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Nordkorea Ein großer Exporteur von Raketentechnik

27.05.2009 ·  Mit Raketentests provoziert Pjöngjang die Welt. Fachleute sind sich indes gar nicht sicher, ob das Land im strengen Sinne wirklich eine Atommacht ist. Die technische Zusammenarbeit mit zweifelhaften Regimen funktioniert jedenfalls.

Von Horst Bacia
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Glaubt man den Verlautbarungen des Regimes in Pjöngjang, dann ist Nordkorea seit 2005 eine Atommacht. Am 10. Februar jenes Jahres gab das Außenministerium bekannt, dass der kommunistische Einparteienstaat „Nuklearwaffen produziert“ habe. In internen Gesprächen mit China und den Vereinigten Staaten sollen Vertreter des Regimes dies aber schon zwei Jahre vorher mitgeteilt haben.

Nach Schätzungen internationaler Fachleute verfügt Nordkorea über 40 bis 50 Kilogramm Plutonium, das bei der Wiederaufarbeitung benutzter Brennelemente aus dem Reaktor in Yongbyon abgetrennt wurde. Davon sollen 26 Kilo für die Herstellung von waffenfähigem Nuklearmaterial abgezweigt worden sein. Aus dieser Menge ließen sich vier bis acht Atomsprengköpfe herstellen, heißt es.

Noch kein Beweis

Die Testexplosion, die offenkundig am Montag in einer unterirdischen Versuchsanlage in der Nähe der Stadt Kilju im Nordosten des Landes stattfand, ist aber noch kein Beweis dafür, dass Nordkorea tatsächlich über einen oder mehrere einsatzfähige Sprengköpfe verfügt. Denn deren Verkleinerung auf Maße und Gewichte, die von einer ballistischen Rakete als Nutzlast transportiert werden können, ist eine der größten Herausforderungen bei der Herstellung einer Atomwaffe.

Ob sich aus den überall auf der Welt gemessenen seismologischen Daten tatsächlich schließen lässt, die Sprengkraft dieses Tests habe in etwa der Zerstörungsmacht der Bomben von Hirohima und Nagasaki (20 Kilotonnen) entsprochen, wird von einigen Fachleuten in Frage gestellt. Unbestritten scheint dagegen zu sein, dass die Wirkung dieses Versuchs deutlich höher war als die des ersten Tests am 9. Oktober 2006. Damals soll die Sprengkraft bei weniger als einer Kilotonne gelegen haben, und es gibt offenbar begründete Zweifel, ob überhaupt von einem Erfolg gesprochen werden kann.

Schon 1985 dem Nichtverbreitungsvertrag beigetreten

Der Verdacht, dass Nordkorea ein geheimes Nuklearprogramm betreibe, wurde von den Vereinigten Staaten Mitte der achtziger Jahre zum ersten Mal öffentlich geäußert. Erheblichem internationalen Druck nachgebend, war das kommunistische Land 1985 dem Nichtverbreitungsvertrag beigetreten. Anfang der neunziger Jahre drohte Pjöngjang jedoch mehrfach mit einer Kündigung. Im Herbst 1994 einigten sich die Vereinigten Staaten und Nordkorea in Genf auf eine Vereinbarung („Agreed Framework“), die zunächst das Einfrieren des Nuklearprogramms und dann den Abbau des Reaktors und der Wiederaufarbeitungsanlage in Yongbyon vorsah.

Bis zum Ende der Amtszeit Präsident Clintons kam es aber nicht zu dem erwarteten Durchbruch im Verhältnis zwischen Washington und Pjöngjang. Überschattet wurden die Gespräche von nordkoreanischen Raketentests, dem Verdacht, dass es neben der Plutoniumgewinnung ein geheimes Programm zur Urananreicherung gab und der inzwischen ruchbar gewordenen Verwicklung des Regimes in Aktivitäten zur Verbreitung von Raketen- und Nukleartechnologie — insbesondere durch Kontakte mit Abdul Quadir Khan, dem „Vater der pakistanischen Atombombe“.

Das ständige Auf und Ab der Verhandlungen

Das ständige Auf und Ab in den Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea setzte sich unter Präsident Bush fort, der das Regime einer von Bagdad über Teheran nach Pjöngjang verlaufenden „Achse des Bösen“ zugeordnet hatte. Im Januar 2003 trat Nordkorea aus dem Nichtverbreitungsvertrag aus; aber schon im August nahm es im neuen Format der Sechs-Parteien-Gespräche mit Washington, Peking, Moskau, Tokio und Seoul wieder Verhandlungen auf. Trotz des ersten Atomwaffentests im Herbst 2006 wurden sie — mit mehreren Unterbrechungen — immer wieder fortgesetzt und führten im Oktober 2007 schließlich zu einem neuen Abkommen, dass Nordkorea wiederum zur Offenlegung aller Nuklearaktivitäten und zum Abbau der bekannten Anlagen in Yongbyong verpflichtet. Doch auch diesmal wand sich das Regime aus den Vereinbarungen wieder heraus.

