http://www.faz.net/-gpf-739ec

Nordirland : Unversöhnlich, aber friedlich

Demonstrativ gekleidete Demonstrantinnen Bild: dapd

Die Gedenkmärsche der Protestanten sind den Katholiken in Belfast ein Ärgernis. Die Stadt ist noch immer gespalten. Dieses Mal blieb es friedlich, als die Parade der Unionisten das „Feindesland“ durchquerte.

          Für Märsche ist Thomas Pollock immer zu haben: die Ostermärsche seines Oranierordens, die Gedenkmärsche für die Gefallenen vergangener Jahrhunderte. Doch an diesem Morgen hat sich der pensionierte Ingenieur mit Brille und zartem Oberlippenbart seine orangefarbene Schärpe aus einem Anlass um die Schultern gelegt, der auch für ihn ganz persönlich ein besonderer ist: Seine beiden Großväter hätten vor hundert Jahren den „Ulster Covenant“ unterschrieben, zu Hause habe er Kopien der Unterschriften. „Das ist mein Erbe“, sagt Pollock stolz, als er, umringt von gut einem Dutzend Mitstreiter seiner „Loyal Orange Lodge“, vor Reihenhäusern im Norden Belfasts auf seinen Einsatz wartet. Die Männer tragen schwarze Anzüge unter ihren Schärpen und auf dem Kopf runde schwarze Hüte. Einige von ihnen trinken schon jetzt am Morgen Bier aus Dosen. Für sie ist es schließlich ein Volksfest, ein Fest für ihr Volk: die protestantischen Briten.

          Der „Ulster Covenant“, den Hunderttausende Unionisten gemeinsam mit Pollocks Großvätern am 28. September 1912 unterschrieben, war eine Protesterklärung gegen Bestrebungen der Regierung in London, ganz Irland eine autonome Selbstverwaltung zu geben. Mittlerweile - nach der irischen Teilung, bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen mit mehr als 3000 Toten in Nordirland und dem Karfreitagsabkommen von 1998 - teilen sich Protestanten und Katholiken die Macht in einer Belfaster Autonomieregierung. Doch die Bevölkerungsgruppen misstrauen einander weiterhin. Kinder besuchen getrennte Schulen, Erwachsene getrennte Kneipen, Dutzende „Friedensmauern“ in der Hauptstadt trennen die Siedlungsgebiete. Einer der Logenbrüder von Thomas Pollock, ein Mittfünfziger mit Glatze und gelblichem Schnauzbart, sagt, er wisse nicht, wie man überhaupt von „Frieden in Nordirland“ sprechen könne, „wenn man einfach die Verbrecher in Anzüge steckt“. Er meint damit Politiker der katholischen Partei Sinn Fein, die vormals in der Terrororganisation „Irisch-Republikanische Armee“ kämpften: „Einmal IRA, immer IRA.“

          Pollock stört sich vor allem an den Auflagen, welche die „Parades Commission“, der Märscheausschuss der nordirischen Regierung, den Unionisten für diesen Tag auferlegt haben. In den vergangenen Monaten kam es in der Gegend, in der Protestanten und Katholiken Seite an Seite leben, mehrfach zu Ausschreitungen. Im Juli spielte eine Unionistengruppe vor der katholischen Sankt-Patrick-Kirche ein Lied, durch das sich die Katholiken angegriffen fühlten; Anfang September geriet die Polizei bei einem republikanischen Marsch zwischen die Fronten, Dutzende Beamte wurden verletzt. Das sei doch alles von Sinn Fein provoziert worden, sagt Pollock: „Die wollen sich dann als Retter der Republikaner aufspielen.“

          In den Wochen vor dem „Ulster Covenant“-Gedächtnismarsch wurde eifrig verhandelt - sowohl in der „Parades Commission“ als auch zwischen Vertretern der Religionsgemeinschaften und der radikalen Gruppen, um Gewaltausbrüche an diesem Tag zu verhindern. Nun sollen die Trommler, Flöten- und Akkordeonspieler nur „geistliche Lieder“ spielen, wenn sie an der Sankt-Patrick-Kirche vorbeikommen; auch dürfen ihre „Unterstützer“ sie dort nicht begleiten. Entlang dieses Abschnitts, die Gruppen aus mehreren Teilen der Stadt zum Parlament, dem Stormont, führt, wachen Hunderte Polizisten vor gepanzerten Geländewagen, am Himmel kreist ein Hubschrauber.

