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Open Think Tank Ein „Facebook“ für Außenpolitik?

Bundespräsident Horst Köhler weihte die „Atlantische Initiative“ zu einem von 365 Orten der Kampagne „Deutschland - Land der Ideen“. Im Internet hat sie unter „atlantic-community.org“ eine Art „facebook“ für Außenpolitik geschaffen. Nun droht dem Think Tank das Geld auszugehen.

© AFP Vergrößern Prominenter Empfänger der politischen Memos: Nato-Generalsekretär de Hoop-Scheffer

So ein Format der außenpolitischen Debatte gab es in Deutschland noch nicht, da war sich die Jury einig. Bundespräsident Horst Köhler weihte deshalb die „Atlantische Initiative e.V.“ zu einem von 365 Orten der Kampagne „Deutschland - Land der Ideen“. Mit dieser Auszeichnung wurde eine Plexiglasplakette für die Hauswand überreicht. Erst einen Monat ist das her und noch steht die Trophäe im Regal der Geehrten. Am Gebäude in der Berliner Wilhelmstraße könnte sie zur Gedenktafel verkommen. Denn die Bundesregierung muss sparen, was der gelobten Initiative den Garaus bereiten könnte.

Johannes Bohnen und Jan-Friedrich Kallmorgen nennen sich selbst begeisterte Atlantiker. „Nach dem deutschen Nein zum Golfkrieg und der folgenden Krise in den deutsch-amerikanischen Beziehungen hatten wir echte Sorge, dass da auf beiden Seiten viel mehr zerbricht, als unserer Generation lieb sein kann“, sagt Bohnen, der wie Kallmorgen um die vierzig Jahre alt ist. Es wurde wütend demonstriert gegen Amerika, Unverständnis vielerorts deutlich gemacht, aber eine ernsthafte Debatte, so schien es, fand kaum mehr statt. Die beiden Politologen gründeten eine Agentur für Politikberatung und parallel, „aber juristisch streng getrennt dazu“, 2004 ihren Verein Atlantische Initiative. Daraus entwickelte sich drei Jahre später ein besonderer „Think Tank“, eine virtuelle Denkfabrik, in der jeder außenpolitisch Interessierte mitarbeiten kann.

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Teure Kongresse und Fachtagungen ersetzen

Geschaffen wurde im Internet unter „atlantic-community.org“ eine Art „facebook“ für Außenpolitik. Während „facebook“ ein enorm erfolgreiches soziales Netz ist, in dem jedermann weltweit Gleichgesinnte und Freunde finden können soll, wurde „atlantic-community.org“ ein Forum für Außenpolitiker und jene, die sich dafür interessieren. 2500 feste Mitglieder haben sich dort gelistet, Namen von Aarenson, einer Professorin aus Washington, bis Zöller, einem Diplomaten aus Delhi. Die Zugangsbarriere sollte hoch sein. Um ein entsprechendes Niveau zu gewährleisten, werden die ausschließlich englischsprachigen Beiträge der Interessenten in Berlin geprüft, nach Rücksprache redigiert und thematisch geordnet. Als stets neue Diskussionsgrundlagen werden täglich fünf herausragende Meinungsstücke im Netz angeboten, keines länger als 500 Worte.

Zudem wird auf deutsch eine selektive internationale Presseschau geboten, sogar afghanische, iranische und libanesische Zeitungen werden gesichtet. Um das alles kümmert sich hauptamtlich der Chefredakteur Jörg Wolf, ein junger Politologe, sowie vier bezahlte, internationale Hospitanten. Zwei Büroräume auf der Firmenetage der Vereinsgründer sollen auf diese Weise teure Kongresse und Fachtagungen ersetzen. „Viele Studenten bedienen sich bei uns“, sagt Wolf. In der Wissenschaft gilt das als Gefahr, weil im Internet die Quellen oft zweifelhaft sind. Die Redaktion des Forums versichert jedoch, ihre Autoren genau zu prüfen und deren Texte zu filtern, obgleich „erstaunlich feine Qualität“ ankäme. Man sei sich der Verantwortung bewusst, zumal weltweit Politiker, Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen sich dieser gebündelten „kollektiven Intelligenz“ bedienten. Durch Verlinkung und Weiterleitung gebe es 150.000 Leser.

Auch Nato-Generalsekretär Abnehmer

„Seit Obamas Wahlkampf ist das Interesse der Profis an uns gestiegen“, sagt Kallmorgen. Amerikas Präsident wird in der deutschen Politik bewundert, weil er durch seinen Wahlkampf im Internet eine neue Generation für Politik begeistert hat. „Wir aber bieten nicht nur Inhalt“, sagt Kallmorgen, „wir nehmen auf und reichen weiter.“ Aus den Beiträgen werden die stärksten zu „Memos“ gebündelt, einer Seite mit neuen Thesen zu Themen wie: „EU und Afghanistan“ oder „Klima-Wandel und Finanzkrise“. Diese Memos würden an insgesamt 15.000 Politiker weitergereicht, die sie jeweils beträfen, sagt Bohnen. Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop-Scheffer habe sich dankbar für die Informationen gezeigt. So wisse er um die Stimmung interessierter Bürger, die Nato-Einsätze letztendlich bezahlten.

250.000 Euro im Jahr koste die Arbeit der Atlantischen Initiative, sagen Bohnen und Kallmorgen. Ein Drittel zahlten sie aus eigener Tasche, ein Drittel verdiene ihr Team durch „Service-Arbeiten“, Recherchen etwa für andere Stiftungen oder auch die Nato.

Das letzte Drittel gab bisher das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, 2008 seien es 80.000 Euro gewesen. Doch die Quelle versiege bald, wie der Vorstand von einigen der namhaften Beiratsmitglieder erfuhr, darunter zahlreiche Außenpolitiker fast aller Fraktionen des Bundestags. Ein „Brandbrief an die Politik“ ist schon getippt, aber noch nicht abgeschickt. „Wir schreiben Ihnen in einer Notlage“, heißt es darin. Der „Open Think Tank“ sei in Gefahr. Gebeten wird um Ideen, wie die erwartete Finanzlücke geschlossen werden kann - eine von bald sehr vielen im Land der Ideen.

Quelle: F.A.Z.

 
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