01.04.2009 · Für Barack Obama ist die G-20-Gipfelrunde an diesem Donnerstag nur eine von vielen Verabredungen und Pflichten in London. Eine besondere Ehre erwies dem jungen Präsidenten das britische Staatsoberhaupt. Die Königin gewährte ihm eine Audienzstunde alleine.
Von Johannes Leithäuser, LondonAn seinem ersten Morgen in Europa hat der amerikanische Präsident schon wieder andere Dinge im Kopf als G-20-Gipfel, Bankenregeln und Konjunkturprogramme: Er habe gerade mit John und Fraser ein wenig über Dinosaurier geplaudert, sagte Barack Obama, nachdem er zum Frühstück in 10 Downing Street gewesen war. Die beiden Jungs sind die Söhne des britischen Premierministers Gordon Brown, und es ging ihnen ebenso wie Millionen Briten an diesem Londoner Frühlingstag: Sie wollten Obama sehen. Als sich die schwarze Haustür mit der Messingziffer 10 morgens hinter dem Präsidenten und seiner Gattin schloss, hörte man von drinnen den Applaus der versammelten Mitarbeiterschaft aus Browns Regierungskanzlei. Und später, bei den öffentlichen Begrüßungsworten, flochten sich beide gegenseitig Kränze aus ungewöhnlich üppigen Lobesranken.
Obama pries Brown als „führungsstark“, als jemanden, dem „die Welt außerordentlichen Dank schuldet“ - und er streichelte den empfindlichen Nerv des britischen Selbstbewusstseins im Verhältnis zu den Vereinigten Staaten, indem er mehrfach den Begriff von der „besonderen Beziehung“ bemühte, die beide Nationen aneinander binde. Ja sogar eine „Verwandtschaft durch gemeinsame Werte“ stellte Obama fest zwischen den beiden Ländern, die schon „zusammen durch dick und dünn“ gegangen seien. Browns Laudatio auf Obama hingegen verband die Begriffe „Visionen“ und „Mut“ und „Führungskraft“ mit „neue Hoffnung geben“ und mit der anerkennenden Feststellung: „Sie haben Amerikas Beziehungen zum Rest der Welt verändert.“
Londoner Verabredungen und Pflichten
Der neue amerikanische Präsident wird diese Aufgabe mutmaßlich nicht schon als erledigt ansehen, wollte in London aber auch keine Zweifel daran aufkommen lassen, dass er dabei ist, genau dies zu tun. In Obamas Terminkalender (und im Terminplan vieler zur G-20-Konferenz anreisender Staatschefs) ist die Gipfelrunde an diesem Donnerstag nur eine von vielen Londoner Verabredungen und Pflichten. Nach seinem Frühstück mit Brown - das auch die neue Strategie des Westens in Afghanistan und die neue Politik Amerikas gegenüber Iran zum Inhalt hatte - traf Obama am Mittwoch zunächst den russischen Präsidenten Medwedjew und dann den chinesischen Präsidenten Hu, um mit ihnen über neue amerikanische atomare Abrüstungserwägungen zu sprechen.
Beide Staatschefs suchten Obama in seinem Londoner Domizil auf, in der neoklassischen Backsteinvilla am Regent's Park, die normalerweise der amerikanische Botschafter in London als Residenz für sich alleine hat. Das Anwesen verfügt über den zweitgrößten Londoner Privatgarten (der größte erstreckt sich hinter dem Buckingham Palace). Es gelangte einst als ein Geschenk Barbara Huttons in den Besitz des amerikanischen Staates - jenes „armen reichen Mädchens“, das trotz des Vermögens der Kaufhauskette Woolworth nicht glücklich wurde und in dessen Liste von sieben Ehemännern Cary Grant mit drei kurzen Jahren den mittleren Platz einnahm. In Großbritannien ist jener globalen Wirtschaftskrise, die Obama in das einstige Heim der Kaufhauserbin geführt hat, ausgerechnet Woolworth als erster großer Markenname zum Opfer gefallen - das Unternehmen musste Ende des vergangenen Jahres Insolvenz anmelden.
Audienzstunde für den jungen Präsidenten
Dass London am Mittwoch und an diesem Donnerstag für zwei Tage im Status der Hauptstadt der Welt rangiert, ist allerdings nicht alleine der Geschäftigkeit des amerikanischen Präsidenten zu danken. Während Obama am Mittwochnachmittag in seiner gepanzerten Limousine die Parade-Allee zum Buckingham Palace hinunterfuhr, hingen dort im Laternenpfahl-Abstand die Ehrenfahnen für einen anderen amerikanischen Präsidenten - Felipe Calderón aus Mexiko. Der hatte just in den drei Tagen vor dem G-20-Gipfel einen Staatsbesuch in London absolviert und war zu dem Wirtschaftstreffen gleich dageblieben. So fand er Gelegenheit, Königin Elisabeth II. gleich noch einmal zu begegnen, die am Mittwochnachmittag im Palast alle Staats- und Regierungschefs zu einem Cocktailempfang bat. Auch an diesem Ort fiel freilich Obama, dem jüngsten und bedeutendsten im Kreis, eine besondere Geste zu: Bevor die Drinks für alle gereicht wurden, gewährte die Königin dem jungen Präsidenten alleine eine Audienzstunde.
