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Österreich Sehnsucht nach dem Milliardär

 ·  Der Unternehmer Frank Stronach mischt die österreichische Parteienlandschaft auf. Trotz vieler unkonventioneller Auftritte und kritischer bis hämischer Kommentaren in der Presse ist die Zustimmung, die er erfährt, ungebrochen.

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Der Blick von der Terrasse des Fontana-Restaurants geht auf ein in der Herbstluft klar umrissenes Bergpanorama. Die Landschaft im Vordergrund ist dagegen so natürlich, wie es Golfplätze und angelegte Weiher eben sind. Frank Stronach, der in Kanada mit einem Autoteile-Zulieferer sein Vermögen gemacht hat, hat seit den neunziger Jahren die Anlage mit Wohnhäusern und Club nach dem Vorbild amerikanischer eingezäunter Siedlungen im niederösterreichischen Oberwaltersdorf, etwa eine halbe Stunde südlich von Wien, aufbauen lassen. Und in ganz ähnlicher Weise hat Stronach sich nun darangemacht, eine eigene politische Formation in die österreichische Parteienlandschaft zu stellen.

Der Ansatz zeigt sich schon im Formalen. Stronach sammelt nicht Unterschriften, um seine Partei zur Nationalratswahl in einem Jahr anzumelden. Sondern er hat Politiker, die bereits einen Sitz im Parlament haben, dafür gewonnen, bei ihm anzuheuern. Drei Abgeordnete reichen aus, um eine Partei anzumelden. Den fünften Überläufer hat das „Team Stronach“ in der vorigen Woche präsentiert. Vier kommen aus dem BZÖ, der Freiheitlichen-Abspaltung des verstorbenen Jörg Haider, einer aus der SPÖ. Man sei zuversichtlich, sagen die Stronach-Leute, dass noch weitere Mandatsträger aus dem BZÖ hinzustoßen würden. Fünf aus derselben zum Zeitpunkt der letzten Wahl „wahlwerbenden Partei“ könnten dann schon einen Parlamentsklub bilden, also eine Fraktion mit allen Privilegien, die damit verbunden sind. Dazu gehört ein Anspruch, in Sendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gleichrangig mit den anderen berücksichtigt zu werden.

Bei Fragen wird mit juristischen Mitteln gedroht

Wie die Abgeordneten zum Übertritt bewogen wurden, ist umstritten. Scharf verwahrt sich das „Team Stronach“ gegen Anschuldigungen, sie seien „gekauft“ worden; sogar schon bei Fragen danach wird mit juristischen Mitteln gedroht. Abgeordnete, die beim BZÖ verblieben sind, geben an, ihnen seien von Stronach hohe Summen - von bis zu einer halben Million Euro ist die Rede - für einen Übertritt geboten worden. Das BZÖ hat daher Strafanzeige wegen versuchter Bestechung gestellt. Der frühere BZÖ-Abgeordnete Robert Lugar, der als künftiger Frontmann eines Stronach-Parlamentsklubs auftritt, hat das bestritten. Geld erhielten nur Privatleute ohne Mandat, die ihren Beruf aufgeben müssten, um künftig für Stronach zu kandidieren.

Ohnedies gibt es eine Währung, die einen Übertritt für Abgeordnete attraktiv machen könnte. Sie lautet politische Perspektive. Während sich das BZÖ derzeit mühsam von einem demoskopisch gemessenen Zwei-Prozent-Tief erholt und immer noch bedrohlich an der in Österreich geltenden Vier-Prozent-Hürde steht, werden der Stronach-Partei derzeit zweistellige Ergebnisse verheißen. Auch von der FPÖ könnte sie laut Umfragen in beträchtlichem Maß Wähler abziehen, ebenso von den anderen Parteien.

„Jedes Land seinen eigenen Euro“

Worin inhaltlich die Attraktivität der Stronach-Partei liegt, ist schwieriger auszumachen. Der Patriarch hat es bisher weitgehend vermieden, sich auf Positionen festzulegen. Stronach will binnen fünf Jahren zu einem einheitlichen Steuersatz von 25 Prozent kommen - wie, das lässt er offen. Ein „Weisenrat“ aus unabhängigen Experten solle bis April ein Programm dazu vorlegen. Selbst hervorgetreten ist Stronach mit einem Vorschlag zur Zukunft des Euro, der auch bei detaillierter Nachfrage, gelinde gesagt, wenig praxistauglich erscheint; im Gespräch mit dieser Zeitung bezeichnet er ihn denn auch nur noch als „Idee, über die man diskutieren soll“. Stronach will zwar keine Rückkehr zu Schilling und Mark, aber „dass jedes Land seinen eigenen Euro hat mit einem flexiblen Wechselkurs. Der deutsche Euro würde vielleicht 1:1 bewertet werden, der griechische 40 Cent, der italienische 80, der österreichische auch 100“. Stronach gibt sich überzeugt: „Wenn wir einen österreichischen Euro hätten, dann würde unser Euro schnell aufsteigen - wenn wir in der Regierung sind.“

