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Viel Blingbling: Nordkoreaner feiern sich vor der Eisskulptur einer Interkontinentalrakete in Pjöngjang und den Anbruch des neuen Jahres. Bild: dpa

Nordkorea-Konflikt : Kims vergiftetes Neujahrsgeschenk

Kriegsdrohungen ist man von Nordkoreas Machthaber gewohnt. In seiner Neujahrsrede aber richtet er verbindliche Worte in Richtung Süden. Dafür hat er gute Gründe.

          Das nordkoreanische Staatsfernsehen ist nicht dafür bekannt, sich große journalistische Freiheiten zu nehmen. Es gibt wohl kaum ein Fleckchen auf unserem Planeten, wo die Presse von ihrer Regierung so strikt an die Kandare genommen wird wie dort. Was über den Äther flimmert, hat den Segen von ganz oben. Auch die japanische Katze.

          Es war nur ein Augenblick in der gewohnt bombastischen Inszenierung. Zwischen Kameraschwenks über das nebelverhangene Pjöngjang, Bildern des Machthabers in allen erdenklichen Situationen und dem perfekt orchestrierten Feuerwerk über dem Jucheturm zeigte die Kamera für Sekunden eine junge Nordkoreanerin, die einen „Hello Kitty“-Luftballon in Händen hält. Ein Inbegriff japanischen – und damit in den Augen des Regimes – westlichen Lebensstils, für alle Welt sichtbar gemacht auf YouTube?

          Wer das noch für Zufall hielt, wurde von Kim Jong-un eines Besseren belehrt. In seiner am Neujahrsmorgen ausgestrahlten Ansprache gab Nordkoreas Machthaber einen Ausblick auf das neue Jahr. Der Rede kommt eine wichtige Rolle für die Menschen des isolierten Landes zu. Denn in ihr gibt der Diktator mit großer Verlässlichkeit einen Ausblick darauf, welche Schwerpunkte er in den zentralen Bereichen Wirtschaft, Militär und Außenpolitik zu setzen gedenkt. Entsprechend aufmerksam wird die Rede auch im Ausland verfolgt, vor allem in Seoul, Peking, Moskau und Washington.

          Dabei überraschte Kim mit seiner Kleidungswahl (grauer Anzug, graue Krawatte) und mit den bellizistischen Passagen seiner Rede ebenso wenig wie das Staatsfernsehen mit seiner nervtötend euphorischen Lobhudelei während des Silvesterfeuerwerks. Kim sagte, sein Land sei für einen Atomkrieg gegen die Vereinigten Staaten gewappnet. Das eigene Nuklearwaffenprogramm habe beachtliche Fortschritte gemacht. Inzwischen könnten seine Waffen das gesamte Territorium Amerikas erreichen. Wer an Silvester nicht „Dinner for One“ geschaut hatte, erlebte hier die verpasste Wiederholung der Wiederholung. Dass Kim erstmals über einen „Atomwaffen-Knopf“ sprach, der sich stets auf seinem Schreibtisch befinde – geschenkt. Nordkoreas Machthaber dürfte kaum auf solche Hollywood-Effekte angewiesen sein, um im Ernstfall den Befehl zum Einsatz seiner Massenvernichtungswaffen zu geben.

          Nun zur Katze. Vor dem Hintergrund dieser Drohkulisse reichte Kim überraschend dem südlichen Nachbarn die Hand. „Beide Koreas können sich sofort treffen“, sagte er an Seoul gerichtet. Für die bevorstehenden Winterspiele, die im grenznahen Pyongchang zwischen dem 9. und 25. Februar stattfinden werden, wünschte er Südkorea erfolgreiche Wettkämpfe. Sein Land überlege sogar, eine eigene Delegation zu entsenden.

          Es ist kaum davon auszugehen, dass Kim plötzlich vom olympischen Geist beseelt wurde. Vielmehr lassen andere Faktoren seine Reaktion als nüchternes Kalkül erscheinen. Zunächst einmal spürt Nordkorea den Druck der Sanktionen, die der UN-Sicherheitsrat abermals verschärft hat. Seit diesem Montag darf es etwa nur noch 500.000 Barrel an Mineralölerzeugnissen einführen. Das ist ein Viertel der bislang erlaubten Menge. Auch der Import von Industriemaschinen, Transportfahrzeugen und  Metallen wurde untersagt. Das trifft Nordkoreas Wirtschaft ebenso wie die Verschärfung der Exportverbote. Selbst Holz und Lebensmittel dürfen nicht mehr ausgeführt werden. Auch wenn das Embargo mutmaßlich durch China und Russland in Teilen unterlaufen wird, dürfte der Effekt in Nordkorea spürbar sein.

          Hinzu kommt, dass Kim sein wichtigstes strategisches Ziel nach der Testserie im vergangenen Jahr wohl erreicht hat: Seine grundsätzliche, wenn auch in Fachkreisen mit großen Einschränkungen versehen Fähigkeit, die Vereinigten Staaten anzugreifen, hat das Regime mit seinen Langstrecken-Raketentests öffentlich demonstriert. Neue Tests dürften die militärischen Fähigkeiten durch neue Raketen und kleinere Sprengköpfe zwar noch perfektionieren. Am grundsätzlichen Status Quo aber ändern sie nichts mehr: Der Preis dafür, Kim oder sein Regime zu beseitigen, ist inzwischen gewaltig hoch. So hoch, dass es selbst im Kabinett Donald Trumps große Vorbehalte gibt, ernsthaft eine militärische Option zu erwägen.

          Schließlich aber bieten Kim die Olympischen Spiele wohl die Chance, einen neuen Keil zwischen seine Gegner zu treiben und den auf tönernen Füßen errichteten amerikanisch-südkoreanischen Konsens im Umgang mit Nordkorea wieder zum Einsturz zu bringen. „Das Angebot, zu den Olympischen Spielen zu kommen, war klug“, sagt Robert E. Kelly, amerikanischer Politikwissenschaftler der Universität Busan in Südkorea, FAZ.NET. „Sein Ziel ist es, die Vereinigten Staaten und Südkorea damit zu spalten.“

          Für Kellys These sprechen die Art und Weise, wie die Präsidenten beider Länder auf Kims Angebot reagierten: Während Südkoreas Präsident Moon Jae-in den Konflikt entschärfen will, hatte Trump Kim im vergangenen Jahr mit einer Kaskade von Beleidigungen und Drohungen bedacht, die ihresgleichen sucht und weltweit Sorgen vor einem großen Krieg nährte. Moon, der Trump auch vorgeschlagen hat, mit Blick auf die Winterspiele das gemeinsame Frühjahrsmanöver zu verschieben, begrüßte am Montag die Absichtserklärung des nordkoreanischen Diktators. Sie könne dazu beitragen, die olympischen Spiele erfolgreich auszutragen, ließ sein Büro mitteilen. Das Präsidialamt deutet zugleich an, dass man auch über eine „friedliche Lösung“ des Atomstreits sprechen wolle. Seoul sei dazu bereit, „ohne Rücksicht auf Zeitpunkt, Ort und Format“.

          Amerikas Präsident gab sich zunächst äußerst wortkarg. Nach Kim Jong-uns Neujahrsansprache gefragt, sagte Trump vor einer Silvesterfeier in Florida am Sonntagabend lediglich: „Wir werden sehen. Wir werden sehen.“ Das klang so, als ob ein enger Verbündeter ein vergiftetes Geschenk erhalten hätte.

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