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Österreich Der „Fionanzminister“ unter der Goldhaube

23.10.2005 ·  Karl-Heinz Grasser ist ein Sunny-Boy aus Haiders FPÖ-Stall, der es zum österreichischen Finanzminister brachte. Mit seiner Hochglanzhochzeit in eine Industrie-Dynastie wird der Skandalpolitiker zum Liebling der Alpenrepublik.

Von Erna Lackner, Wien
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In den hügeligen Weinbergterrassen über der Donau, vor einem Marterl mit einem Marienbildnis, hat am gestrigen Samstag der österreichische Finanzminister Karl-Heinz Grasser, 36, der Millionenerbin Fiona Swarovski, 40, das Jawort gegeben. Der standesamtlichen Zeremonie in der Wachau wohnte eine illustre Hochzeitsgesellschaft bei, über der ein Red-Bull-Flugzeug kreiste, um Überraschungen abzuwerfen.

Die Gäste aus Politik und Jet-set-Welt, die im Wiener Hotel Sacher warteten, waren über den geheimgehaltenen Ort der Trauung erst am Vormittag per SMS unterrichtet worden. Dann aber ab in die Limousinen! Nach dem Ringtausch unter Gottes freiem Himmel schritt man auch noch zur Segnung in der Kirche von Weißenkirchen - ein richtiger Traualtar war nicht erlaubt, denn Grasser, der sich am Vortag „auf den schönsten Tag in meinem Leben“ freute, war schon einmal verheiratet. Und Fiona Swarovski aus der gleichnamigen Kristalldynastie ging schon in die dritte Ehe.

Reich, schön und politisch korrekt

Aber die leichte kirchliche Aufrundung der Finanzminister-Hochzeit dürfte vor allem das Wohlgefallen des anwesenden Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel und des Nationalratspräsidenten Andreas Khol bedeutend gesteigert haben; so war's nämlich nicht nur eine Traumhochzeit „Reich & Schön“, sondern auch politisch korrekt für innerste Volksparteikreise. Jedenfalls wird Karl-Heinz Grasser wieder als Liebling der Nation ausgerufen - und die erstaunlichste Karriere Österreichs hat abermals eine neue Kurve genommen: Nach zwei Jahren mit immer wieder neuen Negativschlagzeilen ist der Finanzminister für Schüssel und den Wahlkampf im Herbst 2006 wieder interessant geworden.

Das Liebespaar Grasser-Swarovski befriedige das Jet-set-Bedürfnis der Österreicher, sagt der Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer, denn sie spielten eben in einer ganz anderen Liga als nur in der heimischen Regional-Liga-Ost. Wenn der Finanzminister sein Privatleben geschickt dosiert einsetze, dann würde nicht nur sein eigenes Image, sondern sogar ganz Österreich profitieren. Für die wieder günstigeren Umfragewerte, wonach 49 Prozent Grasser auch als nächsten Finanzminister sehen möchten, dürfte im kleinen, aufsteigerorientierten Land vor allem die „Bewunderung, wie weit er es gebracht hat“, den Ausschlag geben, so Bachmayer.

Ein Hochglanzvermögen

Die Braut ist 550 Millionen schwer, träumt die allzeit Grasser-hungrige Illustrierte „News“ und listet genüßlich Umsätze, Gewinne, Familienstämme und sonstige Verhältnisse der reichsten Industriedynastie Österreichs auf, in die Grasser, der Sohn eines Kärntner Autohändlers, jetzt einheiratet. Fiona Swarovskis Mutter, Marina Giori, sei mit 13,55 Prozent Anteil die zweitgrößte Aktionärin des Kristallkonzerns, dessen Glasware und Glitzerschmuck 150 Familienmitglieder üppig ernähre. Da wird später wohl auch für einen weltgewandten Exfinanzminister etwas drinnen sein, eine Geschäftsführung zum Beispiel.

Das Magazin, das die „Kuß-Affäre Grasser-Swarovski“ mit Bildern und Fiona-Worten aufdeckte (und dafür wegen Verletzung der Privatsphäre zu 7000 Euro Entschädigung verurteilt wurde) spinnt nun den Faden wirtschaftlich weiter, malt sich aus, wieviele Millionen der kontaktfreudige Finanzminister für ein Unternehmen wie Swarovski einmal wert sein könnte. Und andere Zeitungen ernannten den von diversen Ungereimtheiten gebeutelten Finanzminister, den man zwischendurch nur noch als einen politischen Versorgungsfall angesehen hatte, jetzt zur Hochzeit mit Fiona zum „Fionanzminister“.

