31.05.2012 · Die politische Führung in Warschau empört sich über Barack Obamas Verortung der Vernichtungslager. Oppositionsführer Kaczynski ließ sogar wissen, er glaube nicht an ein Versehen.
Von Konrad Schuller, WarschauRichtlinien für Lesermeinungen
Die FAZ.NET-Redaktion bietet allen registrierten und eingeloggten Nutzern die Möglichkeit, sich mit den aktuellen Beiträgen auf FAZ.NET konstruktiv und kritisch auseinanderzusetzen und eigene Leser-Kommentare zu veröffentlichen. Für jede Meinungsäußerung stehen 1000 Zeichen zur Verfügung. Voraussetzung für eine Veröffentlichung ist, dass die Verfasser und Verfasserinnen ihren wirklichen Namen nennen, d.h. in ihrer FAZ.NET-Registrierung den korrekten Vor- und Nachnamen eingetragen haben. Im Falle der Veröffentlichung des Leser-Kommentars weisen wir am Beitrag sowohl den Klarnamen als auch den Nickname des Lesers aus. Unter Pseudonym oder anonym verfasste Texte können nicht berücksichtigt werden.
Veröffentlicht werden nur Beiträge, die auf den jeweiligen Artikel und sein Thema seriös und sachbezogen eingehen. Links- und rechtsradikale, pornographische, rassistische, beleidigende, verleumderische sowie ruf- und geschäftsschädigende Inhalte können nicht berücksichtigt werden, ebenso wenig sachlich falsche oder in angemessener Zeit nicht nachprüfbare Behauptungen. Links sind in den Leser-Kommentaren von FAZ.NET nicht gestattet. Die Redaktion behält sich vor Leser-Kommentare zu kürzen oder zu modifizieren. Jeder verfasste Beitrag wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, sofern er diesen Richtlinien für FAZ.NET-Lesermeinungen nicht zuwiderläuft. Nutzern, die wiederholt versuchen, den Richtlinien nicht entsprechende Beiträge zu veröffentlichen, kann die Registrierung entzogen werden.
Für veröffentlichte Meinungsbeiträge gewähren Sie uns das unentgeltliche, zeitlich und örtlich unbegrenzte und nicht ausschließliche Recht, diese Aussagen ganz oder teilweise zu nutzen, zu vervielfältigen, zu modifizieren, anzupassen, zu veröffentlichen, zu übersetzen, zu bearbeiten, zu verbreiten, aufzuführen und darzustellen, Dritten einfache Nutzungsrechte an diesen Aussagen einzuräumen sowie die Aussagen in andere Werke und/oder Medien zu übernehmen.
Wir möchten Sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass der gesamte Auftritt von FAZ.NET von verschiedenen Suchmaschinen intensiv ausgewertet wird und die Inhalte dort auch gelistet werden. Das schließt die Leser-Kommentare automatisch ein, so dass diese auch über FAZ.NET hinaus im Internet jederzeit recherchierbar sind.
Polens Reaktion ist sehr verständlich. Während hierzulande die Nazivergangenheit verdrängt wird, sind die Polen geschichtsbewusst. Die letzten 200 Jahre der polnischen Geschichte waren dramatisch: Das Unrecht der Teilungen durch die mächtigen Nachbarländer aus reiner Macht- und Habgier bis zur vollständigen Auflösung des polnischen Staates, 123 Jahre Fremdherrschaft und Unterdrückung der polnischen Kultur, die Niederschlagung großer Aufstände, kurzer Traum von der Unabhängigkeit, dann der Naziterror als größtmögliche Barbarei, die überhaupt denkbar ist, ausgerechnet angetan von der legendären Kulturnation Deutschland, die Polen als "Untermenschen" herabstuften, dann folgte 40 Jahre die rote Diktatur. Sowohl im Jahr 1939 als auch 1945 wurde Polen militärisch und politisch im Stich gelassen von seinen Verbündeten. Nach diesen Erfahrungen kann es nicht verwundern, dass die Polen historisch sensibel sind und sich nach ihren europäischen Erfahrungen z.B. den USA besonders hinwenden.
Man kann sich auch Probleme schaffen, gerade wenn man in legitime
Wortwahlen jeden Unsinn reininterpretiert. Wäre die polnische
Regierung von klarem Verstand, würde man das Ganze als
"unglückliche Zweideutigkeit" interpretieren.
Obama hat keinen Grund die Polen für den Holocaust zur
Verantwortung zu ziehen oder die Deutschen, die ihre eigene, meiner
Meinung nach längst vergangene, Schuld ja eingestehen, zu
entlasten. Man kann es auch nicht als historisches Bildungsdefizit betrachten.
