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Olympia 2012 Feiern, als gäbe es kein Morgen

 ·  Einst hieß es, Olympia in London sollten weniger als vier Milliarden Euro kosten. Nun sollen es zwölf Milliarden sein. Die Briten wollen die Spiele trotzdem genießen. Denn es gibt schon genug Gründe im Land, verunsichert zu sein.

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© Getty Images Endspurt: Das olympische Feuer wird durch die britische Hauptstadt getragen

Der erste olympische Wettkampf begann, ohne dass dies recht erklärt wurde, zwei Tage vor der Eröffnungsfeier und fand vor halbleeren Rängen im fernen Schottland statt. Aufmerksamkeit erreichte dieser überraschend schmucklose Aufschlag eigentlich nur, weil er mit dem ersten kleinen Skandal einherging. Denn als das Damenfußballteam aus Nordkorea im Stadion von Glasgow einlief, zeigten die Anzeigetafeln die Flagge des Erzfeindes Südkorea. Erst nach einer Stunde empörter Verwirrung und einer offiziellen Entschuldigung waren die Nordkoreanerinnen zum Anstoß bereit. Immerhin gewannen sie dann gegen Kolumbien mit zwei zu null.

Nicht alles will den Briten in diesen Tagen gelingen, und auch wenn der Fehler in diesem Fall wohl eher beim Olympischen Komitee lag, wirken ihre Nerven inzwischen ziemlich strapaziert. Lange wähnte sich die Nation als Musterschüler der Olympia-Vorbereitung, dann reihten sich auf einmal Pannen an Pannen, Sorgen an Sorgen. Regenschäden an Straßen, Störungen im U-Bahn-System und drohende Streiks am Flughafen Heathrow stellten das Transportkonzept in Frage. Die Unfähigkeit des Sicherheitskonzerns G4S, zugesagte 10400 private Wachleute abzustellen, ließen die Frage laut werden, wie professionell für die Sicherheit der Spiele gesorgt werde. Schließlich sagten auch noch Wetter-Experten die nassesten und kältesten Spiele aller Zeiten voraus.

Verweigerte Spezialbehandlung

Dann setzte plötzlich der Sommer ein, und die Stimmung schien sich zu drehen. In letzter Minute bliesen die Pass-Kontrolleure ihren angekündigten Streik ab, die Taxifahrer beruhigten sich und wollen nun die ungeliebten „Olympia-Spuren“ auf den Straßen als verbotenes Terrain respektieren. Selbst die Beziehungskrise zwischen David Beckham und den Veranstaltern fand zu einem guten Ende. Fußballspielen darf der frühere Mannschaftskapitän zwar immer noch nicht - da half nicht einmal ein Aufschrei Paul McCartneys -, aber Beckham, der heute vor allem als internationale Mode-Ikone gefeiert wird, gehört nun zu denen, die an diesem Freitagabend die Fackel ins Olympiastadion tragen. „Sehr geehrt“ fühle er sich, kommentierte Beckham sportlich.

Mehr als eine Million Gäste wird in den kommenden 16 Tagen in der britischen Hauptstadt erwartet. So gewaltig ist der Andrang, dass selbst „VIPs“ Bequemlichkeitsabstriche machen müssen. Wenn Bundespräsident Joachim Gauck an diesem Freitagnachmittag den Empfang bei Königin Elisabeth II. verlässt, wird er mit mehr als 120 anderen Staatsoberhäuptern in Busse verfrachtet und im Konvoi in den Olympiapark gefahren. Nicht einmal nach der Eröffnungsfeier darf er sich frei bewegen. Im selben Bus geht es zurück zum Buckingham Palace, wo dann - so das Protokoll - wieder die Limousine bestiegen werden darf.

Das ist schon maximaler Luxus. Unterhalb von Staatsoberhäuptern, Regierungschefs, IOC-Funktionären und „nationalen Sportministern“ - Deutschland hat mit den Ministern für Inneres und Verteidigung übrigens zwei, wenn auch zwei halbe - verweigern die Veranstalter jede Spezialbehandlung. Ministerpräsidenten, Landesminister und Parlamentarier dürfen angeblich nicht einmal die Olympia-Spuren benutzen. Allein aus Deutschland betrifft das 40 Delegationen, wenn die Botschaft in London richtig gezählt hat.

London, versprechen die Veranstalter und inzwischen auch die britischen Zeitungen, will sich in den kommenden Wochen als die schönste, aufregendste und modernste Stadt der Welt präsentieren. Das kann man verstehen, wäre London aus englischer Sicht nicht schon immer die schönste, aufregendste und modernste Stadt der Welt gewesen. Die sympathische Absicht, trotzdem gefallen zu wollen, hat einen Preis, den nicht alle Briten angemessen finden. Aus den weniger als vier Milliarden Euro, die noch in Boomzeiten für die Ausrichtung der Spiele veranschlagt wurden, sind am Ende zwölf Milliarden geworden, die Einnahmen durch Ticketverkauf, Übertragungsrechte und Sponsoren eingerechnet. Inmitten einer Rezession tut das weh.

Das Land hat schon bessere Zeiten gesehen

Vermiesen lassen will man sich die Spiele trotzdem nicht. Auch wenn die Party sündhaft teuer wird - der Champagner ist kaltgestellt und soll jetzt genossen werden. Dass die Briten feiern können, gerade auch sich selbst, haben sie zuletzt im Juni gezeigt, als Hunderttausende das 60. Thronjubiläum ihrer Queen begingen. Für viele sind dies auch kostbare Momente, um der Trübsal des Alltags zu entkommen. „Für die Spiele erwarte ich Hochstimmung, danach garantiere ich für nichts“, lautet die kühle Einschätzung eines europäischen Diplomaten.

