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Obama in der Türkei Die Angst vor dem G-Wort

06.04.2009 ·  Der amerikanische Präsident Obama ist in Ankara zu einem mehrtägigen Besuch der Türkei eingetroffen. Sein Besuch wird in der Türkei wohlwollend als Zeichen für die gewachsene Bedeutung des Landes verstanden - doch herrscht auch Sorge, Obama könne die unliebsame Armenien-Frage ansprechen.

Von Michael Martens, Ankara
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Wird er, oder wird er nicht? Viele Türken sind stolz darauf, dass der erste „echte“ Staatsbesuch Barack Obamas ausgerechnet ihrem Land gilt. In London, Baden-Baden, Straßburg und Prag standen für den immer noch mächtigsten Mann der Welt schließlich nicht einzelne Länder im Mittelpunkt, sondern Gipfeltreffen mit ganzen Rudeln von Staats- und Regierungschefs. Nach Ankara hingegen komme der amerikanische Präsident ohne multilaterale Girlanden, einzig aus Verständnis für die strategische Bedeutung der Türkei - so zumindest die türkische Lesart, die Obamas Kurztrip nach Kanada im Februar mit der Bemerkung unter den Tisch fallen lässt, dabei habe es sich nur um den für alle amerikanischen Präsidenten üblichen Antrittsbesuch in Ottawa gehandelt.

Doch die Vorfreude ist nicht ungetrübt - mal abgesehen von dem Streit über einen Nato-Generalsekretär Rasmussen. Denn zumindest in der politischen Elite geht eine bange Frage um: Wie hält es der Gast mit den Armeniern? Wird der Präsident das schlimme Wort aussprechen, das „G-Wort“? Diese Frage stellt sich Jahr für Jahr aufs Neue, immer vor dem 24. April. An diesem Tag geben amerikanische Präsidenten eine Erklärung ab, die dem Gedenken an jene Massaker gewidmet ist, welche von türkischen Politikern meist als „Ereignisse von 1915“ verharmlost werden. Im zweiten Weltkriegsjahr war der jungtürkische Kriegsminister Enver Pascha bei der Eroberung des Kaukasus auch deshalb gescheitert, weil Armenier die russische Verteidigung unterstützt hatten. Am 24. April 1915 verhafteten die Jungtürken in Istanbul mehr als 200 Armenier und ließen fast alle ermorden. Im Mai desselben Jahres setzte mit dem "Gesetz über die Bevölkerungsumsiedlung" dann die Deportation der Armenier aus Anatolien ein. Hunderttausende starben auf dem Todesmarsch in der syrischen Wüste.

Vehementes Wehren gegen das Wort „Genozid“

Nicht alle, aber viele der damit befassten internationalen Historiker bezeichnen die Verbrechen von 1915 als „Genozid“. Gegen dieses Wort aber wehrt sich die Türkei vehement, und nie war der Abwehrkampf so verzweifelt wie in diesem Jahr. Denn mit Rücksicht auf die starke armenische Lobby haben die „Ereignisse von 1915“ auch im jüngsten amerikanischen Präsidentenwahlkampf wieder eine Rolle gespielt, und sowohl Obama als auch Hillary Clinton haben sich an Deutlichkeit nicht überbieten lassen. Obama etwa, der von der Deportation von nahezu zwei Millionen Armeniern sprach, von denen etwa 1,5 Millionen getötet wurden, sagte: „Der armenische Genozid ist keine Behauptung, persönliche Meinung oder Sichtweise, sondern eine ausführlich dokumentierte Tatsache . . . Amerika hat einen Führer verdient, der wahrheitsgemäß über den armenischen Völkermord spricht und allen Völkermorden energisch entgegentritt. Ich habe vor, dieser Präsident zu sein.“

Video: Obama befürwortet EU-Mitgliedschaft der Türkei

Wird der Präsident Obama sich an die Worte des Kandidaten Obama erinnern? Suat Kiniklioglu, Sprecher des außenpolitischen Ausschusses im türkischen Parlament und einer der profiliertesten Außenpolitiker in der „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, warnt: „Sollte Obama das G-Wort benutzen, kann es einen ernsthaften Bruch in den Beziehungen zwischen unseren Staaten geben. Es gibt keinen Regierungschef in diesem Land, der das einfach übergehen könnte.“

