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Obamas KZ-Verortung : In Polen, aber nicht polnisch

„Schmerzlich“: Bronislaw Komorowski äußert sich in Warschau. Bild: dpa

Die politische Führung in Warschau empört sich über Barack Obamas Verortung der Vernichtungslager. Oppositionsführer Kaczynski ließ sogar wissen, er glaube nicht an ein Versehen.

          Es hätte eine Stunde der Verbundenheit werden sollen, doch es wurde ein Tag des Missvergnügens. Als der amerikanische Präsident Barack Obama am Mittwoch in Washington Jan Karski ehren wollte, einen der am meisten verehrten Helden des polnischen Widerstands gegen die deutsche Besetzung im Zweiten Weltkrieg, benutzte er ein Wort, das für nichtpolnische Ohren harmlos klingt, aus Warschauer Sicht aber fast so furchtbar ist, als hätte der Präsident nicht nur den legendären „Kurier der Heimatarmee“ (1914 bis 2000) der blanken Kollaboration mit den nationalsozialistischen Tätern bezichtigt, sondern ganz Polen.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Alles hatte als Fest der Einmütigkeit begonnen. Karski, der sich seinerzeit heimlich in ein deutsches Vernichtungslager in Polen hatte einschleusen lassen, um danach die ersten Berichte über den Holocaust in den Westen zu bringen, sollte postum mit der amerikanischen „Medal of Freedom“ geehrt werden. Der Präsident selbst hielt die Laudatio - und sprach dabei jenen Satz, der alles verdarb: „Jan“, sagte Obama, habe seinerzeit seine Berichte geliefert, nachdem Widerstandskämpfer ihn „in ein polnisches Todeslager“ geschmuggelt hätten.

          Das Wörtchen, das aus Warschauer Sicht den Triumph zur Schmach gemacht hat, ist dabei das Attribut „polnisch“ gewesen. Warschauer Regierungen und ein Teil der polnischen Presse bestehen nämlich seit Jahren darauf, das dieses Beiwort, sofern es etwa Auschwitz, Treblinka und die deutschen Vernichtungsstätten im besetzten Polen beschreibt, nicht etwa, wie vom Sprecher vielleicht gemeint, eine Ortsbezeichnung darstelle, sondern die Unterstellung enthalte, dass Polen (und nicht Deutschland) am Holocaust Schuld sei.

          Allgemeine Empörung

          Die Empfindlichkeit, die hinter dieser Sprachdeutung steht, ist nicht unverständlich, da Polen, das während des Weltkriegs nicht nur drei Millionen jüdische Bürger verloren hat, sondern auch ebenso viele nichtjüdische, international immer wieder verdächtigt worden ist, sich an den Verbrechen der Deutschen beteiligt zu haben. Die Wahrheit ist, dass es einerseits, etwa im Dorf Jedwabne, tatsächlich einzelne antijüdische Mordaktionen unter Beteiligung polnischer Täter gab. Andererseits aber hat nirgends im besetzten Europa die Bevölkerung verfolgten Juden so viel geholfen wie in Polen. Der von London geführte Untergrundstaat unterhielt einen eigenem „Rat zur Judenhilfe“, und die israelische Gedenkstätte Yad Vashem hat 6339 Polen mit dem Titel eines „Gerechten unter den Völkern“ ausgezeichnet. Damit kommen aus Polen mehr Geehrte aus jedem anderen Land - zwölf Mal mehr als etwa aus Deutschland.

          Nur ein Fauxpas? Obama habe selbstredend „Nazi-Todeslager in Polen“ gemeint, teilt das Weiße Haus mit.

          Die Empörung über Obamas „polnische Todeslager“ ist deshalb allgemein in Polen, und sie erfasst das gesamte politische Spektrum. Der nationalkonservative Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski sprach von einer „Beleidigung des polnischen Volkes“, der Führer der postkommunistischen Linken, Leszek Miller, von „Unprofessionalität“, Außenminister Radoslaw Sikorski twitterte von „Inkompetenz“. Am späteren Mittwoch meldeten sich schließlich auch die obersten Repräsentanten des Staates. Präsident Bronislaw Komorowski sprach von einer „ungerechten, schmerzlichen“ Wortwahl seines amerikanischen Gegenübers, Ministerpräsident Donald Tusk deutete gar an, Obamas Formulierungen könnten als blanke Leugnung der deutschen Schuld verstanden werden: „Wenn jemand von polnischen Todeslagern spricht, dann ist das, als hätte es keine Nazis gegeben, keine deutsche Verantwortung, keinen Hitler.“

          Erste Versuche des Weißen Hauses, Obamas „Fauxpas“ mit der Feststellung zu entschuldigen, der Präsident habe „sich versprochen“ und natürlich die „Nazi-Todeslager in Polen“ gemeint, haben in Warschau die Wogen nicht geglättet. Der stets kämpferische Kaczynski ließ gleich wissen, er glaube nicht an ein Versehen bei einem gebildeten Menschen wie Obama und verlange eine persönliche Entschuldigung. Ministerpräsident Tusk, sonst kein Mann unbedachter Konflikte, wollte da nicht nachstehen: Die Erläuterungen des Weißen Hauses seien schön und gut, ließ er wissen, doch er erwarte etwas „Klareres“. „Ich nehme diese Worte zur Kenntnis, aber mir scheint, für die Vereinigten Staaten wäre es wichtig, in dieser Situation Klasse zu zeigen.“

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