Das Adjektiv "polnisch" war eindeutig geographisch verwendet
wurden - und wenn in Polen in diese Richtung irgendwelche Komplexe
bestehen ist das nur das Problem des polnischen Volkes und nicht des
Präsidenten der Vereinigten Staaten.
Adjektivisches Attribut oder adverbiales Attribut
Ob ich "polnische KZ-Lager" oder "KZ-Lager in Polen sage, ist eine Frage des Textzusammenhanges und des Satzrhythmus. Beides ist naheliegender Weise als Ortsangabe, also adverbial zu verstehen. Wer der "Besitzer" dieser KZ-Lager ist, ist damit noch nicht gesagt; das ergibt sich aus dem weiteren Textzusammenhang oder unausgesprochen aus dem Wissen, das man aufgrund eines gewissen Bildungsniveaus haben sollte. Polen sollten aber etwas selbstbewusster sein. Auf der polnischen Seele scheinen aber noch viele unverarbeitete historische Schatten Nebel zu verbreiten. Man wünscht sich den Polen so etwas wie eine 68er Protestgeneration, die in Deuschland - trotz vieler Missgriffe - mehr Klarheit bewirkt hat. Und die US-Amerikaner sollten auch den Nebel vertreiben, der ihren Blick betr. ihrer weltpolitischen Rolle trübt.
Die Polen waren in der jüngsten Vergangenheit besonders
amerikafreundlich. Sogar unter Bush. Kein Wunder, denn die Angst vor den
Russen ist in Polen noch sehr lebendig. Man denke an das Debakel mit der
Gas-Pipeline. So groß muss also diese Kränkung sein.
Dass der Populist und Opportunist Kaczynski dies ausnutzt, verwundert
dennoch nicht. Er hat sich in der Vergangenheit nur selten durch kluge
Worte hervorgetan. Auf ihn sollte man also nichts geben. Dennoch sitzt
die Kränkung schwer - von Obama wäre mehr zu erwarten gewesen.
Vermutlich dachte er sogar, es sei höflich, wenn man betont, in
welchem Land man gerade spricht. Dabei sollten doch gerade die
Amerikaner den Unterschied zwischen Territorium und Nation kennen. Nun
gut, bei ihnen ist beides stets nur gewachsen und nur selten dezimiert worden.
Peinlicher als der Versprecher des Präsidenten ist die aufgesetzte
Empörung der polnischen Politiker und auch einiger Kommentatoren in
diesem Forum!
Wer sich noch nie versprochen hat, der werfe den ersten Stein!
Wäre der Hintergrund nicht so ernst - ich glaube, Loriot hätte sich
für dieses Missverständnis auf höchster Ebene interessiert.
Die Klarstellung seitens Obamas sollte doch wohl reichen.
Nicht nur Obama lässt ein paar Dinger gucken, wenn er ohne Teleprompter spricht.
Auch Obamas Vize lässt sich nicht lumpen. Das absolute Highlight:
"I mean, you got the first mainstream African-American who is
articulate and bright and clean and a nice-looking guy. I mean, that's a
storybook, man."
Den kannten Sie nicht? Aber wenn Bush das gesagt hätte, dann
würden wir es kennen. Nicht wahr?
Er hat aber noch mehr auf der Pfanne:
"I promise you, the president has a big stick. I promise you."
"Look, John's last-minute economic plan does nothing to tackle the
number-one job facing the middle class, and it happens to be, as Barack
says, a three-letter word: jobs. J-O-B-S, jobs."
"When the stock market crashed, Franklin D. Roosevelt got on the
television and didn't just talk about the, you know, the princes of
greed. He said, 'Look, here's what happened."
"Stand up, Chuck, let 'em see ya." (der demokratische
Politiker Chuck Graham ist querschnittsgelähmt)
"You cannot go to a 7-11 or a Dunkin' Donuts unless you have a
slight Indian accent.... I'm not joking."
wegen eines Versprechers klein beizugeben. Es gab eine förmliche
Entschuldigung und damit dürfte das Thema dort auch von der
Tagesordnung sein. Das Weiße Haus wird sicher wichtigeres zutun
haben, als sich mit einem Versprecher, der sich auf einen über 60
Jahre zurückliegenden Konflikt bezieht, länger als 30 Minuten
zu beschäftigen.
Beneidenswert - gäbe es doch hierzulande direkt neben einer
Entschuldigung noch Beschuldigungen und Forderungen unserer eigenen
Opposition (als wäre jene in Polen noch nicht genug), sicher
müsste sich auch der Bundespräsident einschalten, die Bild
hätte ihre Schlagzeile für die Freitagsausgabe gefunden...
Und wenn's nicht ausgesessen werden kann, rollt ein Kopf. Womit dann,
nach wochenlangem Gezerre, das nächste Thema gefunden wäre.
