http://www.faz.net/-gpf-917wj

Nordkoreanischer Raketentest : Kim Jong-un und das gefährliche Spiel der Eskalation

Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un Bild: AP

Dass Nordkorea eine Rakete über den Norden Japans geschossen hat, ist nicht nur als Signal an Tokio zu verstehen. Kim Jong-un zeigt der Welt, dass er sich dem internationalen Druck nicht beugen will.

          Die Phase der Entspannung war nur von kurzer Dauer. Nun dreht Kim Jong-un wieder an der Schraube der Eskalation. Eine seiner Raketen überflog am Montag Japan und bedroht damit direkt den Nachbarstaat. Und nach südkoreanischen Erkenntnissen könnte bald ein neuer Atomtest in Nordkorea bevorstehen. Wenn der amerikanische Präsident Trump kalkuliert hat, dass er mit seiner Drohung von „Feuer und Wut“ Kim Jong-un in die Schranken verweisen könnte, so hat er sich getäuscht. Kim Jong-un geht aufs Ganze und gewährt den „amerikanischen Imperialisten“ keine Atempause. Er zeigt, dass sein Raketenprogramm weiter entwickelt wird, trotz neuer Sanktionen. Nachdem Kim Jong-un damit gedroht hatte, Feuer um das amerikanische Territorium Guam zu legen, hatte der nordkoreanische Machthaber zunächst einen kleinen Rückzieher gemacht und davon gesprochen, dass er erst einmal abwarten wolle, was die „törichten Yankees“ als nächstes vorhätten.

          Petra  Kolonko

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Trump hatte Kim Jong-un darauf vorsichtig gelobt. „Ich respektiere die Tatsache, dass die Nordkoreaner jetzt uns respektieren“, sagte der Präsident. Und der amerikanische Außenminister Tillerson sagte noch am Sonntag, dass die Vereinigten Staaten ihr Vorgehen des friedlichen Drucks auf Nordkorea weiterverfolgen würden. Doch Kim Jong-un ist zu Zugeständnissen, die für eine Aufnahme von Gesprächen nötig wären, weiter nicht bereit und spielt lieber das gefährliche Spiel der Eskalation weiter.

          Kim Jong-un wird sich dabei durch widersprüchliche Signale aus Washington bestätigt sehen. Kim Jong-un und seine Getreuen verfolgen die Entwicklungen in Washington genau. Sie werden zur Kenntnis genommen haben, dass selbst der bisherige Berater des Präsidenten, Steve Bannon, die Drohungen Trumps gegen Nordkorea als Kulisse bezeichnet hat. Es gebe keine militärische Lösung für Nordkorea, gab Bannon am Tag nach seiner Entlassung aus dem Weißen Haus zu und verwies auf die verwundbare Lage Südkoreas. „Sie haben uns am Wickel“, sagte er und unterlief mit diesen Äußerungen die Strategie der maximalen Drohungen seines Präsidenten.

          Pjöngjang hält Südkorea in Geiselhaft

          Kim Jong-un sieht Schwäche und Zögern in Washington und legt mit Provokationen nach. Offenbar ist er sich sicher, dass Trump keinen Befehl zum Angriff auf ein nuklear bewaffnetes Nordkorea geben wird, wenn er damit ganz Südkorea in Gefahr bringt. Selbst wenn die amerikanische Raketenabwehr Schlimmstes verhindern könnte, wäre die südkoreanische Hauptstadt Seoul mit ihren Millionen Einwohnern schon durch konventionelle Waffen verwundbar .

          Dass Kim Jong-un jetzt doch wieder seine Provokationen verschärft, zuerst mit dem Test dreier Kurzstreckenraketen am Samstag und am Montag mit einer Rakete, die er demonstrativ über Japan fliegen ließ, erklärt sich mit Ärger über gerade verhängte japanische Sanktionen gegen Nordkorea, und mit den laufenden amerikanisch-südkoreanischen Manövern, die Nordkorea als Provokation ansieht und auch in der Vergangenheit schon immer wieder mit eigenen Demonstrationen militärischer Macht beantwortet hat.

