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Nordkorea Der liebe Führer ist in Wahrheit gar nicht lieb

03.06.2010 ·  Lange waren es in Südkorea allein private Initiativen, die Flugblätter in den Norden schickten, um die Nordkoreaner über ihren Staat aufzuklären. Seit der Torpedierung des Schiffes „Cheonan“ aber denkt auch die Regierung in Seoul wieder über psychologische Kriegsführung nach.

Von Petra Kolonko, Seoul
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Die Ballons, die die Saat der Erkenntnis über die Grenze nach Nordkorea tragen, sind zwölf Meter lang und mit Wasserstoff gefüllt. An ihnen hängen bis zu 7,5 Kilogramm schwere Pakete mit subversiver Last: Flugblätter, die den Bürgern Nordkoreas die Augen öffnen sollen. Damit sie hoch über die innerkoreanische Grenze und bis zur nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang fliegen können, muss nur der richtige Wind wehen.

Die „Nordkoreanischen Christen“, die „Kämpfer für ein Freies Nordkorea“ und andere Bürgerinitiativen aus Südkorea haben in den vergangenen sieben Jahren Millionen Flugblätter per Ballonpost nach Nordkorea geschickt. Manchmal schicken die Aktivisten die Ballons von Posten an der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea ab, meistens aber von kleinen Inseln an der Westküste Südkoreas, wo die Windverhältnisse am günstigsten sind. Ein Zeitauslöser lässt die Fracht nach einer vorher bestimmten Flugzeit über Nordkorea fallen.

Sie wissen nicht, was im Rest der Welt vor sich geht

Die Initiativen, meist christliche Gruppen, zu denen auch Flüchtlinge aus Nordkorea gehören, hängen Medikamente an die Ballons, kleine Radios oder leichte Konsumgüter wie Strumpfhosen. Ihre wichtigste Fracht sind aber die Flugblätter. „In Nordkorea sind die Menschen von allen Informationen abgeschnitten. Man kann dort nur das staatliche Radio und Fernsehen empfangen. Die Menschen wissen nicht, wie es in Südkorea aussieht und was im Rest der Welt vor sich geht“, sagt Frau Lee Jeong-ok, die sich seit einem Jahr an den Flugblatt-Aktionen beteiligt. Die Lehrerin aus Pjöngjang hat eine gefährliche Flucht aus Nordkorea und fünf Jahre einer illegalen Existenz in China hinter sich. Jetzt will sie dabei helfen, Nordkorea zu verändern.

Die Flugblätter vermitteln den Nordkoreanern Informationen über die Außenwelt, sie stellen aber auch dar, was die Nordkoreaner über ihr eigenes Land nicht wissen dürfen. „Wir schreiben Berichte über den Machthaber Kim Jong-il und seine Familie und widerlegen die Propaganda“, sagt Frau Lee bei einem Treffen in Seoul. So behauptet die nordkoreanische Propaganda, Kim Jong-il sei in Nordkorea geboren. Die Flugblätter klären darüber auf, dass er tatsächlich in Russland geboren wurde.

In der Flugpost aus Südkorea ist zu lesen, dass der Diktator und seine Familie in den Zeiten der großen Hungersnot in den neunziger Jahren im Luxus lebten, während drei Millionen Nordkoreaner verhungerten. Man klärt die Bevölkerung über den dekadenten Lebenswandel des in Nordkorea als „lieber Führer“ zu titulierenden Machthabers auf, zwanzig Ehefrauen und Konkubinen habe er gehabt. Sie stellen richtig, dass der Koreakrieg 1950 von den koreanischen Kommunisten begonnen wurde und nicht, wie die kommunistische Propaganda behauptet, von den Amerikanern. Und in der vorerst letzten Sendung haben sie darüber berichtet, dass es Beweise dafür gibt, dass das südkoreanische Schiff „Cheonan“ von einem nordkoreanischen Torpedo versenkt wurde, obwohl Nordkorea dies leugnet.

Nordkoreaner erfahren aus den Flugblättern auch, dass nordkoreanische Flüchtlinge in Südkorea aufgenommen werden. Sie zeigen auf, dass Südkorea viel wohlhabender ist als der Norden, und die Menschen dort nicht unter der kapitalistischen Ausbeutung leiden.

Bis vor Kurzem waren die Aktivitäten der Ballon-Gruppen der südkoreanischen Regierung ein Dorn im Auge. Unter der „Sonnenscheinpolitik“ der früheren südkoreanischen Präsidenten wollte man die Gruppen ganz zum Rückzug bewegen, um Nordkorea nicht zu provozieren, und selbst die Regierung des konservativen Lee Myung-bak, die die Entspannungspolitik aufgab und eine härtere Gangart gegenüber Nordkorea einschlug, distanzierte sich anfangs noch von den Aktionen.

