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Nordkorea Wehe dem, der nicht wehklagt

06.01.2012 ·  In Nordkorea muss das Volk dem neuen Führer Kim Jong-un die Treue schwören. Und wer seinem Vater, dem toten Kim Jong-il nicht huldigt, wird bestraft.

Von Petra Kolonko, Peking
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© AFP „Lebende Gewehre und Bomben“: Kim Jong-un (im schwarzen Mantel) mit Soldaten der 105. Panzerdivision

Wenige Tage nach den bombastischen Trauerfeierlichkeiten für Kim Jong-il hat Nordkoreas Propaganda begonnen, den Sohn des Verstorbenen und neuen Führer Kim Jong-un zu preisen. Die Bevölkerung muss Treueschwüre auf Kim Jong-un ablegen, und in dieser Woche nahmen Zehntausende Nordkoreaner an Massenkundgebungen in Pjöngjang und anderen Städten teil, auf denen sie ihre Treue zu Kim Jong-un bekundeten. Im Neujahrsleitartikel der nordkoreanischen Presse heißt es, dass das Volk zu „lebenden Gewehren und Bomben“ werde, um Kim Jong-un bis auf den Tod zu verteidigen - alle Nordkoreaner sind jetzt aufgerufen, den Artikel zu studieren, dessen Motto lautet: „Preist 2012 als Jahr des stolzen Sieges, ein Jahr, in dem sich eine Ära des Wohlstands entfaltet.“

Der Neujahrsleitartikel der Staatspresse, der im kommunistischen Nordkorea jedes Jahr die wichtigen ideologischen und politischen Themen vorgibt, bezeichnet Kim Jong-un als „Obersten Führer“, „respektierten Führer“ und „brillanten Kommandeur vom Berg Paektu“. Der Berg Paektu ist der heilige Berg der Koreaner, den auch der Kim-Clan als seinen Herkunftsort bezeichnet. Der junge Kim Jong-un wird seinem Vater Kim Jong-il gleichgesetzt: Er sei Kim Jong-il, heißt es. Kim Jong-un werde die Politik seines Vaters weiterverfolgen.

Das Militär als Stütze

Als erste Amtshandlung besuchte der junge Kim Jong-un eine Panzerdivision und machte damit deutlich, dass er sich, wie sein Vater, ganz auf das Militär, dessen Oberbefehlshaber er jetzt ist, als Stütze verlassen will. Bilder des nordkoreanischen Fernsehens zeigen Kim Jong-un in freundlichem Gespräch mit Soldaten, die ob der Ehre, ihrem neuen Führer begegnen zu dürfen, sichtlich gerührt erscheinen.

In Südkorea hat der Besuch bei der Panzerdivision eher erschreckt. Dort wird darüber spekuliert, ob der Besuch bei der 105. Panzerdivision als Warnung an die Führung in Seoul zu verstehen ist. Man erinnert sich daran, dass Kim Jong-il dieselbe Division besuchte, zwei Monate bevor im März 2010 das südkoreanische Kriegsschiff „Cheonan“ versenkt wurde; 46 Matrosen waren damals ums Leben gekommen.

„Häuptling der Übel“

Während die Propaganda aus Pjöngjang nach innen versucht, die Bevölkerung auf Kim Jong-un einzuschwören, sind die nach Südkorea gerichteten Verlautbarungen aggressiv geworden. Die Parteizeitung „Rodong Simbum“ fordert, die „Verräter“ in Südkorea müssten für ihre „unmoralischen Taten“ bestraft werden. Damit meint Nordkorea die Tatsache, dass Südkorea keine Kondolenzbesuche nach dem Tod von Kim Jong-il zuließ und während der Trauerwoche seine Streitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt hatte. Schon in der Vergangenheit hat Nordkorea besonders scharf reagiert, wenn Südkorea dem nordkoreanischen Führungsclan die Anerkennung verweigert hatte. Das „Komitee für die friedliche Wiedervereinigung Koreas“ hatte Südkoreas Präsidenten Lee Myung-bak dieser Tage als „proamerikanischen faschistischen Irren“ und als „Häuptling der Übel“ bezeichnet.

Südkoreanische Beobachter, die Kontakte in den Norden unterhalten, berichten, dass Nordkorea nicht nur mit der Trauerverweigerung Südkoreas unzufrieden ist: In Nordkorea selbst hat eine Kampagne begonnen, die jene bestrafen soll, die nicht an Trauerfeierlichkeiten teilnahmen oder sich nicht betrübt genug zeigten. Die Ersteren werden als „Verräter“ gebrandmarkt, die Letzteren als „Reaktionäre“.

„Wir sind offen für einen Dialog“

In Seoul versucht man trotz allem, gelassen auf die Drohungen aus Pjöngjang zu reagieren, auf der Arbeitsebene einen Kontakt mit der neuen Führung herzustellen. Am Donnerstag kündigte Außenminister Kim Sung-hwan an, dass Seoul zu einem Treffen mit Kim Jong-un bereit sein könnte, wenn dieser einen angemessenen Titel hat - bislang hat Kim Jong-un offiziell nur militärische und keine zivilen Führungsfunktionen. „Wir sind offen für einen Dialog“, sagte Außenminister Kim Sung-hwan, doch der Ball liege bei den Nordkoreanern.

Außerdem kündigte die südkoreanische Regierung an, einen Fonds zur Finanzierung einer angestrebten Vereinigung mit dem Norden zu gründen. Der Fonds und weitere praktische Vorbereitungen des Zusammenschlusses seien eine der Prioritäten in diesem Jahr, teilte das südkoreanische Vereinigungsministerium am Donnerstag in Seoul mit. Außerdem wolle es aktiv eine „Wiedervereinigungsdiplomatie“ betreiben und internationale Unterstützung dafür suchen. Auch auf Erfahrungen Deutschlands mit der Wiedervereinigung solle zurückgegriffen werden, äußerte das Ministerium, das allerdings nicht angab, woher die finanziellen Mittel für den Fonds kommen sollen.

Laut der Nachrichtenagentur AFP gibt es sogar schon eine im Auftrag des südkoreanischen Vereinigungsministeriums erstellte Studie zu den Kosten einer Vereinigung; darin wird demnach geschätzt, dass allein die Sicherstellung grundlegendster Bedürfnisse der Nordkoreaner 55 Billionen Won (rund 37 Milliarden Euro) im ersten Jahr der Vereinigung kosten würde. Der Betrag würde sich demnach auf 249 Billionen Won erhöhen, wenn Gesundheitskosten, Renten und andere Sozialleistungen eingerechnet werden, hieß es weiter. Doch so weit ist es noch lange nicht.

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Politische Korrespondentin für Ostasien.

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