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Obama in Kairo Wohltuende Worte, vage Forderungen

04.06.2009 ·  Obama warb in seiner Rede für einen Neuanfang der Beziehungen zwischen Amerika und der muslimischen Welt. Es gelang ihm, die Zuhörer für sich zu gewinnen, indem er arabisch sprach oder aus dem Koran zitierte. Die Forderungen an Israel blieben jedoch unpräzise.

Von Hans-Christian Rößler
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Die T-Shirts gibt es bisher nur in wenigen Läden. „Obama - der neue Tutenchamun der Welt“ lautet ihre Aufschrift. Aber im Basar „Khan al Khalili“ sind weiterhin mehr Hemden mit Kamelen oder ägyptischen Hieroglyphen im Angebot. Die Händler in der Altstadt von Kairo sind noch dabei herauszufinden, ob der Besucher aus Amerika beliebt genug ist, damit sich mit ihm Geld verdienen lässt. Die meisten Einwohner der Millionenstadt verschaffen sich dagegen am Donnerstag selbst einen Eindruck, ob der neue amerikanische Präsident wirklich die Qualitäten eines Pharaos besitzt.

Kurz nach 13 Uhr tritt Obama ans Rednerpult vor dem roten Vorhang unter der Kuppel des Festsaals der Universität von Kairo. Nicht an der islamischen Al-Azhar-Universität, sondern an der traditionsreichen säkularen Lehranstalt, an der auch PLO-Chef Jassir Arafat, Saddam Hussein und der ägyptische Literaturnobelpreisträger Nagib Mahfus studierten, wendet er sich an die Muslime auf der ganzen Welt. Zumindest in Kairo kann er sich auf jeden Fall fast ungeteilter Aufmerksamkeit sicher sein: Die Einwohner haben viel Zeit, sich seinen Auftritt im Fernsehen anzusehen. Mehr als 10 000 ägyptische und amerikanische Polizisten, Soldaten und Geheimdienstagenten, die buchstäblich an jeder Straßenecke stehen, legen das Leben in der Stadt lahm. Die meisten Menschen bleiben deshalb zu Hause.

„Aber wie er sie alle zufriedenstellen wird, weiß ich nicht“

„Arabische Medien stellten Obama seit Wochen dar, als wäre er der neue Messias. Das ist gefährlich“, sagt Hala Mustafa über die großen Erwartungen, mit denen sich der amerikanische Präsident nicht nur in Ägypten, sondern auch anderswo in der islamischen Welt konfrontiert sieht. Die Politikwissenschaftlerin, die in Kairo die Zeitschrift „Demokratie“ herausgibt, gehört zu den gut 3000 geladenen Gästen, die in dem historischen Saal der Universität von Kairo Obama selbst zuhören dürfen.

Schon ein Blick in den Zuschauerraum illustriert, welcher Balanceakt dem amerikanischen Präsidenten in der brütend heißen ägyptischen Metropole gelingen muss: Auf den Ehrenplätzen fehlt sein Gastgeber, der ägyptische Präsident Mubarak. Der hatte ihn zuvor mit allen Ehren im Qubaa-Palast empfangen, kam aber nicht mit an die Universität. Denn unter den Zuhörern sind auch Oppositionelle, Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen und einige moderate Islamisten. Zu ihnen sollte auch der Oppositionspolitiker Aiman Nur gehören, der erst vor kurzem aus dem Gefängnis freigekommen ist und vielleicht selbst bei der nächsten Präsidentenwahl antreten will.

Aus dem Koran zitiert

Die amerikanische Botschaft hatte Wert darauf gelegt, dass auch Ägypter wie Aiman Nur dabei sind. In Kairo wurde darüber spekuliert, dass Mubarak nicht in ihrer Nähe Platz nehmen wollte. Der Präsident der einer der engsten Verbündeten Amerikas ist, will seine Treue gewürdigt sehen. Die Kritiker Mubaraks möchten, dass Obama seinem Bekenntnis zu Demokratie und Menschenrechten Taten folgen lässt. „Es war eine exzellente intellektuelle Rede. Er versuchte, auf alle einzugehen. Aber wie er sie alle zufriedenstellen wird, weiß ich nicht“, fragt sich Hala Mustafa.

Obama macht gleich zu Beginn seiner Ansprache keinen Hehl daraus, dass ihm diese Gefahr bewusst ist, und dämpft allzu große Hoffnungen. „Keine einzelne Rede kann Jahre des Misstrauens auslöschen“, sagt er warnend. Um neues Vertrauen wirbt er immer dann am erfolgreichsten, wenn er ausspricht, was seinem muslimischen Publikum gefallen muss: Den meisten Applaus bekommt Obama, als er seine Zuhörer - wenn auch etwas unbeholfen - mit den arabischen Worten „as-Salamu alaikum“ begrüßt, Errungenschaften islamischer Kultur lobt oder aus dem Koran zitiert.

Obama ist auch selbstkritisch

Geschickt nimmt Obama dabei immer wieder Bezug auf seine eigene Lebensgeschichte. Er erzählt vom muslimischen Gebetsruf, den er während seiner Kindheit in Indonesien gehört hat, und übergeht auch seinen zweiten Vornamen - Hussein - nicht. Schon dessen Erwähnung bringt ihm neuen Beifall ein. Dass ein Afro-Amerikaner wie er, dessen kenianische Vorfahren seit Generationen Muslime seien, in Amerika sogar Präsident werden könne, sei dort nichts völlig Außergewöhnliches. Schließlich lebten sieben Millionen Muslime in den Vereinigten Staaten, die überdurchschnittlich gebildet seien und besser verdienten als viele anderen, sagt er. „Der Islam ist ein Teil Amerikas“, stellt er klar - und schlägt damit den Bogen zu seinem Appell, künftig nicht mehr das Trennende, sondern die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund zu stellen.