Ich weiß nicht warum, aber die etwas forschere Art unserer Freunde
aus Übersee ist mir da lieber...
Schön gesagt, Herr "Helmut Smith"
Es gibt im Netze mehrere Sammlungen von Obamismen.
Da lesen wir zum Beispiel
"Eau Claire [Wisconsin] is a big important state."
"I've now been in 57 states -- I think one left to go."
"We only have a certain number [Arabic translators] of them and if
they are all in Iraq, then it's harder for us to use them in
Afghanistan,"
“On this Memorial Day, as our nation honors its unbroken line of
fallen heroes -- and I see many of them in the audience here today --
our sense of patriotism is particularly strong.”
"Paying for what you spend is basic common sense."
“I'm always worried about using the word 'victory,' because, you
know, it invokes this notion of Emperor Hirohito coming down and signing
a surrender to MacArthur...”
"I had an uncle who was one of the, who was part of the first
American troops to go into Auschwitz and liberate the concentration camps"
Das lange Warten hat sich gelohnt für die Anti-Obamas
und nun heißt es wieder "diese ungebildeten Amerikaner"
und "Obama ist eine Niete" hahaha.
Bitte jetzt den Artikel schnell ausschneiden und daheim einrahmen, es
könnte wieder eine Weile dauern bis sich Herr Obama wieder in einen
nichtperfekten Menschen verwandelt.
Darauf erstmal ein Bier und zwei Ouzo am Stammtisch.
@ Banaschak
Da ist nun endgültig Ihre Motivation der "Obama-Kritik" erkennbar. Was bitte schön hat die durch die Finanzkrise und die Bush´sche hyper-Verschuldung der USA verursachte Zunahme der Arbeitslosigkeit mit der Bildung Obama´s und der Erbostheit der Polen zu tun?
Obama ist eine Niete, weil er die Verschuldung in extreme Höhen getrieben hat
und die Arbeitslosigkeit mit dazu.
Dass ihm dieses denkbar schlechte Maleur passiert ist, sollten sie nicht
herunterspielen. Die Polen sind da zu recht sehr empfindlich. Und seine
Bildungsqualität hat er damit sicher nicht erhöht.
Was soll denn das? Wer ist Gastgeber einer EM, also eines Topevents?
Schade, Polen hat solchen Streit nicht nötig. Auch wenn viele
Menschen das Vergessen, das Verwechseln und die Fehlinterpretation der
Geschichte beklagen. Ein klarer, strenger Hinweis hätte gereicht.
Schon gar, wenn man die Probleme in Europa und den USA sieht. Und noch
mehr wenn man bedenkt, dass die USA künftig als Wirtschafts-,
Finanz- und Technologiemacht abgelöst werden. Und wer löst die
USA in diesen Bereichen ab? Wohl undemokratische Staaten, die vor
menschlichen Verbrechen nicht zurückschrecken werden. Europa und
die USA werden sich noch brauchen, da sollte man Kritik in der
richtigen Form anbringen. Zumal viele Polen die USA anhimmeln.
Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein Mensch, der Politikwissenschaften studiert hat und ein Bürgerrechtler war (Schwerpunkt Internationale Beziehungen) solch ein Unsinn verbreitet.
Antworten (4) zu dieser Lesermeinung anzeigen neueste Antwort: 02.06.2012 01:57 UhrDas weißt nur der Verfasser
Wenn man ständig den Satz "die polnischen Lager" wiederholt glauben die bildungsarmen Amerikaner tatsächlich, dass es die Polen waren, die die Vernichtungslager errichtet und "betrieben" haben. Man hört auch immer öfters von den "Nazis" oder "Faschisten". Meint man damit die die Italiener? Vielleicht sollten wir den Verfasser der Präsidentenrede fragen was er unter "polnische Vernichtungslager" meint.
@ Viktor Krieger
Ich werde Sie mal am Krankenbett besuchen, nachdem Sie eine €
30.000,- Operation hinter sich haben. Je mehr einzahlen, desto
günstiger wird es. Und da finde ich die Pflicht sehr sinnvoll. Das
als Zwang zu bezeichnen halte ich für Quatsch. Sie sind ja auch
gezwungen nicht alkoholisiert Auto zu fahren, oder niemanden zu
verprügeln. Zwang gleich schlecht ist so pauschal kein Argument.
P.S. Eine Herztransplantation kostet sogar € 150.000,-
Eigentlich finde ich Zwangsversicherungen - egal mit welchem Ziel und
selbstverständlich ob zur Beglückung der Allgemeinheit - auch nicht besonders freiheitsfördernd.
Rückschluss?
Ist also, er hat es mit Absicht getan? Warum (Motivation)?
