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Nordossetien Die Wut der Mütter von Beslan

01.09.2005 ·  Der Albtraum der Überlebenden von Beslan ist noch längst nicht zu Ende: Ein Jahr nach der Geiselnahme herrscht das Gefühl vor, Moskau wolle den Hergang vertuschen. Das Komitee der Mütter von Beslan fordert schonungslose Aufklärung.

Von Michael Ludwig, Beslan
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An diesem Donnerstag ist es ein Jahr her, daß Terroristen die Schule Nummer eins in Beslan überfielen. Die vermutlich 32 Angreifer kamen am Morgen des 1. September 2004 unbehelligt von Miliz, Geheimdienst und Militär mit einem alten Armeelaster und möglicherweise noch anderen Fahrzeugen, schwer bewaffnet und mit Sprengstoff ausgerüstet, aus der benachbarten nordkaukasischen Teilrepublik Inguschetien in das in der Teilrepublik Ossetien gelegene Beslan.

Ebenso unbehelligt drangen sie in die Schule Nummer eins an der Kominternstraße ein und nahmen - nach heutigen Erkenntnissen - 1128 Menschen als Geiseln. Für die Betroffenen, für die Schulkinder, Väter, Mütter, von denen manche mit Säuglingen auf dem Arm in die Schule gekommen waren, für Verwandte und Lehrer begann am „Tag des Wissens“ - so wird in Rußland der traditionell feierlich begangene Schulbeginn nach den Ferien genannt - ein furchtbarer Alptraum.

Durch Halbwahrheiten und Lügen verhöhnt

Was genau zwischen diesem 1. September und dem schrecklichen Ende der Geiselnahme am 3. September nach einer chaotisch verlaufenen Erstürmung der Schule geschehen ist, ist noch immer nicht klar. In Nordossetien aber hat sich seit den Tagen im September vergangenen Jahres zur Wut auf die Terroristen auch Wut auf die russische Staatsmacht gesellt, der man eine Mitschuld am Tod vieler Geiseln und Vertuschung der Wahrheit vorwirft.

Das Komitee der Mütter von Beslan, in dem sich Frauen zusammengeschlossen haben, deren Kinder getötet wurden, hält die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und die Arbeit der parlamentarischen Untersuchungskommission in Moskau für unprofessionell, unzureichend, teilweise für skandalös und fordert schonungslose Aufklärung, auch über die mögliche Verstrickung von Staatsbeamten in den Anschlag. Sie wollen die Wahrheit erfahren und fordern deswegen auch die Beteiligung internationaler Fachleute an den Untersuchungen. Durch Halbwahrheiten und Lügen würden die Opfer, unschuldige Kinder, denen der Staat den Schutz verwehrt habe, auch noch verhöhnt.

Die furchtbaren Bilder

Etwa zwanzig Geiseln wurden schon in den Tagen getötet, in denen die Menschen unter unmenschlichen Bedingungen, steten Todesdrohungen ausgesetzt, unter Hunger und Durst leidend in der verminten Turnhalle eingepfercht waren. Am Abend des 3. September hatte sich die Zahl der Toten auf 317 erhöht. Davon waren 186 Kinder. Die Spezialeinheiten hatten zehn Gefallene zu beklagen, zwei Angehörige des Rettungsdienstes waren getötet worden.

Dies waren die Opfer der Erstürmung der Schule, die begonnen hatte, nachdem gegen 13.00 Uhr mehrere Explosionen die Schule erschüttert hatten, das Dach der Turnhalle eingestürzt und ein Brand ausgebrochen war. Viele der Geiseln kamen dabei um; andere wurden später im Kreuzfeuer der Terroristen, der Sicherheitskräfte und bewaffneter Freiwilliger bei dem Versuch getötet, aus der Schule zu flüchten. Die Welt kennt die furchtbaren Bilder blutüberströmter Menschen auf der Flucht aus der Schule, der stürmenden Soldaten und der Toten.

Terroristen eigenhändig ausgewählt

Der tschetschenische Terroristenführer Schamil Bassajew bezichtigte sich wenig später, die Geiselnahme organisiert zu haben. Er habe die Terroristen, vorwiegend Tschetschenen, aber ebenso Inguschen, einige Russen, Araber, Osseten sowie je einen Tataren, Kabardiner und Guraner, eigenhändig für den Anschlag ausgewählt, ließ er verlauten. Einige der Terroristen waren den Behörden schon lang bekannt, manche von ihnen waren sogar schon im Gewahrsam der Behörden, aber unter rätselhaften Umständen wieder freigekommen.

