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Nordirland Unversöhnlich, aber friedlich

Die Gedenkmärsche der Protestanten sind den Katholiken in Belfast ein Ärgernis. Die Stadt ist noch immer gespalten. Dieses Mal blieb es friedlich, als die Parade der Unionisten das „Feindesland“ durchquerte.

© dapd Vergrößern Demonstrativ gekleidete Demonstrantinnen

Für Märsche ist Thomas Pollock immer zu haben: die Ostermärsche seines Oranierordens, die Gedenkmärsche für die Gefallenen vergangener Jahrhunderte. Doch an diesem Morgen hat sich der pensionierte Ingenieur mit Brille und zartem Oberlippenbart seine orangefarbene Schärpe aus einem Anlass um die Schultern gelegt, der auch für ihn ganz persönlich ein besonderer ist: Seine beiden Großväter hätten vor hundert Jahren den „Ulster Covenant“ unterschrieben, zu Hause habe er Kopien der Unterschriften. „Das ist mein Erbe“, sagt Pollock stolz, als er, umringt von gut einem Dutzend Mitstreiter seiner „Loyal Orange Lodge“, vor Reihenhäusern im Norden Belfasts auf seinen Einsatz wartet. Die Männer tragen schwarze Anzüge unter ihren Schärpen und auf dem Kopf runde schwarze Hüte. Einige von ihnen trinken schon jetzt am Morgen Bier aus Dosen. Für sie ist es schließlich ein Volksfest, ein Fest für ihr Volk: die protestantischen Briten.

Der „Ulster Covenant“, den Hunderttausende Unionisten gemeinsam mit Pollocks Großvätern am 28. September 1912 unterschrieben, war eine Protesterklärung gegen Bestrebungen der Regierung in London, ganz Irland eine autonome Selbstverwaltung zu geben. Mittlerweile - nach der irischen Teilung, bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen mit mehr als 3000 Toten in Nordirland und dem Karfreitagsabkommen von 1998 - teilen sich Protestanten und Katholiken die Macht in einer Belfaster Autonomieregierung. Doch die Bevölkerungsgruppen misstrauen einander weiterhin. Kinder besuchen getrennte Schulen, Erwachsene getrennte Kneipen, Dutzende „Friedensmauern“ in der Hauptstadt trennen die Siedlungsgebiete. Einer der Logenbrüder von Thomas Pollock, ein Mittfünfziger mit Glatze und gelblichem Schnauzbart, sagt, er wisse nicht, wie man überhaupt von „Frieden in Nordirland“ sprechen könne, „wenn man einfach die Verbrecher in Anzüge steckt“. Er meint damit Politiker der katholischen Partei Sinn Fein, die vormals in der Terrororganisation „Irisch-Republikanische Armee“ kämpften: „Einmal IRA, immer IRA.“

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Pollock stört sich vor allem an den Auflagen, welche die „Parades Commission“, der Märscheausschuss der nordirischen Regierung, den Unionisten für diesen Tag auferlegt haben. In den vergangenen Monaten kam es in der Gegend, in der Protestanten und Katholiken Seite an Seite leben, mehrfach zu Ausschreitungen. Im Juli spielte eine Unionistengruppe vor der katholischen Sankt-Patrick-Kirche ein Lied, durch das sich die Katholiken angegriffen fühlten; Anfang September geriet die Polizei bei einem republikanischen Marsch zwischen die Fronten, Dutzende Beamte wurden verletzt. Das sei doch alles von Sinn Fein provoziert worden, sagt Pollock: „Die wollen sich dann als Retter der Republikaner aufspielen.“

In den Wochen vor dem „Ulster Covenant“-Gedächtnismarsch wurde eifrig verhandelt - sowohl in der „Parades Commission“ als auch zwischen Vertretern der Religionsgemeinschaften und der radikalen Gruppen, um Gewaltausbrüche an diesem Tag zu verhindern. Nun sollen die Trommler, Flöten- und Akkordeonspieler nur „geistliche Lieder“ spielen, wenn sie an der Sankt-Patrick-Kirche vorbeikommen; auch dürfen ihre „Unterstützer“ sie dort nicht begleiten. Entlang dieses Abschnitts, die Gruppen aus mehreren Teilen der Stadt zum Parlament, dem Stormont, führt, wachen Hunderte Polizisten vor gepanzerten Geländewagen, am Himmel kreist ein Hubschrauber.

21574591 © AFP Vergrößern Vor dem Parlamentsgebäude in Belfast

Um zehn Uhr setzen sich die Gruppen in Marsch. Die Unionisten tragen weiße, schwarze, rote, blaue Uniformen und Standarten, etwa mit Bildern vor Jahrzehnten umgekommener Kämpfer. Einige ältere fahren im Rollstuhl mit, auch Kinder sind dabei. Dumpf dröhnen die großen Pauken, hart klingen die Trommeln, grell pfeifen die Flöten. Einige Gruppen haben Zettel mit der Aufschrift „Respektiert unsere Kultur“ an ihre Trommeln gehängt. Am Straßenrand jubeln zwei Frauen mittleren Alters, die sich in hautenge Kleidung in britischem Blau-weiß-rot gezwängt haben.

Hinter der Brücke liegt das Feindesland

Dann überquert der Zug eine Brücke, und schon ist er im Feindesland: dem Carrick-Hill-Gebiet, wo Katholiken leben, die in die Sankt-Patrick-Kirche gehen. Die Gruppen passieren die Kirche. Als sie vorübergezogen sind, zieht Frank Dempsey, Sprecher des „Komitees betroffener Anwohner“, eine gemischte Bilanz: „Recht friedlich“ sei das gewesen, sagt er - aber eine Gruppe habe „The Sash“ (Die Schärpe) gespielt, eine Unionistenhymne, und einer der Trommler sei mit seiner Pauke vor der Kirche hin und her gesprungen, das sei „respektlos“. Manche Protestanten wollten eben immer noch nicht wahrhaben, dass Nordirland eine multikulturelle Gesellschaft sei, sie lebten noch „im Mittelalter“, sagt Dempsey.

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