Nach seinen Vorstellungen könnte man also die österreichische Münze trotz unterschiedlicher Bewertung ebenso auch in Deutschland ausgeben wie die griechische. „Du hast es jetzt in kleiner Schrift draufstehen. Das würde dann groß draufgedruckt. Das würde überall ausgegeben werden können. Du brauchst nicht wechseln.“ Den Einwand, dass doch unmöglich jedes Geschäft 17 Kassen für die verschiedenen Euros bereithalten könnte, wischt Stronach beiseite: „Das hast du heute überall. Du kannst auch in Dollar sofort alles überall kaufen. Wir sind so weit fortgeschritten mit der Technik.“ Bei jedem kleinen Bäcker? „Da zahlst du mit deiner Kreditkarte. Das ist technisch kein Problem.“

Kritischer bis hämische Kommentare in der Presse

Nun sollte man meinen, derlei Vorstellungen würden es seinen politischen Gegnern leichtmachen, Stronach anzugreifen nach dem Motto, da sehe man ja, wann er zuletzt selbst beim Bäcker gewesen sei. Doch ist die Zustimmung, die er erfährt, vorerst ungebrochen, trotz vieler unkonventioneller Auftritte und nahezu durchgehend kritischer bis hämischer Kommentare in der Presse. Vielleicht sogar eher gerade deswegen. Beim Publikum hat sich offenbar ein großer Verdruss über die bisher zum Angebot stehenden Parteien breitgemacht. Man trifft eingefleischte ÖVP-Anhänger, ja sogar Mitglieder, die freiheraus sagen, das Land und auch ihre Partei brauchten „einen Stronach“.

Der ÖVP-Vorsitzende und Außenminister Michael Spindelegger wird als respektabel, aber schwach angesehen. Als er im August eine Personalrochade anstrebte, ist der Versuch von den verschiedenen Mächten in der ÖVP schon im Keim erstickt worden. Der SPÖ-Vorsitzende und Bundeskanzler Werner Faymann ist ebenfalls ein Politiker ohne viele Ecken und Kanten. Auf einem Parteitag am vergangenen Samstag erhielt bei seiner Wiederwahl ein historisch niedriges Ergebnis von 83 Prozent. Faymann vermutete die Ursache dafür in der Europolitik. Doch dürfte mehr sein Ausweichen vor jeder Art von kontroverser Debatte zum Verdruss seiner Partei geführt haben. Er vermied einen Auftritt vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss, wo er über seine Praxis, Inserate zu vergeben, aussagen sollte, und schickte sogar für die Weigerung andere vor.

Dunkle Revolutionswarnungen

Auch Stronach muss sich indes Fragen nach seinen persönlichen Verhältnissen gefallen lassen. Etwa, wo er Steuern zahlt und warum er einen Wohnsitz im Schweizer Kanton Zug hat, der laut Schweizer Medien nicht sehr bewohnt aussieht. Er sagt dazu: „Ich bin in vielen Ländern tätig. Ich bin ein großer Fisch, jeder will ein Stück haben. In Österreich ist mein Einkommen so ungefähr zwei Millionen. In der Schweiz habe ich keine Investitionen, ich habe dort ein Büro, und da zahle ich relativ wenig Steuern. In Kanada zahle ich die meisten Steuern. Aber Kanada ist privat. Ich sage alles, was mit Österreich zu tun hat.“ Im entscheidenden Punkt bleibt er unkonkret - die Kritik lautet ja nicht, dass er in der Schweiz gemeldet sei, um viele Steuern zu entrichten.

Obwohl auch Stronach Festlegungen vermeidet, versucht er sich als moralisches Gegenbild zu den anderen Parteien darzustellen. Schon durch die Begrifflichkeit: „Ich bin kein Politiker. Ich setze eine Bewegung in Bewegung.“ Auf die Frage, wie lange die Bewegung benötigen werde, bis sie ohne den Treibstoff des Milliardärs auskommen kann, antwortet er wieder ausweichend und mit dunklen Revolutionswarnungen: „Man sagt, eine gute Idee wird sich immer durchsetzen. Aber das dauert seine Zeit. Wenn ein Wald niederbrennt, dann wächst das alles wieder neu. Aber in einem zivilisierten Land sollte man das vermeiden.“

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Jahrgang 1968, politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

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