs. Laut eines Untersuchungsberichts wurden dort in den vergangenen 16 Jahren mindestens 1400 Minderjährige sexuell missbraucht. Obwohl Stadträte, Kommunalbeamte und Polizisten mehrfach darüber informiert wurden, dass örtliche Banden Mädchen systematisch schlagen, vergewaltigen und als Handelsware versklaven, blieben sie tatenlos. Ein Grund dafür, heißt es in dem Bericht, sei die Sorge gewesen, als rassistisch angesehen zu werden.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Der Bericht, der im vergangenen November in Auftrag gegeben und nun von der Sozialexpertin Alexis Jay vorgestellt wurde, schlug ein wie eine Bombe. Nur wenige Stunden nach seiner Veröffentlichung erklärte Roger Stone, Fraktionschef der Labour Party im Stadtrat von Rotherham, seinen Rücktritt. Sein Parteifreund Shaun Wright, der viele Jahre für die Polizei zuständig war, stemmt sich noch gegen Rücktrittsforderungen; die Ergebnisse des Berichts seien für ihn selbst eine „Überraschung“ gewesen, verteidigte er sich.

          Ein „Kollektivversagen“

          Rotherham erlangte erstmals überregionale Aufmerksamkeit, als vor vier Jahren fünf Männer mit pakistanischen Wurzeln zu hohen Haftstrafen verurteilt wurden. Sie hatten englische Mädchen über Jahre als Sexsklavinnen gehalten. Zeitungsrecherchen in Rotherham ergaben dann, dass die Behörden von den Pädophilenringen in ihrer Stadt gewusst haben, ohne etwas zu unternehmen. Inzwischen scheint die Stadt aufgewacht. Zurzeit laufen 32 Ermittlungsverfahren gegen Kinderschänder. In den vergangenen zwölf Monaten wurden 15 Männer einem Richter vorgeführt.

          Der Untersuchungsbericht, der sich auf zahlreiche Zeugenaussagen stützt, bestätigt das jahrelange „Kollektivversagen“ von Politik, Polizei und Sozialbehörden. Lehrer warnten lange Zeit, dass Kinder und junge Mädchen vor den Schulen von Männern in Taxis angelockt würden, oft mit dem Versprechen, ihnen Handys oder Drogen zu schenken. Taxifahren gilt in Rotherham bis heute als gefährlich für junge Mädchen. Bei den Opfern - die jüngsten waren elf Jahre alt - handelt es sich oft um Töchter aus zerrütteten Familien, manche mit psychischen Problemen. Nicht alle beschreiben ihr Schicksal als erzwungen. Manche sprechen von ihrem Peiniger als „Freund“ oder „Beziehungspartner“.

          Opfer wurden „mit Verachtung„ behandelt

          Berichte über die Zustände in Rotherham seien von den Behörden „unterdrückt oder ignoriert“ worden, heißt es in dem Jay-Report. Einem Gutachter, der im Auftrag des Innenministeriums Informationen zusammentrug, sei im Jahr 2002 von ranghohen Polizeibeamten bedeutet worden, seine Vorwürfe nicht zu wiederholen. Örtliche Sozialarbeiter, die die Lage der Opfer an die Polizei und das Jugendamt gemeldet hatten, seien von Vorgesetzten zurechtgewiesen und beruflich herabgestuft worden. Auch auf unmittelbare Ansprache reagierten die Behörden offenbar taub. Opfer, die sich bei der Polizei meldeten, seien „mit Verachtung“ behandelt worden, heißt es in dem Bericht. Die Eltern betroffener Mädchen seien von der Polizei abgewiesen oder sogar eingesperrt worden.

          Die Autoren des Berichts halten für alle Fälle fest, „dass die Mehrheit der Kinderschänder in Großbritannien weiße Männer sind“, bevor sie darauf zu sprechen kommen, dass die Täter in Rotherham mehrheitlich pakistanischer Herkunft sind, während ihre Opfer überwiegend weiße Mädchen sind. „Einige Stadtangestellte beschrieben ihre Nervosität, die ethnischen Wurzeln der Täter zu identifizieren, weil sie befürchteten, für rassistisch gehalten zu werden“, hält der Bericht fest. „Andere erinnerten sich an klare Weisungen, so zu handeln.“

          Führende Lokalpolitiker und Polizisten hätten die „ethnische Dimension heruntergespielt“, sagte Jay. Der Bericht zitiert Lokalpolitiker, die befürchteten, mit der Bekanntgabe der Herkunft der Täter rechtsradikale Gruppierungen zu stärken. Zu Wort kommen auch junge Leute, die die Lage in Rotherham in den vergangenen Jahren so wahrnahmen, „dass die Polizei nichts gegen asiatische Jugendliche zu tun wagt, aus Angst vor Rassismusvorwürfen“.

          Der Bericht strahlt über Rotherham hinaus aus. Die Unfähigkeit der lokalen Behörden, Mädchen vor sexueller Gewalt zu schützen, sei „erschreckend“, hieß es am Amtssitz des Regierungschefs in London. Kommentatoren konservativer Blätter setzten sich am Mittwoch mit der Karriere auseinander, die der Begriff Rassismus im Königreich gemacht hat. „Rassismus ist zu einem derart hysterischen Topos geworden, dass er alle anderen moralischen Sorgen unterpflügt, in diesem Fall die Sorge um unsere Kinder“, schrieb der Kommentator des „Spectator“.

          Quelle: F.A.Z.

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