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Nordkorea Atomgespräche ohne klare Vorgaben

 ·  Angesichts der Spekulationen über den „geliebten Führer“ Kim Jong-il gibt sich Pjöngjang dünnhäutiger als üblich. Das zeigt auch die jüngste Verschärfung bei den Gesprächen über das nordkoreanische Atomprogramm.

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Nordkoreas Führung ist nicht gerade für eine entspannte Weltsicht bekannt. Wenn sich allerdings Spekulationen über den obersten Führer des Landes, Kim Jong-il, ranken, brennen die Sicherungen in Pjöngjang noch um ein Vielfaches schneller durch als üblich.

Zurzeit kann man dies wieder einmal erleben. Seit in der vergangenen Woche auf der Ehrentribüne bei der Parade zum 60. Jahrestag der Staatsgründung der „Geliebte Führer“ fehlte, gibt es wüste Spekulationen über den Gesundheitszustand Kim Jong-ils. Nichts davon ist bestätigt, obwohl der südkoreanische Geheimdienst sicher zu sein scheint, dass Kim einen Schlaganfall erlitten hat. Andere wollten sogar schon vom Tod des nordkoreanischen Staatsführers wissen.

Nicht einmal ein Dementi

Nordkorea hat auf die angesichts der Lücke auf der Tribüne wahrscheinlich unvermeidlichen Veröffentlichungen nicht etwa mit offiziellen Informationen reagiert. Nicht einmal ein richtiges Dementi kam aus Pjöngjang. Allenfalls gab es Andeutungen, die darauf hinweisen, dass (auch in dieser Beziehung) nicht alles gut ist in Nordkorea.

Es sei die Aufgabe des Volkes, sich um den Führer zu scharen, um alle Angriffe von außen abzuwehren, war zum Beispiel in Medien zu lesen. Und eine Nordkorea gewogene Zeitung in Japan durfte von „schmutzigen Spekulationen“ schreiben, die von Feinden Nordkoreas angestellt würden. Außerdem, so die Zeitung, sei über Kims Aktivitäten in jüngster Zeit einfach nicht berichtet worden, was aber nicht heiße, dass er nicht aktiv sei.

Diese Bemerkung entbehrt nicht eines gewissen Humors, pflegen Nordkoreas Medien doch üblicherweise jeden Besuch Kims auf einem Bauernhof, in Filmstudios oder sonstwo ausführlich zu würdigen. Am Freitag wies der nordkoreanische Atomunterhändler abermals Berichte über einen kranken Führer zurück. Einzelheiten wusste der Diplomat aber nicht mitzuteilen.

Die Rhetorik wird schriller

Die jüngste Verschärfung bei den Gesprächen über das nordkoreanische Atomprogramm könnte ebenfalls darauf hindeuten, dass Kim Jong-il zumindest nicht mit voller Schaffenskraft „an Bord“ ist. Da sich die Vereinigten Staaten weigern, Nordkorea – wie versprochen – schnell von der Liste der Staaten zu streichen, die den internationalen Terror unterstützen, hat Pjöngjang verkündet, es habe den Abbau der Anlage in Yongbyon gestoppt. Angeblich werden sogar Anstrengungen unternommen, den Reaktor wieder funktionstüchtig zu machen. Diese Absicht bekräftigte Nordkorea am Freitag noch einmal. (Siehe auch: Pjöngjang will Atomanlage wieder in Betrieb nehmen) Es würden „sorgfältige Vorbereitungen“ getroffen, hieß es.

Gesprächskontakte mit nordkoreanischen Vertretern in jüngster Zeit haben nicht zu Ergebnissen geführt. Daraus schließen nun manche, dass die Verhandlungsführer aus Pjöngjang keine klaren Vorgaben haben, weil der Staatsführer diese nicht geben könne. Aber nicht nur die Gespräche laufen schwieriger als in den vergangenen Monaten. In den vergangenen Tagen hat Nordkorea auch wieder einmal einen Raketentest unternommen. Außerdem ist die öffentliche Bedrohungsrhetorik wieder um einiges schriller geworden als zuletzt.

Auch um die Beziehungen zum feindlichen Bruder im Süden der koreanischen Halbinsel steht es nicht gut. Das liegt zum einen daran, dass Pjöngjang sich offenbar immer noch nicht mit dem Ergebnis der Präsidentenwahl im Süden abgefunden hat, die den (angeblichen) „Hardliner“ Lee Myung-bak an die Macht brachte. Hinzu kam im Sommer ein Zwischenfall im nordkoreanischen Touristengebiet Kumgang. Eine ältere südkoreanische Frau wurde von nordkoreanischen Sicherheitskräften erschossen, weil sie angeblich beim morgendlichen Spaziergang am Strand ein militärisches Sicherheitsgebiet betreten hatte. Eine Untersuchung des Vorfalls lässt Nordkorea nicht zu. Der Tourismus aus dem Süden in Richtung Norden ist inzwischen zum Erliegen gekommen.

Blanke Not

Wie es an der Staatsspitze im Norden aussieht, weiß im Ausland so ganz genau vermutlich niemand. Im Land allerdings scheint wieder einmal blanke Not zu herrschen. Internationale Hilfsorganisationen sagen jedenfalls voraus, es könne wieder zu einer großen Hungersnot kommen. Diese Situation der Schwäche könnte auch ein Grund für die aggressive Rhetorik aus Pjöngjang sein, unabhängig vom Gesundheitszustand Kim Jong-ils.

Angesichts dieser Verhältnisse erwägt mittlerweile sogar die südkoreanische Regierung die Wiederaufnahme der Lebensmittelhilfe für den Norden. Dies wäre in den vergangenen Jahren eine pure Selbstverständlichkeit gewesen. Aber Präsident Lee Myung-bak hatte eigentlich das Ende des „Schmusekurses“ seiner beiden Vorgänger gegenüber dem Norden verkündet. Leistungen des Südens, zum Beispiel Lebensmittel, sollte es nur noch für Gegenleistungen geben, verkündete der Wahlkämpfer Lee allerorten. Der Staatschef sieht sich jetzt allerdings einer Situation gegenüber, in der die Möglichkeit eines Zusammenbruchs des Regimes im Norden nicht mehr ausgeschlossen werden kann.

Das lässt ihn seine Haltung offensichtlich überdenken. Denn die südkoreanische Politik wird seit Jahren von genau diesem Trauma verfolgt. Ein Zusammenbruch Nordkoreas wäre für die Volkswirtschaft des Südens, die sich gerade mühsam an das Niveau der entwickelten Industrieländer herangekämpft hat und keineswegs stabil ist, eine Katastrophe. Die Unterschiede zwischen den beiden Teilen Koreas sind um ein Vielfaches größer als zwischen Bundesrepublik und DDR.

Auch verbal bemüht sich Südkorea um Abrüstung. Vereinigungsminister Kim Ha-joong sprach sich vehement gegen öffentliche Spekulationen über den Gesundheitszustand des nordkoreanischen Führers aus. Dies sei nicht im nationalen Interesse, sagte er. Als Dementi entsprechender Berichte südkoreanischer Geheimdienste wollte der Minister seine Kritik allerdings nicht verstanden wissen. Nur die öffentliche Verwertung der Gerüchte sei nicht hilfreich. So etwas verärgere nämlich die Führung im Norden.

Dies ist freilich längst geschehen. Nordkorea gibt der Welt weiter Rätsel auf und regt sich dann öffentlich darüber auf, dass die Welt sich über diese Rätsel Gedanken macht.

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Jahrgang 1958, Redakteur in der Politik.

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