Ich bin ein absoluter Verfechter von unidealisierenden Analysen, aber
ich sehe da keinen Sinn drin. Ich kann aber - nicht ganz leicht, ist
schon ein dicker Fauxpas - einen Sinn darin sehen, dass er sich schlicht
versprochen hat, oder seine Redenschreiber unpräzise geschrieben
haben, bzw er die Semantik des Gesprochenen als deutsche Lager in Polen
durch Nazis verstanden hat. So kann man polnische Lager auch verstehen.
An alle, die es anders sehen, warum sollte ein Obama die deutsche Schuld
abwerten? Warum?
Selbstverständlich klarstellungs bedürftig
Aber dieser Nationalist Kaczynski hat sich mehrfach selbst entrechtet, Obama - selbst unabhängig Kaczynski´s Nationalismus - Vorsatz zu unterstellen. Als ob Obama, den ich gut finde aber nicht idealisiere, den Holocaust und die Schuld der Nazis leugnen würde. So ein Blödsinn (mal wieder) vom Kaczynski. Der sogenannte Politiker heizt mal wieder die Stimmung an um sich auf zu plustern und Stimmung für sich zu machen.
tja, Obama ist nicht nur volkswirtschaftlich eine Niete, sondern auch historisch
betrachtet.
Antworten (4) zu dieser Lesermeinung anzeigen neueste Antwort: 02.06.2012 14:25 Uhr@ Paul Banaschak
Antworten Sie bitte auf das, was ich geschrieben habe. Ich habe genau
und mehrfach erklärt, WELCHE Amerikaner ich meine und sogar warum
ich diesen Amerikanern eine nicht zu unterbietende politische Bildung
zuspreche. Die Begründung, warum Obama ein Nazi ist, ist mit
hanebüchen euphemistisch beschrieben.
Ich würde keine Nation, Gruppe oder sonst was idealisieren. Macht blind.
Herr Goldstein, das ist natürlich Unsinn, zu behaupten, dass der Bildungsstand in Burkina Faso
höher ist als in den USA. Kann nur jemand sagen, der weder da, noch dort war. Ich war an Ostern wieder mal in den USA, Utah und Arizona. Und glauben sie mir, die Bildung der USA-Bürger ist viel höher.
@ Banaschak: Da spricht doch glatt der gescholtene Obama aus Ihrem Statement.
Keine Argumente, nur Phrasen. Und für diese Holzhammer-Methode ohne Substanz bekommen Sie auch noch reichlich Zustimmung.
Sind Sie sich bewusst über die Möglichkeiten Obama´s bei Ihrer Kritik
oder korrekter gesagt Diffamierung? Beschäftigen Sie sich bitte mal
mit der Struktur der Erlassung von Gesetzen und dem
Repräsentantenhaus und dem Senat in den USA.
Schauen Sie sich mal an, welchen Wind Obama entgegen bließ, als er
eine (fast) Bismarck´sche Krankenversicherung einführen
wollte. Da wurde von der berühmt/berüchtigten Tea Party als
Nazi beschimpft. Diese (nicht alle, diese!) Amis funktioniere so.
Krankenversicherungspflicht ist sozialistisch (schon Unsinn).
NazianalSOZIALISTEN waren sozialistisch, also ist Obama Nazi. Ich denke
dass die politische Bildung in Bukina Faso höher ist, als bei
diesen Amerikanern der Tea-Party Bewegung.
Die Verstimmung ist verständlich,
wie Kaczinsky hier Absicht unterstellt und fröhlich auf der Welle
reitet ist jedoch absolut abstoßend. In dieses Statement eine
Leugnung der deutschen Schuld hineinzulesen grenzt an Verleumdung eines
Staatsoberhaupts.
@Weise: aus dem Versprecher eines Präsidenten auf die
"Ignoranz der Großmacht" zu schließen und darauf
basierend mit großer Geste zum Amerika-Bashing auszuholen ist
nicht sooo viel näher an der Wahrheit als die von Ihnen
erwähnten amerikanischen Medienphänomene ;)
Da zeigt sich wieder, wie jämmerlich tief das Bildungsniveau in den USA ist... wenn nicht das Obamas, dann doch das seiner Akolythen. Aber andrerseits kann man sich von US-amerikanischen Politikern in Hinsicht auf Bildung nichts erwarten.... siehe z.B. George "Dubbya" Bush.
Obama hat diese Verwechslung sicher nicht böse gemeint.
Aber als Präsident einer Großmacht ist es seine Aufgabe,
kompetentes Personal zu beschäftigen, das solche Fehler von
vornherein vermeidet.
Eine US-zentrische, provinzielle Weltsicht "The States vs.
ROW" (rest of world) ist da nicht hilfreich und ist insbesondere
von Obama nicht zu erwarten.
Konrad Schuller Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.
Jüngste Beiträge