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Boris Johnson zum Fall Skripal : „Nur Russland hat die Mittel, ein Motiv und die Erfahrung“

  • Aktualisiert am

Der britische Außenminister Boris Johnson Bild: AFP

Die Organisation für ein Verbot chemischer Waffen hat bestätigt: Sergej und Julia Skripal wurden mit dem Nervengift Nowitschok angegriffen. Für die Regierung in London ist das ein klarer Beweis, wer der Schuldige ist.

          Die Organisation für ein Verbot chemischer Waffen (OPCW) hat die britischen Angaben bestätigt, nach denen der frühere russische Doppelspion Sergej Skripal mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet wurde. Die Fachleute der OPCW sagten aber nichts über die Herkunft des Giftes. Es zeichnete sich aber durch eine „hohe Reinheit“ aus. Die OPCW nennt nicht den Namen des Kampfstoffes. Das steht in der Zusammenfassung eines OPCW-Berichtes, die am Donnerstag in Den Haag veröffentlicht wurde.

          Für die britische Regierung ist die Schuldfrage damit geklärt. „Es gibt keinen Zweifel, was benutzt wurde, und es gibt keine andere Erklärung, wer dafür verantwortlich ist – nur Russland hat die Mittel, ein Motiv und die Erfahrung“, teilte Außenminister Boris Johnson am Donnerstag in London mit. Deshalb hat Großbritannien eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats zu dem Thema beantragt. Die Sitzung solle voraussichtlich in der kommenden Woche stattfinden, verlautete am Donnerstag von der britischen Vertretung bei den Vereinten Nationen.

          Die Analysen der Boden- und Gewebeproben „bestätigen“ die Ergebnisse der britischen Wissenschaftler. Das britische Militärlabor Porton Down hatte Anfang April das Gift als Nowitschok identifiziert. „Herauszufinden, wo es hergestellt wurde, ist nicht unsere Aufgabe“, sagte der Leiter des Labors, Gary Aitkenhead. Nowitschok wurde allerdings in der früheren Sowjetunion hergestellt. Die britische Regierung hatte die internationalen Chemiewaffenexperten der OPCW danach gebeten, in dem Fall zu weiter zu ermitteln. Nach Angaben der OPCW wird der Name des Giftes sowie die genaue Struktur des chemischen Giftes im vollständigen Bericht genannt. Der sei aber nur für die Mitgliedstaaten zugänglich.

          Unterdessen sagte der Chemiker und Toxikologe Ralf Trupp der Deutschen Presse-Agentur, das verwendete Nervengift deute auf eine staatliches Herkunft hin. Das könne aus dem in dem Bericht festgestellten hohen Reinheitsgrad des Kampfstoffes und aus den nur geringen Verunreinigungen geschlossen werden. „Es wurde Arbeit investiert in die Reinigung des Kampfstoffes“, erläuterte Trapp den OPCW-Bericht. Das sei typisch für Substanzen aus einem staatlichen Labor oder staatlichen Programm, sagte der Fachmann, der als Berater auch für die OPCW und die Vereinten Nationen tätig war. Zwar weist ein hoher Reinheitsgrad auf ein staatliches Labor hin, kann bei der Suche nach den Drahtziehern des Anschlags auch ein Nachteil sein: Denn Verunreinigungen können Experten helfen, die Ursprungsquelle des Nervengifts herauszufinden.

          Skripal und seine Tochter Julia waren Anfang März im südenglischen Salisbury vergiftet worden. Julia wurde kürzlich aus dem Krankenhaus entlassen. Ihr Vater wird weiter in der Klinik behandelt. Er ist seiner Tochter zufolge ernsthaft krank. Auch sie selbst leide noch unter den Folgen der schweren Vergiftung.

          London hatte Moskau als Drahtzieher des Anschlags beschuldigt. Das wiederum wurde von Russland vehement zurück gewiesen. Der Streit führte zu einer schweren diplomatischen Krise zwischen dem Westen und Russland. Dutzende Diplomaten wurden wechselseitig ausgewiesen.

          Julia Skripal verzichtet auf russische Unterstützung

          Die Tochter des ehemaligen Spions hatte am Mittwochabend Hilfsangebote der russischen Botschaft in London abgelehnt. Zwei Tage nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus erklärte Julia Skripal, ihr sei von der diplomatischen Vertretung freundlich jede Form der Unterstützung angeboten worden. „Zurzeit möchte ich ihre Dienste nicht in Anspruch nehmen“, hieß es in einer in ihrem Namen von der britischen Polizei verbreiteten Mitteilung. „Wenn ich meine Meinung ändere, weiß ich, wie ich sie kontaktieren kann.“

          Die russische Botschaft hatte zuvor kritisiert, dass ihr konsularischer Kontakt zu Julia Skripal verwehrt worden sei. Sie bezweifelte, dass die Erklärung von Skripal selbst verfasst worden sei. Der Text sei so zusammengestellt worden, dass er die offizielle Linie der britischen Behörden unterstütze und zugleich Kontakte zur Außenwelt unterbinde, erklärte die Botschaft. „Zusammenfassend bestärkt das Dokument Spekulationen, dass wir es mit einer erzwungenen Isolierung einer russischen Bürgerin zu tun haben."

          Die 33 Jahre alte Frau war am Montag aus dem Krankenhaus in der südenglischen Stadt Salisbury entlassen worden. Sie wurde an einen unbekannten Ort gebracht. Noch fühle sie sich nicht in der Lage, ein Interview zu geben, hieß es in der Erklärung. Sie leide weiter unter den Folgen des Anschlags, und ihr Vater sei noch ernsthaft krank. Der frühere Oberst beim russischen Militärgeheimdienst lebt in Großbritannien. Er wurde 2004 in Russland verhaftet, weil er die Namen Dutzender Agenten an britische Dienste verraten hatte. 2010 kam er im Zuge eines Agentenaustauschs frei.

          Der Anschlag zeige, wie rücksichtslos Russland vorgehe und wie wenig sich der Kreml an internationale Regeln halte, sagte der Chef des britischen Geheimdienstes GCHQ, Jeremy Fleming.

          Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Artikels wurde fälschlicherweise erklärt, dass das Nervengift Nowitschok nach Ansicht der OPCW aus Russland stamme. Die OPCW hat jedoch lediglich die Ergebnisse britischer Untersuchungen bestätigt, wonach es sich bei dem Gift auf jeden Fall um Nowitschok handelt – was in der ehemaligen Sowjetunion hergestellt wurde. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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