Home
http://www.faz.net/-gq5-739ec
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Nordirland Unversöhnlich, aber friedlich

 ·  Die Gedenkmärsche der Protestanten sind den Katholiken in Belfast ein Ärgernis. Die Stadt ist noch immer gespalten. Dieses Mal blieb es friedlich, als die Parade der Unionisten das „Feindesland“ durchquerte.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Für Märsche ist Thomas Pollock immer zu haben: die Ostermärsche seines Oranierordens, die Gedenkmärsche für die Gefallenen vergangener Jahrhunderte. Doch an diesem Morgen hat sich der pensionierte Ingenieur mit Brille und zartem Oberlippenbart seine orangefarbene Schärpe aus einem Anlass um die Schultern gelegt, der auch für ihn ganz persönlich ein besonderer ist: Seine beiden Großväter hätten vor hundert Jahren den „Ulster Covenant“ unterschrieben, zu Hause habe er Kopien der Unterschriften. „Das ist mein Erbe“, sagt Pollock stolz, als er, umringt von gut einem Dutzend Mitstreiter seiner „Loyal Orange Lodge“, vor Reihenhäusern im Norden Belfasts auf seinen Einsatz wartet. Die Männer tragen schwarze Anzüge unter ihren Schärpen und auf dem Kopf runde schwarze Hüte. Einige von ihnen trinken schon jetzt am Morgen Bier aus Dosen. Für sie ist es schließlich ein Volksfest, ein Fest für ihr Volk: die protestantischen Briten.

Der „Ulster Covenant“, den Hunderttausende Unionisten gemeinsam mit Pollocks Großvätern am 28. September 1912 unterschrieben, war eine Protesterklärung gegen Bestrebungen der Regierung in London, ganz Irland eine autonome Selbstverwaltung zu geben. Mittlerweile - nach der irischen Teilung, bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen mit mehr als 3000 Toten in Nordirland und dem Karfreitagsabkommen von 1998 - teilen sich Protestanten und Katholiken die Macht in einer Belfaster Autonomieregierung. Doch die Bevölkerungsgruppen misstrauen einander weiterhin. Kinder besuchen getrennte Schulen, Erwachsene getrennte Kneipen, Dutzende „Friedensmauern“ in der Hauptstadt trennen die Siedlungsgebiete. Einer der Logenbrüder von Thomas Pollock, ein Mittfünfziger mit Glatze und gelblichem Schnauzbart, sagt, er wisse nicht, wie man überhaupt von „Frieden in Nordirland“ sprechen könne, „wenn man einfach die Verbrecher in Anzüge steckt“. Er meint damit Politiker der katholischen Partei Sinn Fein, die vormals in der Terrororganisation „Irisch-Republikanische Armee“ kämpften: „Einmal IRA, immer IRA.“

Pollock stört sich vor allem an den Auflagen, welche die „Parades Commission“, der Märscheausschuss der nordirischen Regierung, den Unionisten für diesen Tag auferlegt haben. In den vergangenen Monaten kam es in der Gegend, in der Protestanten und Katholiken Seite an Seite leben, mehrfach zu Ausschreitungen. Im Juli spielte eine Unionistengruppe vor der katholischen Sankt-Patrick-Kirche ein Lied, durch das sich die Katholiken angegriffen fühlten; Anfang September geriet die Polizei bei einem republikanischen Marsch zwischen die Fronten, Dutzende Beamte wurden verletzt. Das sei doch alles von Sinn Fein provoziert worden, sagt Pollock: „Die wollen sich dann als Retter der Republikaner aufspielen.“

In den Wochen vor dem „Ulster Covenant“-Gedächtnismarsch wurde eifrig verhandelt - sowohl in der „Parades Commission“ als auch zwischen Vertretern der Religionsgemeinschaften und der radikalen Gruppen, um Gewaltausbrüche an diesem Tag zu verhindern. Nun sollen die Trommler, Flöten- und Akkordeonspieler nur „geistliche Lieder“ spielen, wenn sie an der Sankt-Patrick-Kirche vorbeikommen; auch dürfen ihre „Unterstützer“ sie dort nicht begleiten. Entlang dieses Abschnitts, die Gruppen aus mehreren Teilen der Stadt zum Parlament, dem Stormont, führt, wachen Hunderte Polizisten vor gepanzerten Geländewagen, am Himmel kreist ein Hubschrauber.

Um zehn Uhr setzen sich die Gruppen in Marsch. Die Unionisten tragen weiße, schwarze, rote, blaue Uniformen und Standarten, etwa mit Bildern vor Jahrzehnten umgekommener Kämpfer. Einige ältere fahren im Rollstuhl mit, auch Kinder sind dabei. Dumpf dröhnen die großen Pauken, hart klingen die Trommeln, grell pfeifen die Flöten. Einige Gruppen haben Zettel mit der Aufschrift „Respektiert unsere Kultur“ an ihre Trommeln gehängt. Am Straßenrand jubeln zwei Frauen mittleren Alters, die sich in hautenge Kleidung in britischem Blau-weiß-rot gezwängt haben.

Hinter der Brücke liegt das Feindesland

Dann überquert der Zug eine Brücke, und schon ist er im Feindesland: dem Carrick-Hill-Gebiet, wo Katholiken leben, die in die Sankt-Patrick-Kirche gehen. Die Gruppen passieren die Kirche. Als sie vorübergezogen sind, zieht Frank Dempsey, Sprecher des „Komitees betroffener Anwohner“, eine gemischte Bilanz: „Recht friedlich“ sei das gewesen, sagt er - aber eine Gruppe habe „The Sash“ (Die Schärpe) gespielt, eine Unionistenhymne, und einer der Trommler sei mit seiner Pauke vor der Kirche hin und her gesprungen, das sei „respektlos“. Manche Protestanten wollten eben immer noch nicht wahrhaben, dass Nordirland eine multikulturelle Gesellschaft sei, sie lebten noch „im Mittelalter“, sagt Dempsey.