Den effizientesten Coup gegenüber der Schar der angereisten Staatsoberhäupter und Regierungschefs unternahm unterdessen ihr Sohn, der Prince of Wales. Charles hatte sich persönlich bei ihnen erkundigt, ob sie nicht auf eine Stunde auch in seiner Residenz „Clarence House“, schräg gegenüber vom Palast der Königin, vorbeischauen könnten, um Interesse an Aktivitäten zum Schutz des Regenwaldes zu zeigen. Die deutsche Bundeskanzlerin Merkel, der französische Staatspräsident Sarkozy, der italienische Ministerpräsident Berlusconi, der saudische König Abdullah, der japanische Ministerpräsident Azo, der indonesische Staatspräsident Bambang Yudhoyono, der UN-Generalsekretär, der Chef der Weltbank, ein halbes Dutzend Außenminister (unter ihnen die amerikanische, Hillary Clinton, und der britische, David Miliband) - sie alle nahmen an dem „privaten Treffen“ teil und hörten sich die eindringliche Warnung des Thronfolgers an, es blieben noch hundert Monate, um die irreparable Vernichtung der tropischen Wälder der Erde abzuwenden.
Harmonie in einer heterogenen Gesellschaft
Seine Idee basiert auf einer Art Mietzahlung der westlichen Welt an die Regenwald-Staaten und auf der Beteiligung an ökologischen Wirtschaftsvorhaben, aus der langfristig eine Rückvergütung der Zahlungen zu erwarten wäre. Nein, es sei keine Abschlusserklärung nach dem Treffen geplant, hieß es aus dem „Clarence House“, nein, es gehe nicht darum, Beschlüsse zu fassen. Es gehe bloß darum, „Konsens festzustellen“, dass dringend die zehn Milliarden Dollar aufgebracht werden müssen, die nach Berechnungen der Regenwald-Fachleute des Prinzen jährlich auszugeben sind, um die Abholzung wenigstens zu halbieren.
Charles' Initiative kann als Beispiel dafür gelten, wie der Schock der Finanzkrise politische Mechanismen und Kooperationen ändert. Eine ganze Riege von Staatspräsidenten, die bislang nicht ihren Platz auf der Vorderbühne internationaler Vereinbarungen hatten, fühlte sich in London zu Hause, fand Aufmerksamkeit für ihre Anliegen. Der indonesische Präsident machte in einer Londoner Universität Reklame für den Wandel seines Landes zur Demokratie und für die besonderen Mechanismen, die dabei Beachtung fänden: „Bei uns drückt die Mehrheit nicht der Minderheit ihren Willen auf“, sagte er, das Ziel sei „Harmonie in einer heterogenen Gesellschaft“.
Der Vorhang fällt
Das ist ein Motto, dem wiederum der politische Hauptdarsteller der Londoner G-20-Truppe beipflichten würde: Der amerikanische Präsident fand in seinem überfüllten Tagesablauf am Mittwoch noch eine halbe Stunde Zeit, um auch einen Schwatz mit dem britischen Oppositionsführer Cameron zu halten. Der Inhalt wurde nicht wiedergegeben, aber alleine der Umstand zählte genug. Obama deutete damit an, dass die „besondere Verbindung“ mit Großbritannien sich nicht alleine auf den Amtsinhaber bezieht, und Cameron konnte sich schon respektiert sehen in Funktionen, in die ihn die britischen Wähler erst noch bringen müssen.
Der Gastgeber Brown, der gleichfalls den Gipfelglanz auch innenpolitisch nutzen muss, um seine Gestalt wieder heller scheinen zu lassen, war unterdessen in seiner Rolle am ersten Tag dieses Welttreffens maximal erfolgreich: „Wir sind noch Stunden von der Vereinbarung eines weltweiten Plans zur wirtschaftlichen Erholung entfernt“, verkündete Brown vollmundig. Er weiß allerdings, dass auf der Londoner Bühne der Vorhang am Donnerstagabend fällt. Die Tournee Obamas geht dann in Frankreich und Deutschland weiter. Und der indonesische Präsident hat schon gesagt, der nächste G-20-Gipfel solle bitte schön doch in Asien stattfinden.