Sie hatten den Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien verlangt, die Souveränität für Tschetschenien im Rahmen der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) und den Einsatz von GUS-Friedenstruppen in Tschetschenien. Alles das waren Forderungen, die kurzfristig nicht zu erfüllen waren. Bassajew hat später erklärt, Anschläge gegen Ziele und Menschen in der rußländischen Föderation hätten das Ziel, den Tschetschenien-Krieg nach Rußland zu tragen, um die Russen dazu zu bewegen, ihre Führung zur Beendigung des Krieges zu zwingen.

Trauer, Wut, Verbitterung

Der Alptraum der Überlebenden von Beslan ist noch längst nicht zu Ende. Kinder, Mütter und Väter sind traumatisiert und es wird lange dauern, bis die Wunden heilen, wenn sie überhaupt jemals vernarben. Die Entschädigungszahlungen, die den überlebenden Geiseln, den Verwundeten und den Familien der Getöteten gezahlt wurden, sind im Umgang des russischen Staates mit Opfern von Anschlägen zwar eine erfreuliche Neuheit, können dieses Problem aber ebensowenig lösen wie großzügige Spenden aus dem Ausland.

Zur Trauer kommen Wut und Verbitterung - nicht nur auf die Terroristen, sondern auch auf die Staatsmacht. Wenigstens ein Eingeständnis der Mitverantwortung der Sicherheitskräfte für den Tod vieler Geiseln wollen die Menschen in Beslan. Susanna Dudijewa, die Vorsitzende des Komitees der Mütter von Beslan, sagte dieser Tage, die Schuldigen unter den Militärs und Geheimdienstleuten sollten wenigstens einen Stern auf ihren Schulterstücken einbüßen, statt noch Orden für Verdienste von Beslan erwarten zu dürfen.

Keine freundliche Begegnung

Seit vielen Monaten verlangt das Komitee ein Treffen mit Präsident Putin, dem es die Verantwortung für das Verhalten der Staatsmacht anlastet. Bis vor kurzem wurde diese Bitte abschlägig beschieden, und die Kritik des Komitees nahm immer mehr auch Züge von politischer Systemkritik an. Erst jetzt, zum Jahrestag der Tragödie, will Putin eine Abordnung der Mütter von Beslan in Moskau empfangen - viele vermuten, damit solle vor allem verhindert werden, daß es während der Trauerfeiern vor den Augen der internationalen Öffentlichkeit zu lautstarker Kritik an der Staatsführung kommt. Die Mütter werden nach Moskau fahren. Eine freundliche Begegnung wird es aber nicht werden.

Daß die von den Machthabern in Moskau in solchen Fällen sonst angewandte Methode des Verschweigens und Vertuschens im Falle der Tragödie von Beslan nun zu scheitern droht, ist nicht nur den Müttern von Beslan zu verdanken. Im Prozeß gegen Nurpasche Kulajew, den einzigen Überlebenden der Geiselnehmer, der derzeit in der nordossetischen Hauptstadt Wladikawkas stattfindet, kamen Einzelheiten ans Tageslicht, die die Staatsmacht der Öffentlichkeit bislang vorenthalten hatte. Hinzu kommt, daß das regionale nordossetische Parlament einen eigenen Untersuchungsausschuß bildete, der unter Leitung des stellvertretenden Parlamentspräsidenten Stanislaw Kesajew sehr viel kritischer und unerschrockener zu Werke geht als sein Moskauer Pendant.

Scheibchenweise der Wahrheit angenähert

Schon während der Geiselnahme gab es ein besonders frappantes Beispiel für Fehlinformation: Die Behörden behaupteten, in der Schule seien nur etwa 350 Geiseln, obwohl die Menschen in Beslan schon errechnet hatten, daß es mehr als 1000 sein mußten. Erst später unter dem Druck von einigen Medien mußte man sich zur Wahrheit bequemen. Der Chefredakteur der Tageszeitung „Iswestija“, die sich dabei besonders hervorgetan hatte, mußte auf staatlichen Druck schon unmittelbar nach den Ereignissen gehen.

Ein anderes Beispiel dafür, wie versucht wird, dem Geschehen die gewünschte Gestalt zu geben, scheint die offizielle Version der Ereignisse vom Ende der Geiselnahme am 3. September, die in die Anklage gegen Kulajew eingegangen ist. Erst Zeugenaussagen und die Arbeit des nordossetischen Untersuchungsausschusses, so Kesajew jüngst in einem Gespräch mit der Zeitung „Kommersant Wlast“, hätten die Generalstaatsanwaltschaft schließlich dazu gezwungen, sich scheibchenweise der Wahrheit anzunähern.