Psychologische Kriegsführung

Seit dem Untergang der „Cheonan“ hat sich das geändert. Nachdem ein Untersuchungsteam festgestellt hatte, dass das südkoreanische Kriegsschiff „Cheonan“ von einem nordkoreanischen Torpedo versenkt wurde, ist Südkorea auf Konfrontationskurs zum Norden gegangen. Man werde Provokationen nicht mehr wie früher einfach hinnehmen, versicherte Präsident Lee Myung-bak in seiner Rede an die Nation. Südkorea hat Sanktionen verhängt. Der Handel wurde eingestellt, Nordkoreas Schiffe dürfen nicht mehr durch südkoreanische Gewässer fahren.

Die Vergeltungsmaßnahme, die Nordkorea aber am meisten fürchtet, ist, dass Südkorea die „psychologische Kriegsführung“ wiederaufnehmen will. Von der Grenze aus sollen wieder Lautsprecher Nachrichten und Musik nach Nordkorea übertragen. Außerdem hat ein Radiosender „Stimme der Freiheit“ die Sendungen für Nordkorea aufgenommen. Nordkorea hat gedroht, die Lautsprecher zu beschießen, sobald diese eingeschaltet werden.

Nordkorea reagiert ganz besonders empfindlich auf die „psychologische Kriegsführung“, sagt Brian Myers von der Dongseo-Universität in Südkorea. Wenn die Soldaten an der Grenze mit Informationen aus Südkorea beschallt werden, kommt Pjöngjang in Erklärungsnot. Nordkorea stellt sich selbst als das bessere und das stärkere Korea dar. Gegenteilige Informationen kratzen an der Legitimität der Herrschaft, darauf reagiert die Kim-Familie besonders heftig.

Die Lautsprecher-Beschallung über die Grenze gab es früher schon. Sie wurde im Jahr 2004 eingestellt, nachdem die nordkoreanische Regierung Südkorea dringend darum gebeten hatte. Die südkoreanische Regierung, die damals um Entspannung bemüht war, gab diesem Bitten nach. Auch über die Ballon-Flugblätter der Bürgerinitiativen hat sich Pjöngjang immer wieder beschwert und von der südkoreanischen Regierung gefordert, die Aktionen der Gruppen zu unterbinden. Dies lehnten südkoreanische Regierungen unter Hinweis auf die Meinungsfreiheit in Südkorea ab. 28 offizielle Beschwerden aus Nordkorea über Flugblätter hat die „Gruppe Nordkoreanische Christen“ registriert. Frau Lee hält das für ein gutes Zeichen, das hieße, dass die Flugblätter etwas bewirken.

„Goliath mit kleinen Steinen zu Fall bringen“

Seit dem Angriff auf die „Cheonan“ erfreuen sich die Flugblatt-Gruppen neuen Interesses. Beamte des Wiedervereinigungsministeriums kamen, um sich über die Aktionen zu informieren. Sie wollten wissen, was geschrieben und wie gesendet wird. Die Gruppen, die ihre Aktionen bislang vor allem aus Spenden aus dem Ausland finanzierten, erhalten seit dem Angriff auf die „Cheonan“ auch Spenden aus Südkorea.

Dass auch der südkoreanischen Regierung bewusst ist, wie empfindlich Nordkorea auf eine Informationsoffensive aus dem Süden reagiert, zeigt sich daran, dass die südkoreanische Regierung den Plan, selbst Flugblätter über die Grenze zu schicken, am Sonntag erst einmal ausgesetzt hat, wegen der „politischen Situation“, wie es hieß. Die Regierung in Seoul fürchtet offensichtlich, dass Nordkorea seine Drohung wahrmachen und die Grenze für die 900 Südkoreaner, die im Norden arbeiten, schließen könnte. Dann besteht die Gefahr, dass diese zu Geiseln werden, was zu einer militärischen Eskalation führen könnte. So wird das Steigenlassen der Flugblatt-Ballons weiter den privaten Gruppen vorbehalten bleiben.

Es gebe die Aussicht einer Veränderung in Nordkorea, sagt Frau Lee. Seit der missglückten Währungsabwertung des vergangenen Jahres habe sich das Regime auch die Privilegierten und die neue Schicht der Händler zum Feind gemacht. „Mit unseren Flugblättern sind wir wie David, der den Riesen Goliath mit kleinen Steinen zu Fall bringt.“

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Politische Korrespondentin für Ostasien.

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