„Ich liebe diesen Mann“

Der smarte Grasser ist also unter der Haube. Goldhaube. Geschafft, in nur wenigen Monaten. Im März hatten Wiener Touristen auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle Knutschfotoserien aufgenommen, die Fiona, auf Karl-Heinzens Schoß sitzend, zeigten und die dann in „News“ veröffentlicht wurden - zusammen mit einem Interview, in dem eine aufgewühlte Fiona immer wieder sagte: „Ich liebe diesen Mann. Ich liebe diesen Mann seit dreieinhalb Jahren.“ Der Mann ihres Lebens. „Ich werde mit diesem Mann die nächsten zwanzig Jahre zusammen sein, ja.“

Das war eine Perspektive, der sich der Minister auf Dauer nicht entziehen konnte, auch wenn er damals noch verlobt war mit einer früheren Praktikantin, die er im Finanzministerium kennengelernt hatte. Noch Wochen zuvor hatte ganz Österreich den Liebesurlaub Grassers mit jener Verlobten auf den Malediven miterleben können, weil der Finanzminister nämlich ein bißchen in den Tsunami geraten war, aber trotzdem nicht heim wollte, weil er doch Gespräche mit den maledivischen Politikern führen mußte - was wieder einmal geflunkert war, wie sich dann herausstellte.

Mit Grassers Porsche gegen den Baum

Gute Ausreden mußte sich Grasser schon oft einfallen lassen. Alles nur eine lockere Freundschaft mit Fiona, beteuerte er, nachdem seine damalige Verlobte in tiefer Nacht vor dem Erscheinen der Fiona-Kuß-Fotos mit einem Porsche einen Alleenbaum in Wien niedergemäht hatte. Das teure Auto war von Porsche geleast und merkwürdigerweise auf den Namen eines Onkels von Grasser zugelassen. Im Blitzlichtgewitter holte Grasser die tapfer lächelnde Ex-Praktikantin aus dem Krankenhaus ab. Etwas später wurde die Verlobung gelöst.

Und es kam zusammen, was nicht auseinanderzuhalten war: Fiona und der Minister. Mit Badehosenfotos aus Capri begann sein Aufstieg in die europäische Jet-set-Liga; und „Bild“ höhnte mit anschaulichen Beweisen, die neben ein paar Wirtschaftsdatenvergleichen zwischen Deutschland und Österreich vor allem Grassers Hand auf Fionas Po zeigten, in Richtung Hans Eichel: „Dieser Finanzminister hat alles im Griff.“ Eichel und Grasser waren über die Jahre schon Intimfeinde geworden, weil der Österreicher immer wieder das deutsche Budgetdefizit kritisiert hatte, zuletzt hatte er Deutschland auch noch einen Patienten an der Herz-Lungen-Maschine genannt.

Sunny-Boy aus Haiders FPÖ-Stall

Eine vollmundige Wortwahl, die selbst seinem unerschütterlichen Förderer Schüssel nicht mehr ganz so gefiel. Dabei hatte der Bundeskanzler seinem „Ziehsohn“ bislang alles durchgehen lassen, seine Millionenausgaben für internationale Consulting-Firmen, diverse kleine Ungereimtheiten. Der gutaussehende, Golf spielende und beliebte Politiker aus Jörg Haiders FPÖ-Stall, von diesem sofort nach dem Betriebswirtschaftsstudium zum Kärntner Landeshauptmannstellvertreter gemacht und dann im Jahre 2000 mit 31 Jahren zum Finanzminister, sprang 2002 von der Freiheitlichen Partei ab und wurde von Schüssel als Wahlattraktion und parteiloser Finanzminister adoptiert.

Der Sunny-Boy vom Wörthersee, der in seinem ersten Regierungsjahr ein Nulldefizit geschafft hatte, entwickelte sich zu einem begnadeten Selbstvermarkter, der in zwei Jahren 27 Millionen Euro für externe Berater ausgab und alle PR-Register zog, um seine Politik und vor allem sich zu verkaufen. Aber mit einer heimlich von der Industriellenvereinigung gesponserten Homepage, für die 285.000 Euro an einen gemeinnützigen Verein flossen und die nicht versteuert wurden, wurde der Liebling der Nation dann doch zum Problemminister, der freilich jeden Zusammenhang zwischen seiner Steuerpolitik und den Spenden der Industrie bestritt. Grassers private Website sollte der Förderung der New Economy dienen, zeigte aber vor allem Kinderbilder und Jung-Star-Fotos von ihm, der größten Ich-Aktie Österreichs. Die ist mit der Wachauer Traumhochzeit freilich wieder auf neue Kurshöhen gekommen.

Quelle: F.A.Z., 23.10.2005, Nr. 42 / Seite 13
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