Die Offenheit, die Obama für diesen neuen Dialog forderte, blieb er jedoch schuldig, wenn er hätte konkreter werden können. Zu oft werde nur hinter verschlossenen Türen ehrlich geredet, hatte er kritisiert. Als es dann jedoch um fehlende Demokratie in der islamischen Welt geht, schreckt er merklich davor zurück, autoritären Herrschern offen Vorwürfe zu machen. Vorsichtig spricht er davon, dass es „einige gibt, die für Demokratie eintreten, wenn sie nicht an der Macht sind, die Rechte anderer aber rücksichtslos unterdrücken, wenn sie wieder an der Macht sind“. Aber schon für Äußerungen wie diese kommt ein Zwischenruf „We love you“, für den Obama sich höflich bedankt. Selbstkritisch übergeht er dabei auch nicht den von Amerika angeführten Einmarsch im Irak: Keinem Staat könne einfach ein anderes Regierungssystem aufgezwungen werden, sagt er bestimmt.

„Beweise mir erst, dass du wirklich anders bist“

Nichts Neues sagt der Besucher aus Washington auch zu dem Thema, das wohl die meisten Muslime am stärksten interessiert. In den ägyptischen Medien wurde schon seit Tagen der Nahost-Konflikt in einem Atemzug mit seiner Rede an der Universität von Kairo erwähnt. Obamas Sprecher wurden zwar nicht müde, darauf hinzuweisen, dass der Präsident in Kairo nicht vorhabe, seinen neuen Plan für einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern vorzustellen. „Der Lackmustest bleibt der Nahost-Konflikt. Hier muss sich der Präsident als glaubwürdig erweisen und zeigen, dass er es anders als sein Vorgänger Bush auftritt“, sagt Gamal Abd al Gawad vom „Al-Ahram-Zentrum für politische und strategische Studien“ in Kairo. Aufmerksam hatten Menschen in der islamischen Welt mitverfolgt, dass Obama gegenüber Israel deutlich härtere Töne anschlug als sein Vorgänger George W. Bush. So verlangte er von Israel mehrfach, alle Siedlungsaktivitäten einzustellen. In seiner Rede am Donnerstag geht er über diese Forderung nicht hinaus und bleibt dabei sogar eigenartig unpräzise: Seine Regierung akzeptiere nicht „die Legitimität fortdauernder israelischer Siedlungstätigkeit“, und es sei an der Zeit, „diese Siedlungen zu stoppen“ - welche Siedlungen er damit meinte, ließ er im Unklaren.

Aussagen wie diese werden im Nahen Osten nicht überhört, aber noch profitiert Obama von einem großen Vertrauensvorschuss in der Region. Er ist der beliebteste amerikanische Präsident seit langer Zeit: In jüngsten Umfragen in der Region fanden ihn 45 Prozent sympathisch, während George W. Bush 61 Prozent nicht mögen. Aber in Ägypten hat diese Begeisterung Grenzen. Meinungsforscher registrieren weiterhin eine spürbare Skepsis. „Ägypter scheinen Obama zu sagen: ,Beweise mir erst, dass du wirklich anders bist“, beobachtet zum Beispiel Steven Kull von der Universität Maryland, die in den vergangenen Wochen Hunderte Ägypter befragt hatte.

Besonders auf Facebook baute das Weiße Haus

Uneingeschränkt angetan waren dagegen die Ägypter von Obamas Entscheidung, seine Rede in ihrer Hauptstadt zu halten. Denn anfangs waren dafür auch Marokko, die Türkei und Indonesien im Gespräch. Aber viele hielten die Wahl des Amerikaners, der erst seit wenigen Monaten im Amt ist, für fast zwangsläufig. Es sei „völlig normal, dass sich Obama an den ägyptischen Präsidenten wendet, um ihn um Rat zu bitten“, schrieb etwa die regierungsnahe Zeitung „Al Ahram“ in dieser Woche.

Auf Obamas Rede konnte Mubarak jedoch keinen Einfluss mehr nehmen. Bis kurz vor der Landung in Kairo arbeitete er selbst daran, bevor sie dann gleich in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt wurde. Denn das Weiße Haus wollte, dass sie nicht nur in Ägypten, sondern überall in der islamischen Welt gehört wird. Dafür beschritt man völlig neue Wege: Noch während Obama seine Rede hielt, sendete das amerikanische Außenministerium per SMS Auszüge auf Arabisch, Persisch, Urdu und Englisch. Kurz danach sollten schon der Text und Video in insgesamt 13 Sprachen im Internet bereitstehen - über alle verfügbaren Portale, vor allem You Tube, Twitter und Facebook. Besonders auf Facebook baute das Weiße Haus, denn zwanzig Millionen Nutzer hat das soziale Netz alleine in islamischen Ländern - fast genauso viele, wie die ägyptische Hauptstadt Einwohner hat, die Obama nach dem obligatorischen Abstecher zu den Pharaonengräbern in den Pyramiden am Abend in Richtung Dresden verließ.

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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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