Trotz des versprochenen Olympia-Booms veröffentlichte das Nationale Statistikbüro zwei Tage vor Beginn der Spiele deprimierende Zahlen. Die britische Wirtschaft brach in den vergangenen drei Monaten weiter ein. Nach einem Rückgang von 0,3 Prozent im ersten Quartal schrumpfte das Bruttosozialprodukt zwischen Anfang April und Ende Juni sogar um 0,7 Prozent. Das war aus Sicht der Veranstalter eine unwillkommene Erinnerung an die Realitäten jenseits der großen Sportfeier, der noblen Sportstätten und der herausgeputzten Hauptstadt. „London 2012“ findet in einem Land statt, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Das Vertrauen in die Solidität der britischen Wirtschaft ist seit dem Beginn der Finanzkrise erschüttert. Ausgerechnet der Bankensektor, jahrelang der Stolz der Briten, steht im Mittelpunkt der Verwerfungen, ja gilt als ihre Ursache. In den vergangenen Wochen vertieften zwei große britische Bankhäuser das Misstrauen der Bürger. Bei Barclays wurden Angaben zur Festsetzung der Zinssätze gefälscht, bei der HSBC offenbar Drogengelder gewaschen.

In anderen Pfeilern des britischen Gemeinwesens sind ebenfalls Risse entstanden. Die Medien, denen am Geburtsort der Pressefreiheit eine fast konstitutive Rolle zugemessen wird, haben an Glaubwürdigkeit eingebüßt, seit die „Leveson-Kommission“ eine stellenweise frivole Nähe zwischen Politik und Journalismus offenlegte. Anlass der Untersuchungen war ein unappetitlicher Abhörskandal gewesen. Acht Journalisten der inzwischen eingestellten „News of the World“, das teilte die Staatsanwaltschaft in dieser Woche mit, werden sich demnächst vor Gericht verantworten müssen.

Von dem Ruck ist nicht viel übrig

Auch die politische Klasse hat schon mehr Respekt genossen als heute. Der Spesenskandal im Parlament, der vor drei Jahren das Land schockierte, offenbarte ein unerwartetes Ausmaß an Selbstbereicherung und Gier. Die Rücktritte und Strafprozesse, die sich daran anschlossen, demonstrierten zwar die Selbstheilungskräfte der Demokratie, hinterließen aber grundsätzliche Zweifel am Gemeinsinn der Volksvertreter. Von dem Ruck, den sich viele von der neuen Regierung Cameron/Clegg - der ersten Koalition im Königreich - erhofft haben, ist nach gut zwei Jahren nicht viel übrig geblieben.

Als wäre dies nicht Verunsicherung genug, beginnt sich das Land auch außenpolitisch neu zu verorten. Denn „Außenpolitik“ muss man nennen, was Premierminister David Cameron inzwischen in Europa betreibt. Mit seinem Nein zum Fiskalpakt und dem Referendum-Vorbehalt für weitere Kompetenzverschiebungen hat er sich nach Meinung von EU-Fachleuten aus Londons traditioneller Europapolitik verabschiedet. Selbst ein EU-Austritt Großbritanniens wird inzwischen für möglich gehalten - nicht weil Cameron das so will, sondern weil seine oft aus Opportunismus erwachsenen Entscheidungen eine Eigendynamik entwickelt haben.

Gewalt brächte kaum ermesslichen Schaden

Erfolgreiche Olympische Spiele werden möglicherweise das Gefühl im Land verstärken, auch aus eigener Kraft im Mittelpunkt der Welt stehen zu können. Kein europäisches Land ist international so stark vernetzt und verfügt über eine vergleichbare Ausstrahlungskraft. Auch wenn die Weltmachtzeiten lange vorüber sind, fühlen sich noch heute viele Briten mit Städten wie Delhi, Singapur oder Hongkong enger verbunden als mit Madrid oder Rom, auf jeden Fall als mit Brüssel. Denen, die dem verführerischen „do-it-alone“-Ansatz skeptisch gegenüberstehen, gehen langsam die Argumente für eine stärkere Zusammenarbeit mit Europa aus. Als zu tief, zu hoffnungslos nehmen die Briten die „Krise auf dem Kontinent“ wahr.

Cameron nutzte den Tag vor der Eröffnung, um vor 180 internationalen Wirtschaftsbossen für Investitionen auf der Insel zu werben - in ein „Land, das Zugang zum europäischen Markt hat, aber nicht im Euro ist“. Die Ausrichtung der Spiele soll zeigen, was Großbritannien zu leisten imstande ist. Umso mehr wachsen die Erwartungen an einen erfolgreichen Verlauf von „London 2012“. Ein schwaches britisches Medaillen-Ergebnis wäre zu verkraften, auch die eine oder andere Beschwerde über verstopfte Zufahrtswege oder Warteschlangen. Aber kaum ermesslich wäre der Schaden, würden die Spiele durch Gewalt erschüttert.

Ohne öffentliches Murren haben sich Tausende Afghanistan-Kämpfer aus ihrem Heimaturlaub abkommandieren lassen, um die privaten Sicherheitsleute zu ersetzen. Mehr als 18.000 Soldaten stehen nun zum Dienst an der olympischen Sache bereit, die mindestens so sehr eine nationale geworden ist. Aber der Aufmarsch hat seinen Preis; er droht auf die Stimmung zu drücken. Weil befürchtet wird, die Militärpräsenz könne martialisch wirken und Besucher einschüchtern, soll hinter den Kulissen angefragt worden sein, ob die Soldaten nicht in Trainingsanzügen statt in Uniform antreten könnten. Diese Bitte, so ein Zeitungsbericht, habe die Führung der Armee stolz zurückgewiesen.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent in London.

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