Danach erhält der Unionistenmarsch mehr Zulauf. Vor dem Rathaus im Zentrum Belfasts säumen viele Zuschauer die Straßen, schwenken britische Fahnen. Tätowierte junge Männer in schwarzen Anzügen tragen blau-weiß-rote Binden am Arm, auf denen „Rathauswächter“ steht. Gegen was wollen sie das Rathaus denn verteidigen? „Gegen die Republikaner und gegen Selbstverwaltung“, sagt einer.

Selig belächeln die Alten das Defilee

Alsbald schreiten die Züge, nun zu einem einzigen langen Marsch vereint, stadtauswärts; auf einem vierspurigen Autobahnzubringer geht es in Richtung Ost-Belfast. Trommeln, Flöten. Wieder ein gemischtkonfessionelles Wohngebiet, wieder sollen nur „geistliche Lieder“ gespielt werden. Rechts sperren Polizisten Straßen ab, links stehen vier minderjährige Mädchen auf einer Gartenmauer und halten Schilder hoch: „Der Märscheausschuss hat versucht, dieser protestantischen Gemeinschaft ihre Kultur zu nehmen.“ Ein altes Paar blickt auf die Marschierenden und trinkt dazu Guinness, das irische Nationalbier; auf der Mauer vor ihrem Garten ehrt ein buntes Gemälde paramilitärische protestantische Kämpfer. An Ständen werden Britannien-Fahnen und -Schals verkauft sowie, für die Kleinen, Spielzeugpistolen. Selig belächeln die Alten, die man aus dem Pflegeheim an die Straße geschoben hat, das Defilee der Gruppen.

Vor dem Parlamentsgebäude, das einen Hügel krönt, erwartet die Gruppen und die Feierwilligen ein Zelt, in dem sie eine Farbkopie des „Ulster Covenant“ signieren und mitnehmen können. In einem anderen Zelt lädt sie eine Tafel mit Nachnamen ein, der Frage nachzugehen, ob ihre Vorfahren unter den ersten schottischen Siedlern auf der irischen Insel waren; die Chancen, den eigenen Namen dort wiederzufinden, sind nicht schlecht, denn nicht nur Namen wie McLellan, McGee und Buchanan sind dort zu finden, sondern auch solche wie Smith, Wood und Young. Ganz in der Nähe blicken Thomas Pollock und ein noch älterer Oranier, beide etwas erschöpft von dem kilometerlangen Marsch vom Zentrum hierher, auf die Masse der Uniformierten und fragen sich, ob das nun der größte Marsch ist, an dem sie je teilgenommen haben. Schließlich meint der Ältere, im Jahr 1990, als sich der Sieg des protestantischen Königs William über den katholischen König James zum dreihundertsten Male jährte, seien es noch mehr gewesen.

Dann wird „God Save the Queen“ gesungen

Auf einer Bühne unterhalb des Parlamentsgebäudes nehmen Würdenträger des Oranierordens Platz sowie Peter Robinson, der Erste Minister der Autonomieregierung. Doch er wird nichts sagen, der Tag gehört den Oraniern. Deren Großmeister spricht mit brüchiger Stimme von „sehr dunklen und schwierigen Tagen“, von „Feinden, die uns zerstören wollten“. Aber nun wisse jeder, dass „unsere Zukunft im Vereinigten Königreich gesichert ist“. Das Wort „Versöhnung“ fällt nicht, auch an die Katholiken Nordirlands wendet sich keiner der vielen Redner; am nächsten kommt dem noch ein kleiner Mann, der der Menge zuruft: „Sollten wir jemals das Gebot, auch unsere Feinde zu lieben, nicht befolgt haben, dann bereuen wir das.“ Dann wird „God Save The Queen“ gesungen.

Die „Feinde“ von der Sankt-Patrick-Kirche im Zentrum der Stadt machen sich da schon auf den Rückweg der Marschierer gefasst. Als es soweit ist, postieren sie sich zu beiden Seiten der Straße. Auf einem Spruchband fordern sie „Respekt“ ein und schwenken schwarze Fahnen. Das Trommeln und Pfeifen kommt näher, die Gruppen marschieren vorbei. Ein Oranier streckt die geballte Faust in den Abendhimmel und küsst seine Schärpe in Richtung der Katholiken, ein Flötist macht einen Kussmund und streckt ihnen die Zunge heraus. Als die letzte Gruppe vorbei ist, brandet Applaus auf - für Frank Dempsey, der wieder in der ersten Reihe stand. Es sei ein stressiger, aber Gott sei Dank friedlicher Tag gewesen, sagt er. Nun müsse man über die zahlreichen Verstöße gegen die Auflagen des Märscheausschusses reden. „Wenn wir das Problem hier lösen können, dann können wir es überall lösen.“ Bald darauf stehen die Katholiken von Carrick Hill vor ihrem Gemeinschaftszentrum, rauchen und plaudern. Zwei Blöcke die Straße hinauf rauchen und plaudern die Protestanten. Sie wirken alle erleichtert, dass der Tag friedlich zu Ende gegangen ist - jeder auf seine Weise.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Alte Fronten

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Die G 8 redet einer Übergangsregierung das Wort. Aber über die Zukunft des syrischen Diktators Assad schweigt man sich aus - kein Wunder, denn Russland will ihn (noch) nicht preisgeben. Mehr 4 3