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Atomwaffentest in Nordkorea : Seismische Wellen verraten die Sprengkraft

  • -Aktualisiert am

Aufgrund der seismographischen Messungen lässt sich die Stärke einer Explosion errechnen. Bild: dpa

Nordkorea behauptet, eine Wasserstoffbombe gezündet zu haben. Ob das stimmt, lässt sich aus der Ferne nicht bestimmen. Doch immerhin war es die stärkste Explosion seit 25 Jahren.

          Die Detonation einer nordkoreanischen Kernwaffe in der Nacht zum Sonntag war wahrscheinlich der stärkste unterirdische Atomwaffentest seit 25 Jahren. Nach Berechnungen kalifornischer Seismologen hatte die Explosion eine Sprengkraft von knapp 300 Kilotonnen TNT. Sie war damit etwa zwanzig Mal stärker als die amerikanischen Atombomben, die im August 1945 über Hiroshima und Nagasaki gezündet wurden.

          Nach Messungen der Seismologen im Erdbebenzentrum des amerikanischen Geologischen Dienstes in Golden (Bundesstaat Colorado) entsprachen die von der nordkoreanischen Detonation am Sonntag ausgehenden seismischen Wellen einem Erdbeben der Magnitude 6,3. Der letzte Atomwaffenversuch Pjöngjangs vor fast genau einem Jahr hatte dagegen eine Magnitude von 5,3. Da die Magnitudenskala logarithmisch gestaffelt ist, bedeutet die Steigerung um einen Magnitudenwert eine zehnfach größere Amplitude der seismischen Wellen. Dementsprechend war die Detonation von Samstag deutlich stärker als die Explosion der nordkoreanischen Kernwaffe vor einem Jahr. Die Stärke der damaligen Kernwaffe wurde mit 15 bis 20 Kilotonnen TNT berechnet.

          Dass seismologische Verfahren überhaupt zur Erfassung der Sprengkraft einer Atomwaffe herangezogen werden können, liegt daran dass sowohl Erdbeben als auch unterirdische Explosionen seismische Wellen erzeugen. Bei einem tektonischen oder vulkanischen Erdbeben bricht der Untergrund plötzlich mit großer Energie. Dabei können sich große Gesteinsblöcke, die Millionen von Tonnen wiegen, in Bruchteilen von Sekunden meterweit bewegen. Dieser ruckartige Versatz wirkt auf den Rest der Erde wie ein Klöppel, der gegen eine Glocke schlägt. Wie die Glocke beginnt auch die Erde zu schwingen und zu vibrieren. Während eine Glocke auf diese Weise Schallwellen erzeugt, entstehen in der Erde die mit dem Schall verwandten seismischen Wellen. Sie können mit empfindlichen Seismometern aufgezeichnet werden.

          Die Energie ist wichtig

          Derartige Wellen entstehen auch bei unterirdischen Explosionen, denn die Wucht der Detonation lässt die Erde ebenso wie ein Erdbeben schwingen. Seismologen können deshalb jene mathematischen Verfahren, mit denen sie aus seismischen Wellen Erdbeben analysieren, auch auf unterirdische Atomsprengungen anwenden. Anstatt eine Erdbebenmagnitude zu berechnen ist dabei die Bestimmung der Sprengkraft der Explosion das Ziel der Berechnungen. Als Einheit dient üblicherweise das Gewichtsäquivalent des chemischen Sprengstoffs Trinitrotoluol (TNT).

          Douglas Dreger vom Seismologischen Laboratorium der Universität von Kalifornien in Berkeley hat nun das seismische Moment der jüngsten nordkoreanischen Detonation berechnet. Dabei benutzte er die Aufzeichnungen von mehr als 40 Erdbebenstationen im asiatischen Raum. Bei der Analyse von Erdbeben ist das seismischen Moment ein Maß für die vom Beben freigesetzte Energie. Die Umrechnung der entsprechenden Energie des jüngsten nordkoreanischen Kernwaffenversuches ergab nun eine Sprengkraft von knapp 300 Kilotonnen TNT.

          Damit wäre der nordkoreanischen Atomwaffenversuch der stärkste Atomtest seit 25 Jahren als China auf dem Testgelände im ausgetrockneten Salzsee von Lop Nor in der Provinz Xinjiang eine Wasserstoffbombe mit der Sprengkraft von 660 Kilotonnen zündete. Ebenso wie die Regierung in Pjöngjang jetzt angibt, bei der am Sonntag getesteten Waffe handele es sich um einen thermonuklearen Sprengkopf für Interkontinentalraketen, diente auch der chinesische Atomversuch damals zum Testen eines Raketensprengkopfes. 

          Atomtests im Jahr 2006 aufgenommen

          Trotz seiner großen Sprengkraft ist die jüngste nordkoreanische Waffe aber klein im Vergleich zu den energiereichsten Kernwaffen, die je gestestet wurden.  So zündeten die Vereinigten Staaten im Jahre 1954 im Rahmen des Atomwaffenversuchs Castle Bravo eine Wasserstoffbombe mit einer Sprengkraft von 15 Megatonnen. Die Sowjetunion detonierte im Herbst 1961 kurz nach der Kuba-Krise und dem Mauerbau eine Wasserstoffbombe mit einer Sprengkraft von 50 Megatonnen. Beide Versuche fanden allerdings in der Atmosphäre statt. Seit Oktober 1963 sind solche Atomversuche in der Lufthülle und in den Weltmeeren aber verboten.

          Im Jahre 1974 kamen die beiden damaligen Supermächte überein, die Sprengkraft von Kernwaffen bei den unterirdischen Tests, den einzigen noch zugelassenen Atomversuchen, auf 150 Kilotonnen TNT zu begrenzen. Der Vertrag trat allerdings erst am 11. Dezember 1990 in Kraft. Er wurde einige Jahre später vom vollständigen Teststoppabkommen abgelöst, an das sich bis auf Nordkorea mittlerweile alle Atommächte halten. So gab es den letzten amerikanischen Atomversuch am 23. September 1992. Der letzte für den Mai 1991 geplante sowjetische Atomversuch wurde wegen des Zerfalls der Sowjetunion abgesagt. Die in einem Stollen auf dem Versuchsgelände in Semipalatinsk im heutigen Kasachstan zurückgelassene Atomwaffe wurde im Jahre 1995 mit 30 Kilogramm konventionellen Sprengstoffs so gesprengt, dass es nicht zu einer Kettenreaktion und damit nicht zu einer Atomexplosion kam. Großbritannien beendete sein Testprogramm im November 1991, Frankreich und China folgten im Jahre 1996, Indien und Pakistan gaben ihre Atomwaffenversuche jeweils im Mai 1998 auf.

          Nordkorea begann dagegen sein Testprogramm auf dem Versuchsgelände Punggye Ri im Nordosten des Landes erst im Jahre 2006. Seitdem fanden dort sechs Atomversuche statt. Mit jedem neuen Versuch stieg dabei die Sprengkraft der getesteten Waffen. Wenn sich der in Berkeley berechnete Wert von knapp unter 300 Kilotonnen TNT für die jüngsten Atomtest bestätigen sollte, dürfte Nordkorea mit seiner propagandistischen Ankündigung, man habe eine Wasserstoffbombe getestet, wahrscheinlich Recht haben.

          Quelle: FAZ.NET

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