Home
http://www.faz.net/-gpf-7b894
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

NSA Totale Überwachung

Die Überwachung durch amerikanische Geheimdienste ist beileibe kein neues Phänomen. Schon seit 2001 will die NSA alles wissen.

© dpa Freund hört mit: Antennenkuppeln der ehemaligen NSA-Abhörbasis in Bad Aibling

Im Juni 2008 besuchte Generalleutnant Keith Alexander, der Chef des amerikanischen Geheimdienstes NSA, seine Mitarbeiter in Menwith Hill. Der Stützpunkt liegt in der englischen Grafschaft North Yorkshire und wird seit den fünfziger Jahren von der NSA betrieben. Von dort wurde im Kalten Krieg der satellitengestützte Datenverkehr der Sowjetunion abgefangen, es war der wichtigste Knoten im globalen Spionageprogramm „Echelon“. Alexander hatte den Abhörprofis eine schöne „Sommer-Hausaufgabe“ mitgebracht, wie er es formulierte: „Warum können wir nicht alle Signale zu jeder Zeit sammeln?“ So ist es auf einem Dokument aus der Sammlung des früheren NSA-Mitarbeiters Edward Snowden überliefert.

Thomas Gutschker Folgen:

Alexanders „Hausaufgabe“ mag überzogen oder gar absurd wirken - aber nur auf Leute, die nicht zur NSA gehören. Die Mitarbeiter selbst können kaum überrascht gewesen sein: Alles zu wissen und alles zu speichern war seit 2001 zum neuen Ziel der technischen Aufklärung geworden. Damit änderte sich auch das Verhältnis zu den Partnern. Es konnte keine Freunde mehr geben, deren Überwachung tabu war - es sei denn, sie stellten Daten freiwillig zur Verfügung wie die Briten. Nicht einmal die Privatsphäre von Amerikanern blieb verschont. So entstanden Überwachungsprogramme wie das von Snowden enthüllte „Prism“, bei dem die NSA Daten amerikanischer Internetkonzerne abzweigt.

Anfangs 200 Millionen Dollar Etat im Jahr

Am Anfang dieser Entwicklung stand ein Mann, dessen Name böse Erinnerungen weckt: John Poindexter. Als Sicherheitsberater Reagans war Poindexter über illegale Waffenlieferungen an Iran und nicaraguanische Rebellen gestürzt und wegen krimineller Verschwörung verurteilt worden. Anfang 2002 bekam er seine zweite Chance als Regierungsbeamter. Präsident George W. Bush machte den früheren Admiral zum Direktor eines Programms namens „Total Information Awareness“, zu Deutsch: vollständige Informationskenntnis.

Das Programm war im Pentagon angesiedelt und startete mit einem Budget von 200 Millionen Dollar im Jahr. Poindexter hatte freie Hand und steckte sich ein ehrgeiziges Ziel. Ein „Manhattan Project for Counter-Terrorism“ wollte er aufbauen mit den besten Informatikern des Landes - so wie einst Physiker um Edward Teller die Atombombe gebaut hatten. Nun, im digitalen Zeitalter, sollte diese vernichtende Waffe eine riesige Datensammlung sein.

US-Ausspähskandal © dpa Vergrößern Die NSA spioniert schon seit 2001 in großem Stil

Poindexter wollte Terroristen aufspüren, die sich scheinbar normal verhielten - so wie die Attentäter von 9/11. Erst aus der Kombination vieler einzelner Informationen würde sich ein verdächtiges Muster ergeben, glaubte er. Einkäufe in Online-Shops, Kontobewegungen, Kreditkartenrechnungen, Telefongespräche, E-Mails, besuchte Websites: das alles sollte in einer Datei zusammengeführt und mit einer neuartigen Software analysiert werden.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Späh-Affäre Frankreich verschärft Schutzmaßnahmen

Frankreich will sich künftig besser gegen Spionage schützen und hat seine Kontroll- und Abwehrmaßnahmen intensiviert. Der amerikanische Außenminister Kerry sagte unterdessen, die Vereinigten Staaten hörten Freunde wie Präsident Hollande nicht ab. Mehr

25.06.2015, 07:28 Uhr | Politik
Edward Snowden Regierungen haben sich verselbständigt

Per Videostream sprach der Ex-NSA-Mitarbeiter bei einer Cebit-Gesprächsrunde über seine Asylbemühungen in Deutschland. Mehr

19.03.2015, 13:38 Uhr | Politik
Patrick Sensburg Die NSA-Affäre als Karriere-Chance

Patrick Sensburg ist fest entschlossen, die Chance zu nutzen, die ihm durch den Vorsitz im NSA-Ausschuss zugefallen ist. Die Aufklärungsarbeit steht wieder im Scheinwerferlicht - und der CDU-Abgeordnete genießt mehr Aufmerksamkeit denn je. Mehr Von Eckart Lohse

03.07.2015, 10:42 Uhr | Politik
Unternehmen Kündigung für Whistleblower

Nicht nur Edward Snowden bekommt Probleme, wenn er öffentlich Misstände anprangert. Mitarbeiter, die Fehlverhalten in ihrem Unternehmen der Polizei melden, kassieren dafür meist die Kündigung. Mehr

19.01.2015, 12:22 Uhr | Beruf-Chance
Terroristen als Vorwand Die große Heuchelei

Es geht um den Schutz vor Terrorismus: So lautet das Mantra der Politiker, wenn sie das Vorgehen der Geheimdienste rechtfertigen. Diese als ehrenwerte Institutionen darzustellen, ist aber nichts als Zweckpropaganda. Mehr Von Constanze Kurz

29.06.2015, 20:02 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 14.07.2013, 13:18 Uhr

Der Euro ist kein Geschenk der Götter

Von Berthold Kohler

Es war das gute Recht der Griechen, nein zu sagen. Jetzt aber müssen sie die Folgen tragen. Eine Wünsch-dir-was-Währungsunion, aus der sich jeder nur die Rosinen herauspicken könnte, hätte keinen Bestand. Mehr 119 349