08.12.2008 · In Afghanistan weiten die aufständischen Taliban ihre Anschläge auf früher ruhige Regionen aus - mit Folgen auch für die Bundeswehr. Ein neuer Bericht empfiehlt nun die Verdopplung der Isaf-Armee.
Von Horst BaciaDie Lage in Afghanistan ist ernst. Sieben Jahre nach dem Sturz des Taliban-Regimes scheint fraglich, ob das politische und militärische Engagement der internationalen Gemeinschaft in einem der ärmsten Länder der Welt je den erhofften Erfolg haben wird. Die allgemeine Sicherheit - eine unabdingbare Voraussetzung für Wiederaufbau und Entwicklung - ist trotz der ständig wachsenden Zahl ausländischer und einheimischer Soldaten am Hindukusch nicht besser, sondern von Jahr zu Jahr schlechter geworden. Und für große Teile der afghanischen Bevölkerung haben sich die Lebensbedingungen trotz der geradezu verwirrenden Vielzahl internationaler Hilfsprojekte nicht wesentlich verbessert; jedenfalls nicht in dem Maße, wie viele es zunächst erwartet hatten.
Auch im Norden vermehrt Anschläge
Die Zahl der Selbstmordattentate, Sprengstoffanschläge und Überfälle, mit denen die Taliban und andere aufständische Gruppen ihr Wiedererstarken kundtun und verhindern, dass stabilere Verhältnisse entstehen, nimmt weiter zu.
Hohe Offiziere der Nato, die den Einsatz der internationalen Schutztruppe (Isaf) führt, sprechen inzwischen offen aus, dass aus der Stabilisierungsoperation zur Unterstützung der gewählten Regierung in Kabul schon weitgehend eine Operation zur Bekämpfung von Aufständischen geworden ist.
Im Süden und Osten Afghanistans, dem traditionellen Siedlungsgebiet paschtunischer Stämme, ist die Zahl der Zwischenfälle am größten. Dort sind jetzt auch die meisten Isaf-Truppen stationiert. Aber die jüngsten Sprengstoffanschläge auf Soldaten der Bundeswehr in der Nähe des Feldlagers Kundus bezeugen, dass sich auch im einst eher ruhigen Norden die Sicherheitslage verschlechtert.
Taliban kontrollieren große Teile der Provinzen
Wie weit die Taliban und andere mit ihnen verbündete radikalislamische Gruppen das Land schon beherrschen oder durch ihren Terror eine wirksame Präsenz von Regierungsstellen (und internationalen Hilfsorganisationen) zumindest verhindern, lässt sich schwer beurteilen. Der quantitative Ansatz, den ein Bericht des „International Council on Security and Development“ (Icos) zugrunde legt, hat eine gewisse Plausibilität, selbst wenn die Schlussfolgerungen bis zur Übertreibung zugespitzt worden sind.
Anhand einer Auswertung aller veröffentlichten Berichte über Zwischenfälle sowie eigener Nachforschungen in Afghanistan kommt die auf Fragen der Sicherheit spezialisierte Nichtregierungsorganisation (früher: Senlis Council) in ihrem jüngsten Bericht zu dem Schluss, dass die Taliban und andere aufständische Gruppen inzwischen 72 Prozent der afghanischen Provinzen „kontrollieren“. Im vergangenen Jahr seien es noch 54 Prozent gewesen.
Sie konnten die Präsenz ausdehnen
Der Bericht, der an diesem Montag veröffentlicht wird, unterscheidet zwischen Gebieten mit „starker“, „erheblicher“ und „schwacher“ Aktivität und Präsenz von Aufständischen (siehe Karte). Eine starke Aktivität der Taliban wird angenommen, wenn es in einer Provinz in einer Woche durchschnittlich zu einem oder mehreren Zwischenfällen mit oder ohne Tote kommt. Eine „erhebliche“ Aktivität soll vorliegen, wenn mindestens ein Anschlag pro Monat verübt wird und die örtliche Bevölkerung über die Anwesenheit von Taliban in ihrem Gebiet berichtet. Treffen diese Kriterien nicht zu, wird von einer „leichten“ Aktivität der Aufständischen gesprochen.
Der Vergleich mit der Karte von 2007 zeigt, dass die Taliban im Laufe des vergangenen Jahres ihre Präsenz auch über die paschtunischen Gebiete hinaus ausdehnen konnten.
Eine Schlinge um Kabul
Auffällig ist die hohe Zahl der Anschläge in und um Kabul, in den Provinzen südöstlich der Hauptstadt, die an die paschtunischen Stammesgebiete in Pakistan grenzen, und im Gebiet westlich von Kandahar, wo die Taliban auch früher ihre Hochburg hatten.
Die Karte unterscheidet zwischen zivilen und militärischen Opfern der Aufständischen und Opfern unter den Taliban. Wie sehr die Zwischenfälle eine normale Entwicklung des Landes verhindern, lässt sich auch daran ablesen, dass die Gebiete entlang der „Ringstraße“ in der südlichen Hälfte des Landes besonders gefährdet sind. Diese Hauptverkehrsader verbindet die großen Städte des Landes - Kabul, Kandahar, Herat und Mazar-i-Sharif - miteinander.
Kabul ist nach Darstellung von Icos inzwischen von drei Seiten eingeschnürt. Auf der Fahrt in Richtung Kandahar erreiche man nach einer halben Stunde unsicheres Gebiet, in Richtung Jalalabad nach etwa einer Stunde. Halbwegs sicher sei nur die Straße nach Norden, die ins Panjshir-Tal, zum Salang-Tunnel und nach Mazar-i-Sharif führt. So sei es den Aufständischen gelungen, eine „Schlinge“ um die Hauptstadt zu legen und in ihrer Nähe Stützpunkte zu schaffen, von denen Kabul angegriffen werden könne.
Doppelt so viele Soldaten wird es wohl nicht geben
Die Empfehlungen des „International Council on Security and Development“ unterscheiden sich nicht wesentlich von den vielen guten Ratschlägen, die sonst auch zu hören sind: eine bessere Koordination des militärischen und zivilen Engagements der internationalen Gemeinschaft mit dem Schwerpunkt, die Lebensverhältnisse der Bevölkerung in den Provinzen „nach sieben Jahren verpasster Gelegenheiten“ endlich konkret zu verbessern. Pakistan und andere Nachbarn Afghanistans müssten stärker in diese Bemühungen einbezogen werden.
Es komme aber auch darauf an, die afghanische Bevölkerung zu überzeugen, dass die Taliban tatsächlich besiegt werden könnten. Die Isaf-Truppen und die afghanische Armee müssten die von Aufständischen befreiten Gebiete auch halten können. Dafür seien noch mehr Soldaten nötig. Der Bericht empfiehlt eine Verdoppelung des Isaf-Kontingents auf etwa 80 000 Soldaten, was allerdings die militärischen Möglichkeiten und den politischen Willen in fast allen Nato-Mitgliedstaaten übersteigen dürfte.
@ Günther Busse
Peter Kronenberger (Peter-Kronenberger)
- 08.12.2008, 13:47 Uhr
Das Problem sind wir ...
Frank Geiser (geiser123)
- 08.12.2008, 17:10 Uhr
Die Mission ist gescheitert
Karsten Krug (kkrug)
- 08.12.2008, 17:24 Uhr