Personelle Veränderungen in Diktaturen haben oft etwas Geheimnisvolles. Die offizielle Begründung ist in der Regel auch nicht sehr erhellend. In Nordkorea heißt es, der Chef des Generalstabs und Politbüromitglied Ri Yong-ho sei „wegen Krankheit“ von allen seinen politischen Posten entbunden worden. Viele Beobachter wittern eine Säuberung in der Armeeführung. Möglicherweise will der junge Führer Kim Jong-un mit einem Wechsel an der Spitze seinen Zugriff auf das Militär verstärken.
Die überraschende Entmachtung von General Ri Yong-ho erfolgte am Sonntag bei einer Sitzung des Politbüros der Arbeiterpartei, das sich mit „Organisationsfragen“ zu befassen hatte. Die amtliche Nachrichtenagentur KCNA meldete dann am Montag , dass Ri Yong-ho von allen seinen Posten, der Mitgliedschaft im Politbüro und dessen Ständigem Ausschuss und dem Posten des stellvertretenden Vorsitzenden der Militärkommission enthoben worden sei. Allein die Veröffentlichung der Entlassung sei schon ungewöhnlich, sagt der chinesische Nordkorea-Forscher Shi Yuanhua. Ungewöhnlich war auch, dass an der Sitzung des Politbüros alle Mitglieder, auch die Kandidaten, teilnahmen. Dies gibt Anlass zu Spekulationen, ob es sich nicht eher um eine politische „Hinrichtung“ als um eine routinemäßige Umbesetzung gehandelt hat. Noch in den vergangenen Wochen war der General öfters an der Seite Kim Jong-uns gesehen worde, die „Krankheit“ muss also sehr plötzlich ausgebrochen sein.
Ri Yong-ho war eine Schlüsselfigur in der Nomenklatura und ein Vertrauter des verstorbenen Kim Jong-il. Er war einer der wenigen Getreuen, die im Dezember den Wagen mit Kim Jong-ils Sarg zur Beerdigung begleiten durfte. Der heute 70 Jahre alte General war erst 2009 durch Kim Jong-il, den Vater des jetzigen Machthabers, zum Marschall befördert worden.
Südkoreanische Beobachter wollen wissen, dass Kim Jong-il nach seinem Schlaganfall im Jahr 2008 Vertraute, darunter auch Ri Yong-ho mit der Einleitung des Machtwechsels auf seinen Sohn Kim Jong-un beauftragt hat. Danach war der alte General dem jungen Kim Jong-un zur Seite gestellt, um sicherzustellen, dass das mächtige Militär auch nach seinem Tod seinem Sohn die Treue hält und der Sohn den Direktiven des Vaters folgt.
Kim Jong-un, der sich in letzter Zeit mit einigen Neuerungen vorgewagt hat, wollte nun möglicherweise den Aufpasser des Vaters loswerden. Auch Kim Jong-il hatte weniger als ein Jahr nach seiner Machtübernahme eine Säuberung des Militärs eingeleitet. Vielleicht fühlt sich der dritte Kim ein halbes Jahr nach dem Tod seines Vaters und seiner Machtübernahme stark genug, um aus dem Schatten seines Vaters zu treten, eigene Leute zu befördern und eigene Politik zu machen.
Kim Jong-un zeigt sich lockerer als sein Vater
Seit einigen Wochen gibt es Reformgerüchte aus Pjöngjang. Zum Beispiel soll eine Agrarreform bevorstehen. Außerdem hat Kim Jong-un den Regierungsstil geändert. Im Gegensatz zu seinem Vater zeigt er sich freundlich und locker. Seit neuestem tritt er mit einer Frau an seiner Seite auf, die wahrscheinlich seine Ehefrau ist und für nordkoreanische Verhältnisse überaus schick und weltläufig aussieht. In Kunst und Kultur plant der junge Führer große Veränderungen. Gegen solche Neuerungen könnte es Widerstand im Militär und vor allem bei den alten Getreuen von Kim Jong-il geben. Dieser hatte immer Reformen verweigert und lieber die Bevölkerung hungern und die Wirtschaft verkommen lassen, als auch nur kleinste Bewegungen weg von der strikten Planwirtschaft zu erlauben. Von ihm stammt die Devise „Militär zuerst“. Sein Sohn Kim Jong-un ermutigt das Militär, mehr für zivile Projekte zu leisten. Dagegen könnte der entmachtete General Widerstand geleistet haben.
Die Webseite Daily NK hat in Erfahrung gebracht, dass in jüngster Zeit einige Funktionäre, die vorsichtige Reformen eingeleitet hatten und deswegen unter Kim Jong-il in Ungnade gefallen waren, wieder in ihre Ämter berufen wurden, allen voran der frühere Ministerpräsident Pak Pong-ju, der jetzt als Minister der Leichtindustrie für die Wirtschaft zuständig ist.
Eine andere Erklärung für eine unehrenhafte Entlassung von Ri Yong-ho wäre, dass er die Verantwortung für jüngste Fehlschläge übernehmen muss. Da war ein fehlgeschlagener Raketenstart, eine Verschlechterung der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten und eine Zurücknahme der Drohung mit einem Atomtest, die dem Regime des Kim Jong-un außenpolitisch den Start verdorben haben.
"Wir" nennen das eine Hinrichtung?
Lothar Troeller (Lo.Troeller)
- 16.07.2012, 18:26 Uhr
