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Österreich vor dem Länderspiel Spielen, nicht kämpfen!

 ·  Vom „Wunderteam“, das Deutschland 1931 in Berlin 6:0 besiegte, ist Österreich weit entfernt, die Symbolkraft des Sports ungebrochen. Vor dem Match in München schmückt sich die Politik mit Alaba und diskutiert eine tägliche Turnstunde.

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© dpa Vergrößern „Österreichs Stolz“: Fußballer David Alaba

Es ist an der Zeit, an Matthias Sindelar zu erinnern. Sindelar war ein österreichischer Fußballspieler der Vorkriegszeit, ein schmächtiger, leichtfüßiger und ballgewandter Stürmer, genannt „der Papierene“. Der Schriftsteller Friedrich Torberg hat „dem Kind aus Favoriten“ ein Denkmal gesetzt: „Er spielte Fußball wie kein zweiter / er stak voll Witz und Phantasie. / Er spielte lässig, leicht und heiter / er spielte stets, er kämpfte nie.“ Der Hinweis auf Spiel statt Kampf ist, darf man bei Torberg unterstellen, ausdrücklich zur Abgrenzung von den Deutschen gemeint.

Ein Anhänger des Anschlusses Österreichs scheint Sindelar jedenfalls nicht gewesen zu sein; in einem Match der „Ostmark“ gegen das „Altreich“ im Jahr 1938 soll er derart provokant Torchancen ausgelassen haben (und sein Team gewann dennoch), dass dies als politische Aussage verstanden wurde. Ein Jahr später starb er unter mysteriösen Umständen. 1931 schoss „der Papierene“ das 1:0 im bislang letzten Spiel, das Österreich gegen Deutschland in Deutschland gewinnen konnte. Das war noch vor der Hitlerzeit und insofern unpolitisch. Die Österreicher mussten sich keine Zügel anlegen und siegten in Berlin mit 6:0. Fabelhaft spielte nicht nur Sindelar. Die Mannschaft nannte man - als erstes die deutsche Presse - „das Wunderteam“.

Würdiger Nachfahre Sindelars

Wenn an diesem Freitag auf deutschem Boden (in München) die Mannschaften der beiden ungleich großen Nachbarn wieder einmal aufeinandertreffen, verfügt Österreich möglicherweise noch nicht über ein Wunderteam, aber - so die weitgespannten Erwartungen - zumindest schon über so etwas wie einen Wunderspieler. Der erst 21 Jahre junge Mann heißt David Alaba. Nicht nur weil er exzellent Fußball spielen kann, sondern auch wegen der Multikulti-Herkunft ist er ein würdiger Nachfahre Sindelars, dessen Familie aus Mähren (heute: Tschechische Republik) in den Wiener Arbeiterbezirk Favoriten gezogen war.

Alabas Mutter stammt von den Philippinen, sein Vater aus Nigeria, seine Haut hat eine dunkle Farbe und er verfügt über einen hinreißenden Wiener Schmäh. Als „Österreichs Stolz“ hat ihn einmal ein Fernsehkommentator bezeichnet, und da spielte Alaba nicht einmal mit dem Austria-Adler auf der Brust, sondern im Trikot des FC Bayern München. Sport ist auch Politik. Obgleich es nicht die existentielle Dimension hat wie vor 75 Jahren, bleibt des Fußballers Leben nicht unberührt davon.

Alaba ist der lebende Beweis dafür, dass es dem Land guttun kann, wenn „unsere Österreicher“ (so derzeit ein Wahlkampfslogan der Freiheitlichen Partei) ihre Wurzeln auch mal in exotischen Ländern haben. So schmücken sich denn, ähnlich wie in Deutschland beispielsweise Bundeskanzlerin Angela Merkel gern die Nähe zu Mesut Özil gesucht hat, die österreichischen Grünen auf einer Wahlkampfbroschüre mit David Alaba. Und der sozialdemokratische Bundeskanzler Faymann hat Gina Alaba, die Mutter des Fußballers, für sein Unterstützerkomitee gewonnen.

Faymann hat in diesem Wahlkampf auch unmittelbar mit dem Thema Sport versucht, einen Treffer zu landen. Dabei ging es nicht um den Spitzen-, sondern um den Schulsport. Anlässlich einer Bergwanderung versprach der Bundeskanzler im Juli, dass an den Schulen vom nächsten Jahr an täglich eine Sportstunde abgehalten werden solle. Das ist möglicherweise nicht das wahlentscheidende Thema, aber die Ankündigung ist sehr populär. Für die tägliche Turnstunde gibt es eine gesellschaftliche Initiative, im vergangenen Jahr wurde im Nationalrat parteiübergreifend eine entsprechende Resolution verabschiedet. Den Anlass zu der Debatte hatte wiederum der Spitzensport geboten: Die Nation war verwundet, weil bei den Olympischen Spielen in London nicht ein österreichischer Sportler auch nur eine Bronzemedaille errungen hatte.

Das Lamento über dieses Ergebnis führte (was den Sportfunktionären nicht unrecht gewesen sein wird) schnell zu einer Grundsatzdebatte, wie unsportlich die heutige Jugend sei. Dass diese Maßnahme unmittelbar zu olympischem Gold führen würde, nimmt auch wiederum kein vernünftiger Teilnehmer der Debatte an. Es gibt sogar Vereinsfunktionäre, die warnen, dass das Gegenteil der Fall sein könnte, wenn die zusätzliche Schulsport-Stunde (unterstellt: lasche Anforderungen) an der Teilnahme am Vereinssport (unterstellt: leistungsorientiert) hindere. Schließlich konkurriert man nicht nur um die Zeit der Schüler, sondern auch um die Sportstätten.

Ganz durchdacht scheint das Ganze ohnehin nicht zu sein, denn noch hat niemand so recht sagen können, woher die notwendigen Lehrer und Turnhallen kommen sollen und ob beziehungsweise welche anderen Unterrichtsstunden dafür gestrichen werden sollen. Im Übrigen wäre schon viel gewonnen, wenn die Kinder während der Pausen in einem Schulhof toben dürften, was in Wien nicht überall der Fall ist. Es müssen sich also die Drehkünstler der SPÖ vieles von der Symbolkraft dieser Maßnahme versprochen haben, wenn sie trotz aller Inkonsistenzen den Wahlkampf des Kanzlers mit dem Turn-Versprechen garniert haben. Nicht auszudenken, welches auch politische Erdbeben durch einen fußballerischen Sieg über Deutschland ausgelöst würde. Es müsste nicht einmal ein 6:0 sein.

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