05.04.2009 · Nach den Ausnahmezuständen in Straßburg und Baden-Baden wappnet sich auch die Türkei für Obama. Immerhin ist er dort wesentlich beliebter als sein Vorgänger Bush. Der hat sich nie ins türkische Parlament getraut - vielleicht auch, weil dort wohl Waffen getragen werden.
Von Michael Martens, AnkaraDie Kronleuchter werden wohl halten, wenn der amerikanische Präsident kommt. Um ganz sicherzugehen, hat ein Vorauskommando amerikanischer Antiterrorfachleute die riesigen Gehänge im türkischen Parlamentsgebäude in Ankara allerdings vorsichtshalber abgeschraubt und inspiziert. „Nachdem sichergestellt wurde, dass die Leuchter stabil und stark sind, wurden sie wieder anmontiert“, berichtete eine türkische Zeitung dieser Tage. Wer diese Vorsichtsmaßnahme für übertrieben hält, dem mangelt es an Verständnis für die großen politischen Zusammenhänge und für das globale Ganze.
Barack Obama wird vor den türkischen Volksvertretern an diesem Montag eine Ansprache halten, in der, das darf auch ohne vorherige Kenntnis des Manuskripts behauptet werden, viel vom globalen Ganzen die Rede sein wird. Man mag sich kaum ausmalen, was in der Welt los wäre, würde der mächtigste Mann des Planeten von einem niedersausenden muslimischen Beleuchtungskörper erschlagen. Ganz abgesehen von der menschlichen Tragödie: Der Zusammenprall der Kulturen, den es bisher je nach politischer Grundeinstellung des Betrachtenden gibt oder auch nicht, wäre da.
George W. Bush hätte es ruhig treffen dürfen
Die Statistik spricht allerdings für die Lüster. Obama ist nach seinem Vorvorgänger Bill Clinton schon der zweite amerikanische Präsident, der in der Großen Nationalversammlung der Türkei sprechen darf. Als Clinton vor zehn Jahren kam, fielen die Lüster nicht von der Decke, wie eigentlich in all den Jahrzehnten zuvor auch nicht. Aber damals war auch eine andere Zeit. Schon Clintons Nachfolger trat nicht mehr im türkischen Parlament auf, was womöglich ohnedies keine gute Idee gewesen wäre. George W. Bush ist laut einer regelmäßig erhobenen Umfrage, deren jüngste Ergebnisse vor wenigen Tagen veröffentlicht wurden, einer der unbeliebtesten ausländischen Politiker in der Türkei, und das schon seit Jahren.
So äußerten 2005 nur 9,3 Prozent der Befragten, sie vertrauten Bush. Einzig Usama Bin Ladin vermochte Bush mit 4,6 Prozent Zustimmung noch zu unterbieten. Seinerzeit war freilich auch der damalige dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen noch nicht ins Visier der öffentlichen Meinung geraten, auf den anspielend der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan bei einem Auftritt im „Oxford Center für islamische Studien“ dieser Tage laut einem Bericht der Zeitung „Hürriyet“ gesagt hat: „Es sollte bekannt sein, dass es inakzeptabel ist, eine böswillige und beleidigende Einstellung gegenüber den sensiblen Themen der islamischen Welt einzunehmen, indem man sich hinter demokratischen Freiheiten wie der Meinungsfreiheit oder der Pressefreiheit versteckt.“
Einfach köpfen lassen
Es war schließlich die dänische Zeitung „Jyllands-Posten“, die vor einigen Jahren die angeblich oder tatsächlich islamfeindlichen sogenannten Mohammed-Karikaturen veröffentlichte. Vergeblich forderten Islamisten in aller Welt damals Konsequenzen. Hätte Rasmussen den Chefredakteur von „Jyllands-Posten“ enthaupten lassen, wäre gewiss alles wieder gut gewesen, aber der künftige Nato-Generalsekretär zog es vor, sich hinter den Sachzwängen der Meinungsfreiheit zu verstecken.
Barack Obama hat das einstweilen nicht nötig, und auch deshalb ist er viel beliebter bei den Türken als Bush oder Rasmussen: Laut der erwähnten Umfrage haben 51,6 Prozent der Türken eine gute Meinung von ihm. Damit liegt er klar vor dem syrischen Präsidenten Baschar al Assad auf Platz zwei (22,5 Prozent). Dennoch hieß es in einem Zeitungsbericht, die Volksvertreter seien angewiesen worden, am Montag keine Waffen ins Parlament mitzubringen, wie das an anderen Tagen offenbar guter Brauch ist.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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