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Obama in Berlin Rückkehr des Umjubelten

 ·  Die Deutschen lieben Barack Obama mehr als er sie: Auf ihre irrationale Zuneigung reagiert der amerikanische Präsident mit rationaler Gleichgültigkeit. Für ihn haben andere Teile der Welt Vorrang.

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© Getty Images Vergrößern Irrationale Zuneigung: jubelnde Deutsche und ein sprechender Obama 2008 in Berlin

Es gibt Beziehungen, die asymmetrisch bleiben: Eine Liebe wird nicht erwidert, Aufmerksamkeit mit Desinteresse vergolten und so weiter. Das Verhältnis zwischen den Deutschen und Barack Obama ist eine solche Beziehung: Auf die irrationale Zuneigung eines Volkes im Herzen Europas hat der 44. amerikanische Präsident mit rationaler Gleichgültigkeit reagiert.

Schon der Besuch des damaligen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama vom Juli 2008 in Berlin war ein kühl kalkulierter Zug, kein Ausdruck von Emotionen: Obamas Leute wussten, dass die Leute in keinem anderen Land Europas so empfänglich für die luftige Rhetorik ihres Kandidaten sein würden wie in Deutschland. Das lag natürlich auch an der Dämonisierung des damaligen Amtsinhabers George W. Bush.

Deutschland und Europa haben keine Priorität

Im Sommer des Wahljahres 2008 lagen der Demokrat Obama und der Republikaner John McCain daheim in Amerika in den Meinungsumfragen etwa gleichauf; erst die akute Finanzkrise an der Wall Street von Mitte September und der folgende Kollaps der Autoindustrie in Detroit vom Frühherbst gaben den Ausschlag für Obama. Die Deutschen aber hatten im Juli 2008 längst ihre Wahl getroffen. 200.000 Berliner jubelten an der Siegessäule dem Kandidaten und seiner Botschaft von „Hoffnung und Wandel“ zu.

Obama seinerseits war Deutschland, den Deutschen und auch der deutschen Kanzlerin gegenüber stets leidenschaftslos. Hartnäckig wird der Mythos am Leben gehalten, Obama habe mit seinem ersten Arbeitsbesuch als Präsident in der Hauptstadt der Deutschen so lange gewartet, weil er Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht verziehen habe, dass sie ihm seinerzeit das Brandenburger Tor als gewünschten Hintergrund für seine Berliner Rede verweigert habe. Die Wahrheit ist, dass Deutschland - und Europa - keine Priorität für Präsident Obama hatte. Da ist zunächst die „Achsendrehung nach Asien“, die Vision Obamas, als erster „pazifischer Präsident“ in die amerikanische Geschichte einzugehen.

Europa trat in Obamas erster Amtszeit kaum ins geostrategische Blickfeld, erst seit der zweiten Amtseinführung vom Januar 2013 gibt es in Washington so etwas wie eine kleine Europa-Renaissance. Für den Einsatz Berlins in Afghanistan - die Deutschen sind nach den Amerikanern und den Briten der drittgrößte Truppensteller - bekundete Obama zwar Dankbarkeit. Doch für den Präsidenten stand - trotz vorübergehender Truppenverstärkung - der rasche Abzug der internationalen Truppen vom Hindukusch bis Ende 2014 im Vordergrund, nicht der Kampfauftrag und der „Nationenaufbau“ Seite an Seite mit den Verbündeten. So wie der amerikanische Krieg im Irak im Dezember 2011 soll auch der Waffengang am Hindukusch rasch zu Ende gebracht werden.

Zur graduellen Abkühlung der Begeisterung für Obama bei den Deutschen und zur Belastung der Beziehungen zwischen Berlin und Washington tragen alte und neue Konflikte gleichermaßen bei. Obwohl Obama die Schließung des Gefangenenlagers Guantánamo bis Januar 2010 versprochen hatte, werden dort bis heute 166 Männer festgehalten - ohne Aussicht auf ein Zivilverfahren oder auf Freilassung. Beim Drohnenkrieg in Pakistan, im Jemen und am Horn von Afrika setzt Obama Waffengewalt zur gezielten Tötung von Tausenden Terrorverdächtigen (und unschuldigen Zivilisten) in einer Weise ein, die aus Sicht vieler Deutscher und auch mancher Regierungsmitglieder gegen das Völkerrecht verstößt.

Annäherung der Standpunkte ist nicht in Sicht

Beim Luftwaffeneinsatz der Nato gegen den libyschen Diktator Muammar Gaddafi vom Frühjahr 2011 wollten die Deutschen nicht mitmachen, nicht einmal in einer unterstützenden Rolle. Auch die Lieferung von Waffen an die syrischen Aufständischen, zu der sich Obama am Wochenende nach langem Zögern entschlossen hat, lehnt die Kanzlerin nach wie vor ab. Die jüngst enthüllte umfassende Überwachung des internationalen Telefon- und Internetverkehrs durch das „Prism“-Programm des amerikanischen Militärgeheimdienstes NSA wird die Kanzlerin beim Treffen mit Obama wegen der Sorge vor dem Eingriff in die Privatsphäre auch zahlreicher Deutscher wohl prominent zur Sprache bringen.

In der Wirtschafts- und Finanzpolitik mahnt Washington die Deutschen seit Jahr und Tag, statt zu sparen und den Haushalt zu sanieren die Konjunktur mit staatlichen Investitionen auf Pump anzukurbeln; eine Annäherung der Standpunkte ist nicht in Sicht. Die Verhandlungen über ein transatlantisches Freihandelsabkommen versprechen schwierig zu werden.

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