Weil das wohl zu sehr danach klingt, als wolle Ankara dem Präsidenten einen Maulkorb anlegen, fügt Kiniklioglu dieser Drohung rasch Argumente hinzu. Einige davon sind nicht nur aus Regierungskreisen zu hören, sondern auch von liberalen Intellektuellen in Istanbul oder westlichen Diplomaten in der Hauptstadt. Das wichtigste: Die „Erbfeinde“ Türkei und Armenien befinden sich in einem ebenso historischen wie fragilen Annäherungsprozess, der womöglich noch in diesem Jahr zur Öffnung der Grenzen und zu der Aufnahme von diplomatischen Beziehungen zwischen Ankara und Eriwan führen wird.

Großes Aufsehen erregte im September die Reise des türkischen Präsidenten Abdullah Gül zu dem Fußballspiel zwischen Armenien und der Türkei, welches die Lostrommel zur WM-Qualifikation 2010 den Nachbarn beschert hatte; es war die erste Reise eines türkischen Präsidenten nach Armenien. Nun soll wenige Tage nach Obamas Besuch in Ankara der türkische Außenminister Ali Babacan nach Eriwan reisen. In Ankara ist zu hören, bei dieser Gelegenheit könne womöglich gar die geplante Öffnung der Grenzen verkündet werden. Suat Kiniklioglu bestätigt das zumindest indirekt: „Wir stehen kurz vor einer Vereinbarung mit den Armeniern.“ Eine Äußerung von Obama könne sich deshalb "sehr nachteilig" auswirken: „Wir wissen, dass die Amerikaner die Bedeutung unseres Rapprochements verstehen“, so der AKP-Politiker, "und wir haben ihnen außerdem deutlich zu verstehen gegeben, dass es auch der Qualität der Beziehungen zwischen der Türkei und den Vereinigten Staaten abträglich wäre, wenn Obama das G-Wort benutzte."

Gefahr für die Aussöhnung mit den Armeniern?

Als Hindernis für eine Aussöhnung mit den Armeniern galten in den vergangenen Jahren, zumindest aus Ankaras Sicht, indes nicht Äußerungen amerikanischer Präsidenten, sondern die Weigerung Eriwans, auf den Vorschlag Erdogans zur Einberufung einer Historikerkommission einzugehen. Die Türken sind sich ihrer Sache offenbar so sicher, dass sie vorgeschlagen haben, türkische, armenische und internationale Fachleute zu berufen, die sich mit dem Thema befassen sollen. Dem Vernehmen nach ist Armenien unter seinem im Februar 2008 gewählten Präsidenten Sersch Sarkisjan von dem Widerstand gegen ein solches Vorhaben abgerückt. Über Sarkisjan ist jedenfalls Gutes zu hören in Ankara. Staatspräsident Gül hat ihn bereits zum Besuch des türkisch-armenischen Rückspiels im Oktober eingeladen, und Suat Kiniklioglu ist optimistisch, dass es bis dahin weitere Fortschritte geben wird: „Die jetzige Führung in Eriwan hat verstanden, dass der Status quo nicht im Interesse Armeniens ist.“

Sollte dieser politische Prozess also tatsächlich an einem einzigen Wort scheitern? Nicht alle glauben, dass es dazu kommen wird, sollte Obama tatsächlich von einem Genozid sprechen, zumal in der Türkei oft vergessen oder verschwiegen wird, dass es bereits einen amerikanischen Präsidenten gab, der das „G-Wort“ erwähnt hat - und das sogar in dunkelstmöglichem Zusammenhang. Ronald Reagan ließ im April 1981 folgende Mitteilung verbreiten: „Wie der Völkermord an den Armeniern vorher und der ihm folgende Völkermord an den Kambodschanern - und wie zu viele andere solche Verfolgungen zu vieler anderer Völker - dürfen die Lehren des Holocausts niemals vergessen werden.“

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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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