Am 5. April dieses Jahres testete Nordkorea trotz eines nach dem Atomtest von 2006 verhängten Verbots der Vereinten Nationen eine Interkontinentalrakete des Typs Taepodong-2, die angeblich einen Satelliten in den Weltraum bringen sollte. Als der Sicherheitsrat den technisch offenkundig misslungenen Raketenstart verurteilte und einige Sanktionen beschloss, reagierte Pjöngjang mit der Aufkündigung der Sechs-Parteien-Gespräche und der Ankündigung des nun ins Werk gesetzten zweiten Atomwaffentests. Auch diesmal dürfte damit aber nicht das Ende aller Verhandlungen über das Nuklearprogramm des Regimes gekommen sein. Die Frage ist eher: Wann, nach welchen Strafsanktionen und unter welchen Bedingungen werden sie wieder aufgenommen?

Fortschritte bei der Entwicklung von Raketen?

Das Ziel einer von Atomwaffen freien koreanischen Halbinsel, das angeblich alle Parteien des Konflikts anstreben, ist nur realistisch, wenn auch die Verbreitungsaktivitäten Pjöngjangs mit auf den Verhandlungstisch kommen. Ist das Regime dazu bereit? Nordkorea versucht nicht nur, ballistische Interkontinentalraketen zu entwickeln, es hat auch in erheblichem Umfang Raketen und Raketentechnik exportiert — vor allem nach Iran, Libyen, Ägypten, Syrien und Pakistan. Bei der Zusammenarbeit mit Khan und Pakistan wurde vermutlich Raketentechnik gegen die Technik zur Anreicherung von Uran getauscht. Experten halten es außerdem für möglich, dass Nordkorea von Khan das chinesische Design eines Atomsprengkopfs erhalten haben könnte, das dieser auch Libyen angeboten haben soll.

Die Fortschritte des Regimes bei der Entwicklung von Mittelstrecken- oder Interkontinentalraketen sind zweifelhaft. Bei Raketen des Typs Taepodong-1 (geplante Reichweite angeblich 1500 bis 2500 Kilometer) und Taepodong-2 (4000 bis 8000 Kilometer) handelt es sich offensichtlich um Prototypen - und keiner von insgesamt nur drei Tests im vergangenen Jahrzehnt war anscheinend erfolgreich. Dagegen soll Nordkorea über mehr als 450 Mittelstreckenraketen des Typs Nodong verfügen, die eine Weiterentwicklung des russischen, aus der deutschen V-2 entwickelten Modells Scud sind. Darüber hinaus hält es angeblich eine noch größere Anzahl von Kurzstreckenraketen einsatzbereit. Eine Nodong-Rakte — mit Atomsprengkopf — könnte immerhin Japan erreichen.

Im jüngsten unterirdischen Kernwaffenversuch hat Nordkorea offenbar eine deutlich stärkere Atombombe getestet als bei seinem ersten Atomtest im Jahre 2006. Während die Stärke des früheren Atomversuches einem Erdbeben der Magnitude 4,1 entsprach, hatte die Kernsprengung am Montag etwa zehn Mal mehr Energie. Sowohl die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover als auch der amerikanische Erdbebendienst in Golden (Bundesstaat Colorado) registrierten die seismischen Wellen des jüngsten Atomversuchs mit einer Magnitude von 4,7. Aus der gemessenen Magnitude lässt sich die Stärke einer getesteten Bombe berechnen. Danach hatte die jetzt gezündete Kernwaffe eine Sprengkraft, die mindestens zehn Kilotonnen des gewöhnlichen Sprengstoffes Trinitrotoluol (TNT) entspricht. Die Waffe, die am 9. Oktober 2006 getestet worden war, hatte dagegen eine Sprengkraft von etwa einer Kilotonnen TNT.

Unterirdische Kernwaffenversuche lassen sich nur schwer geheimhalten, denn die von der Erschütterung der Explosion ausgehenden seismische Wellen werden von Erdbebenstationen überall auf der Welt aufgezeichnet. Allerdings können Seismologen nicht zwischen Sprengungen mit herkömmlichem Sprengstoff und den Detonationen von Atombomben unterscheiden. Um diese Unterscheidung zu treffen, müssen die für Kernsprengungen typischen radioaktiven Isotope in der Luft gemessen werden. (hra.)

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