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Nukleargipfel in Washington Obamas Kraftakt

15.04.2010 ·  Werden die Staats- und Regierungschefs nach dem Gipfeltreffen in Washington nun den Kampf gegen nuklearen Terror Ehrenplätze in ihren nationalen Sicherheitsstrategien freiräumen? Es zeichnet sich ein zähes Ringen ab, dabei wäre Eile angesagt.

Von Andreas Ross
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Die Angreifer hatten sich aufgeteilt. Während die erste Gruppe vom Wachpersonal der südafrikanischen Atomanlage Pelindaba verfolgt wurde, überwand die zweite den Zaun, klemmte die Alarmsysteme ab und erschoss den Diensthabenden im Kontrollzentrum. Die Männer blieben eine Dreiviertelstunde in der Halle, die Hunderte Kilogramm waffenfähiges Uran beherbergte. Sie entkamen unbehelligt, angeblich ohne Spaltmaterial. Allerdings verraten die Südafrikaner wenig über ihre Ermittlungen.

Sicher ist dagegen, dass Al-Qaida-Führer schon lange vor diesem Überfall im Jahre 2007 mit pakistanischen Atomforschern ihre Möglichkeiten sondierten, sich nuklear zu bewaffnen. Auch sie werden wissen, dass zwar die meisten Atomlager in und um Russland inzwischen aufwendig gesichert sind, dass es hier und da auf der Welt aber immer noch Reaktoren gibt, bei denen nur ein Zaun und ein Nachtwächter zum Schutz der Brennstäbe aufgeboten werden. Kein Geheimnis ist es ferner, dass die sechs Kilogramm Plutonium der Atombombe von Nagasaki in eine Coladose passen würden. Dieselbe Sprengkraft wird bei geringerem Konstruktionsaufwand mit etwa 50 Kilogramm hochangereichertem Uran erreicht.

Erst recht wissen Usama Bin Ladin und Komplizen über Pakistan Bescheid. Dort wird das waffenfähige Spaltmaterial zwar streng bewacht. Doch immer wieder konnten die Extremisten auf die Kollaboration von Militärs zählen. Und Genugtuung wird jedem Gebieter über Selbstmordterroristen bereiten, dass die freie Welt weiß, wie wenig sie weiß. Wenn den Fahndern in den vergangenen Jahren radioaktives Material in die Hände fiel, war meist gar nicht bekannt, dass es vorher irgendwo abhandengekommen war.

All das hat der Harvard-Forscher Matthew Bunn im April 2008 im amerikanischen Senat vorgetragen, als George W. Bush noch regierte. Barack Obama hat vor einem Jahr in Prag ein kühnes Versprechen gegeben: In einem internationalen Kraftakt will er sämtliches ungeschützte Spaltmaterial der Welt sichern. Das ging damals unter, weil der Präsident ein paar Atemzüge vorher seine Vision einer atomwaffenfreien Welt entworfen hatte. Doch während er die totale Abrüstung in eine ferne Zukunft schob, gab er sich für die „nukleare Sicherheit“ nur vier Jahre.

Forschen Ankündigungen

Obama wird dieses Versprechen nicht halten können. Je mehr Atomanlagen in der Welt entstehen, desto unübersichtlicher wird es. Doch der Präsident hofft, dass er mit seiner forschen Ankündigung und dem Atomgipfel in Washington der guten Sache Schwung verliehen hat. Immerhin sind fast alle seinem Ruf gefolgt, sogar Dmitrij Medwedjew und Hu Jintao. George W. Bush hätte eine solche Runde nicht einberufen können. Wer hätte sich nach dem Irak-Desaster von ihm über Terroristen und Massenvernichtungswaffen belehren lassen? Das Bekenntnis zur besseren Zusammenarbeit bei der Sicherung von Nuklearmaterial in der Gipfel-Erklärung ist unverbindlich. Trotzdem hat Obama der Versuchung widerstanden, neue Programme aufzulegen.

Er setzt auf die bestehenden Mechanismen, die ja funktionieren, wenn auch manchmal etwas gehemmt. Werden die Staats- und Regierungschefs nun dem Kampf gegen Atomschmuggel und -terrorismus Ehrenplätze in ihren nationalen Sicherheitsstrategien freiräumen? Zur Motivation sollte beitragen, dass dieser Kampf erstens unumgänglich und zweitens zu gewinnen ist.

Im Streit über Nordkorea und Iran mögen die Weltmächte einander Knüppel vor die Beine werfen und insgeheim Einhegungsstrategien entwerfen. „Containment“ aber ist beim nuklearen Terrorismus undenkbar. Kim Jong-il hat die Bombe, aber er hat auch Gründe, sie nicht einzusetzen. Al Qaida dagegen würde einen atomaren Sprengsatz zünden. Die gute Nachricht: Die Herstellung waffenfähigen Spaltmaterials stellt schon einen autoritär regierten Staat wie Iran vor große Schwierigkeiten; eine Terrorgruppe hätte keine Chance. Es reicht also, sämtliches vorhandene Spaltmaterial so gut zu sichern, dass selbst zum Äußersten entschlossene Terroristen nicht darankommen können. Das kostet Geld, ist aber machbar.

Die Bundesregierung verweist auf die Internationale Atomenergiebehörde in Wien. Allerdings hatten die Europäer Obamas Ansinnen abgeblockt, deren Budget zu verdoppeln. Doch das dürfte der Preis sein: Ohne üppige neue Programme zur „nuklearen Entwicklungshilfe“ für die Länder des Südens werden diese alle neuen Kontroll- und Schutzmaßnahmen reflexhaft als postkoloniale Einmischungsversuche ablehnen. Allerdings ist auch der amerikanische Kongress nicht spendabel gestimmt. Umso mehr Mühe hat sich Obama gegeben, die Entwicklungs- und Schwellenländer mit Abrüstungs- und Zurückhaltungsversprechen (in der neuen Nuklearstrategie) gnädig zu stimmen. Denn im Mai ist die Überprüfung des Nichtverbreitungsvertrags in New York. Die westlichen Länder wollen das Abkommen mit neuen Kontrollbestimmungen bewehren. Das wird ein zähes Ringen. Auch die Vereinten Nationen sähen dabei gern die Regierungschefs im Ring. Doch die meisten wollen es bei der Washington-Reise belassen.

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Jahrgang 1975, Redakteur in der Politik.

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