          Konflikt spitzt sich zu : Nordkorea feuert Rakete über Japan hinweg

          Es könnte aber auch bedeuten, dass die jüngsten, nochmals verschärften Sanktionen doch beißen und in Kim Jong-uns Staat außer dem Atom-und Raketenprogramm nicht mehr vieles erfolgreich läuft. Südkoreanische Geheimdienste berichtet, dass das Regime in Norden derzeit mit einer Säuberungskampagnen versucht, die Bevölkerung, die nach den Sanktionen unzufrieden noch mehr zu darben hat, stillzuhalten. So würden Personen, die als unzuverlässig gelten, von der Hauptstadt Pjöngjang ausgewiesen.

          Es gibt wenig verlässliche Zahlen über die Wirtschaftslage in Nordkorea. Nach Informationen der Webeseite Daily NK hat sich dank der Zulassung einiger privater Märkte zwar die Versorgungslage entspannt. Es lässt sich aber schätzen, dass der Wegfall der Deviseneinnahmen vor allem durch den Kohleexport und andere Güter den Staat trifft. Kim Jong-un könnte sich bewusst sein, dass er nicht unendlich Zeit hat, bevor er sich auch der Scheinwohlstand in der privilegierten Hauptstadt Pjöngjang nicht mehr halten lässt und sein Staat wirtschaftlich kollabiert.

          Nun muss die internationale Gemeinschaft, die sich gerade über kleine Zeichen der Entspannung gefreut hatte, damit rechnen, dass Kim Jong-un auch nicht davor zurückschrecken wird, einen neuen Atomtest zu zünden. Südkorea hat Informationen, nach denen in Nordkoreas Atomtestgelände Punggye-ri alles für einen weiteren Atomtest bereit ist. Sollte Kim Jong-un einen neuen Atomtest anordnen, wäre dies ein große Provokation für die internationale Gemeinschaft, auch für die Schutzmacht China.

          China reagiert besonders empfindlich auf Atomtests an seiner Grenze. Die chinesische Regierung bereitet sich gerade auf das Gipfeltreffen der BRIC -Staaten in Südchina vor, bei dem Präsident Xi Jinping Hof halten wird und das als eines der großen Ereignisse des chinesischen politischen Kalenders dieses Jahres gefeiert wird. Da wäre eine weitere nukleare Provokation aus Nordkorea besonders störend und würde Chinas Ärger über Nordkorea noch weiter vertiefen. Aber auch Chinas Zorn kann Kim Jong-un nicht mehr in Schranken weisen.

          Quelle: FAZ.NET

          Weitere Themen

          Trump mahnt Reform der Vereinten Nationen an Video-Seite öffnen

          Amerika : Trump mahnt Reform der Vereinten Nationen an

          Der amerikanische Präsident Donald Trump hat massive Kritik an den Vereinten Nationen geübt und erhebliche Reformen bei der Weltorganisation verlangt. Die Vereinten Nationen blieben wegen Bürokratie und Missmanagements weit unter ihrem Potenzial, sagte Trump am Montag beim ersten Besuch des UN-Sitzes in New York seit seiner Amtseinführung im Januar.

          Topmeldungen

          Trumps UN-Rede : Feurige Worte und tödliche Missverständnisse

          Donald Trump hebt die Bedeutung „souveräner Nationalstaaten“ hervor und teilt gegen Nordkorea aus. UN-Generalsekretär Guterres mahnt zur Einigkeit – mit einem Seitenhieb gegen den amerikanischen Präsidenten.
          Polizisten beobachten das Geschehen auf der Wiesn. Auch auf dem diesjährigen Oktoberfest kam es bereits zu sexuellen Übergriffen.

          Anstieg von Sexualstraftaten : Warnungen eines Wahlkämpfers

          Bayerns Innenminister Herrmann rühmt sich mit der hohen Sicherheit in seinem Bundesland. Die Zunahme der Sexualstraftaten – sowohl durch Deutsche als auch Ausländer – ist jedoch alarmierend.
          Mathias Döpfner beim Zeitungskongress in Stuttgart.

          Verleger gegen ARD : Was Döpfner wirklich gesagt hat

          Der Verleger-Präsident Mathias Döpfner hält eine feurige Rede und teilt gegen die Medienpolitik, ARD und ZDF aus. Die ARD-Chefin Wille reagiert wie zu erwarten mit einem Beißreflex. Und produziert „Fake News“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.