Geschoßhülsen zum Beweis

Zuerst sei strikt geleugnet worden, daß mit Raketen auf die Schule geschossen worden sei, während sich dort noch Geiseln befanden, jetzt behaupte man, daß die Geschosse die Explosionen in der Schule nicht hätten auslösen können. Es geht also offenbar auch darum, die Verantwortung für den chaotischen Sturm der Schule allein den Terroristen anzulasten und von der immerhin möglichen Ungeheuerlichkeit abzulenken, es sei mit Raketen geschossen worden, während Geiseln in der Schule waren.

Ähnliches gilt mit Blick auf den Beschuß der Schule aus Panzern. Dazu soll es nach der offiziellen Version erst am Abend des 3. September gekommen sein. Kesajew ist aber aufgrund der Arbeit des Untersuchungsausschusses davon überzeugt, daß sehr viel früher das Feuer aus Panzerkanonen eröffnet worden sei. Kesajew wurde daraufhin vom Generalstaatsanwalt als gewissenlos beschimpft, dem nordossetischen Ausschuß wurde die Legitimität abgesprochen. Den Müttern von Beslan, die Geschoßhülsen zum Beweis des Raketenbeschusses vorgelegt hatten, wurde gesagt, diese seien nachgemacht, nicht echt.

In kritischen Situationen abgetaucht

Aber inzwischen kalkuliert die Öffentlichkeit die mögliche Version ein, daß Raketenbeschuß von außen, mithin von seiten derer, die zur Rettung aufmarschiert waren, die Explosion, den Brand und den Einsturz des Daches bewirkt haben könnten, dem viele Geiseln zum Opfer fielen. Bewiesen ist dies freilich ebensowenig wie die offizielle Version. Allerdings ist die Art, wie die Staatsmacht das Geiseldrama von Beslan vor einem Jahr aufarbeitete, dazu angetan, das ohnehin vorhandene Mißtrauen gegen den Staat zu vergrößern. Daß Putin die Tragödie von Beslan nutzte, um die Volkswahl der Gouverneure und Präsidenten in den Teilrepubliken abzuschaffen, um die Zentrale weiter zu stärken, erregte anfangs nur die politische Klasse.

Aber nun wird immer deutlicher, daß die hochgestellten Abgesandten der Zentrale, die in Beslan die Tätigkeit der Sicherheitskräfte leiten sollten, in kritischen Situationen abtauchten und anderen die Verantwortung überließen, wie Führungslosigkeit im Angesicht der Katastrophe ein heilloses Durcheinander im sogenannten „Führungsstab“ provozierte. Es wird auch gefragt, warum die regionale Initiative, den als einigermaßen gemäßigt geltenden Untergrundpräsidenten Tschetscheniens, den im Frühjahr getöteten Aslan Maschadow, zur Rettung der Geiseln einzuschalten, in Moskau nicht weiter verfolgt wurde, obschon Maschadow sich einverstanden erklärt haben soll, falls ihm Sicherheit garantiert werde.

Die Führung hat versagt

Das alles geht das einfache Volk, die Menschen, die von dem Geiseldrama betroffen waren, direkt an und steigert ihr Mißtrauen. Kesajew berichtete zudem am Mittwoch von weiteren Ungeheuerlichkeiten. Zeugen hätten ihm berichtet, daß am zweiten Tag der Geiselnahme mehrere Terroristen - offenbar unbehelligt von den Militärs und Geheimdienstleuten - in die Schule und dann in den Turnsaal gelangten, um mit den Geiselnehmern Kontakt aufzunehmen, und dann die Schule ungestört wieder verließen. Ebenso sollen nach dem Sturm einige Geiselnehmer von Soldaten verhaftet, aber dann wieder freigelassen worden sein.

Bislang war die Staatsmacht nur in einem Punkt erfolgreich. Mit den Entschädigungszahlungen, die man auch als Blutgeld bewerten könnte, hat sie wohl verhindert, daß christliche Nordosseten in ihrer Wut einen Rachefeldzug gegen die muslimischen Inguschen in der Nachbarschaft unternahmen, um kollektiv Rache für den Tod ihrer Kinder zu üben, weil ein großer Teil der Geiselnehmer offenbar inguschetischer Herkunft war. Alte Animositäten zwischen Nordosseten und Inguschen hätten in einen Krieg münden können. Wenigstens diesen Triumph Bassajews, der die Geiselnehmer ausgewählt hatte und immer wieder damit droht, den Kaukasus in Brand zu stecken, konnte Moskau verhindern. Aber vor dem eigenen Staatsvolk in Nordosssetien hat die Moskauer Führung in Beslan und danach versagt. Das jedenfalls sagen die Opfer.

Quelle: F.A.Z., 01.09.2005, Nr. 203 / Seite 3
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Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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