          Vor dem Parlamentsgebäude in Belfast
          Vor dem Parlamentsgebäude in Belfast : Bild: AFP

          Um zehn Uhr setzen sich die Gruppen in Marsch. Die Unionisten tragen weiße, schwarze, rote, blaue Uniformen und Standarten, etwa mit Bildern vor Jahrzehnten umgekommener Kämpfer. Einige ältere fahren im Rollstuhl mit, auch Kinder sind dabei. Dumpf dröhnen die großen Pauken, hart klingen die Trommeln, grell pfeifen die Flöten. Einige Gruppen haben Zettel mit der Aufschrift „Respektiert unsere Kultur“ an ihre Trommeln gehängt. Am Straßenrand jubeln zwei Frauen mittleren Alters, die sich in hautenge Kleidung in britischem Blau-weiß-rot gezwängt haben.

          Hinter der Brücke liegt das Feindesland

          Dann überquert der Zug eine Brücke, und schon ist er im Feindesland: dem Carrick-Hill-Gebiet, wo Katholiken leben, die in die Sankt-Patrick-Kirche gehen. Die Gruppen passieren die Kirche. Als sie vorübergezogen sind, zieht Frank Dempsey, Sprecher des „Komitees betroffener Anwohner“, eine gemischte Bilanz: „Recht friedlich“ sei das gewesen, sagt er - aber eine Gruppe habe „The Sash“ (Die Schärpe) gespielt, eine Unionistenhymne, und einer der Trommler sei mit seiner Pauke vor der Kirche hin und her gesprungen, das sei „respektlos“. Manche Protestanten wollten eben immer noch nicht wahrhaben, dass Nordirland eine multikulturelle Gesellschaft sei, sie lebten noch „im Mittelalter“, sagt Dempsey.

          Weitere Themen

          Bätschi, bätschi

          Fraktur : Bätschi, bätschi

          Die SPD badet gerne lau. Doch wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.

          „Lasermann“ wegen Mordes angeklagt Video-Seite öffnen

          Frankfurt am Main : „Lasermann“ wegen Mordes angeklagt

          Der Angeklagte wurde bereits in Schweden zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Anfang der 90er Jahre hatte er dort auf insgesamt elf Menschen mit Migrationshintergrund geschossen und dabei einen getötet. Beobachter sehen Parallelen zu den Morden der rechtsextremen Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“.

          Revision im Prozess um Scharia-Polizei Video-Seite öffnen

          BGH prüft Freigesprochene : Revision im Prozess um Scharia-Polizei

          Im Jahr 2014 war eine Gruppe von Männern durch Wuppertal patrouilliert und wollten junge Muslime ansprechen und sie ermahnen, nach der Lehre des Korans zu leben. Nachdem vor einem Jahr das Landgericht Wuppertal die Männer freigesprochen hat, ist die Staatsanwaltschaft in Revision gegangen.

          Topmeldungen

          CSU-Parteitag : Eine Art von Normalität

          Auf dem Parteitag in Nürnberg will die CSU unbedingt Geschlossenheit demonstrieren, auch im Verhältnis zwischen der neuen Doppelspitze. Notfalls auch mit einem Kniff.
          Union und SPD sitzen bald wieder in einer Wanne

          Fraktur : Bätschi, bätschi

          Die SPD badet gerne lau. Doch wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.
          Wirklich so schlimm? Nein! Der Psychiater Christian Dogs sagt, die Deutschen sind nicht so krank, wie seine Zunft es ihnen einreden möchte.

          Psychiater Christian Dogs : „Rennt nicht sofort zum Therapeuten!“

          Wie krank sind die Deutschen? Auf jeden Fall weniger krank, als Therapeuten es ihnen einreden wollen. Ein Gespräch mit dem Psychiater Christian Dogs über das Geschäft mit der eingebildeten Depression, die tristen Ehen von Managern und die lahme Generation Y.

          Regierungssuche : SPD-Parteispitze für Sondierungen mit Union

          Trotz massiven Widerstands in der eigenen Partei will der SPD-Parteivorstand offenbar mit CDU/CSU Gespräche über eine Regierungsbeteiligung führen. Ein prominenter Sozialdemokrat wird nicht daran teilnehmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.