10.12.2009 · Er wollte kommen, den Preis nehmen und gehen. Obamas geplanter Blitzbesuch in Oslo brachte viele Norweger in Rage. Wohl aufgrund heftiger Kritik wurde der Reiseablauf noch einmal geändert. Jetzt ist auch das übliche Festmahl mit dem König vorgesehen.
Von Siegfried Thielbeer, OsloDer geplante Blitzbesuch des amerikanischen Präsidenten in Oslo - er sollte gerade lang genug sein, um den Friedensnobelpreis entgegenzunehmen und eine Rede zu halten - hat in Norwegen zu erheblicher Verärgerung geführt. Die meisten Norweger, für die die Vergabe des Preises traditionell ein geschätzter Höhepunkt des Jahres ist, fühlten sich davon abgestoßen, dass der Besuch ohne die üblichen zeremoniellen Höhepunkte ablaufen sollte.
So war das übliche Festmahl mit dem norwegischen König und dem Nobelkomitee vom Programm gestrichen worden, ebenso die Teilnahme am traditionellen Nobel-Festkonzert zu Ehren des Preisträgers. Für den König wollte Obama sich gerade einmal 15 Minuten Zeit nehmen - für eine Kurzaudienz. Obama war zunächst auch nicht zu einer Pressekonferenz mit den zahlreich angereisten internationalen und norwegischen Journalisten bereit. Die populäre norwegische Zeitung „Verdens Gang“ erschien mit der Überschrift: „Das Urteil der Norweger: Obama ist unhöflich“.
„Amerikanische Arroganz“
Meinungsumfragen zeigten, dass eine Mehrheit der Norweger Obamas Verhalten als Affront empfanden. Umfragen zeigten auch, dass nur noch 36 Prozent von ihnen der Ansicht sind, Obama habe den Friedensnobelpreis überhaupt verdient. Auch in diplomatischen Zirkeln der nordeuropäischen Staaten war, hinter vorgehaltener Hand, von einem völligen Mangel an Höflichkeit und Respekt die Rede, die die „amerikanische Arroganz“ zeige. Anscheinend unter dem Eindruck dieser heftigen Kritik wurden schließlich doch ein Festdinner mit dem König am Abend und ein kurzer Presseauftritt nach dem Treffen mit Ministerpräsident Stoltenberg ins Programm aufgenommen.
Zur Verärgerung vor allem der Einwohner Oslos trug bei, dass die Stadt durch die umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen weitgehend lahmgelegt wurde. Tausende Polizisten, in Oslo zusammengezogen, hunderte von amerikanischen Sicherheitsbeamten und Absperrungen haben die Stadt in einen Belagerungszustand versetzt. Scharfschützen lauern, Hundepatrouillen streifen durch die Straßen, Hubschrauber sichern den Luftraum.
Die Zweifel in der norwegischen Bevölkerung daran, dass die Friedenspreisverleihung an Obama angemessen sei, wurden in einer Fülle von Leserbriefen und Blogs sowie in Interviews vor allem damit begründet, dass Obama bisher nur Absichten verkündet, aber noch nichts erreicht habe. Die Entsendung von 30.000 zusätzlichen Soldaten nach Afghanistan mache den Krieg dort zu Obamas Krieg.
Massive Kritik an der Verleihung des Friedenspreises übte der norwegische Friedensforscher Johan Galtung. Es sei eine Schande, dass Obama, der es nicht wage, vor Journalisten zu treten, nicht gleich den ganzen Preis ablehne. Die Preisverleihung zeuge von einem inkompetenten Nobelkomitee und der „Blauäugigkeit“ von dessen Vorsitzenden, der nun Obama in die Klemme gebracht habe, aus der sich der herauszuwinden versuche. Obama sei ein „ganz normaler amerikanischer Kriegspräsident“, schrieb Galtung.
Die norwegische Friedensbewegung kündigte für den Abend Demonstrationszüge gegen Obama an, zu der 5000 Teilnehmer erwartet werden. Sie hängten überall in Oslo Plakate auf, die Obamas Motto „Change“ mit einem Fragezeichen versehen.