22.12.2009 · Der Anführer der katholischen Sinn Fein hat sich offenbart: Sein Vater - Gerry Adams senior - hat seine Kinder missbraucht, Bruder Liam tat es ihm gleich und ist auf der Flucht vor der Polizei. Diese Familientragödie hat auch eine Wirkung auf den schwierigen nordirischen Friedensprozess.
Von Johannes Leithäuser, LondonEine erschütterndere Familientragödie ist in den speziellen, von altem Hass und jungem Misstrauen, von alter Feindschaft und neuer Orientierungsnot geprägten nordirischen Verhältnissen kaum möglich: Gerry Adams, Vorsitzender der katholischen Partei Sinn Fein, offenbarte kurz vor Weihnachten, dass sein Vater, Gerry senior, einer der Anführer der katholischen IRA-Untergrundarmee, und sein jüngerer Bruder Liam jeweils ihre eigenen Kinder sexuell und emotional missbrauchten.
In dieser Offenbarung treffen sich sämtliche Folgen von Verklemmtheit, Gewalt, falscher Loyalität und Vertuschung, die in den Zwängen der katholischen Minderheitsgesellschaft im Norden Irlands in langen Jahrzehnten entstanden sind. Gerry Adams' Familie kam seit zwei Generationen in diesem katholischen Minderheitsmilieu eine Leitbildfunktion zu (ähnlich bedeutend, wie es auf der protestantischen Seite für den streitbaren Pastor Ian Paisley und die Seinen galt). Adams' Enthüllung trifft die katholische Anhängerschaft als Schock, sie wird aber auch eine stillere, befreiende Wirkung haben.
Ermittlungen gegen seinen Bruder Liam
Den Anlass für Adams, das Familiengeheimnis zu lüften, boten offenbar Ermittlungen gegen seinen Bruder Liam, der vor Nachforschungen der nordirischen Polizei wegen des Verdachtes auf Kindesmissbrauch auf der Flucht ist und sich möglicherweise in der Republik Irland versteckt. Der Missbrauchsverdacht gegen Liam wurde von einem irischen Fernsehsender aufgedeckt; Gerry Adams stimmte daraufhin einem Gespräch mit dem irischen Fernsehen zu, in dem er die vollständige Missbrauchstragödie erläuterte.
Der Sinn-Fein-Anführer enthüllte nicht, wer von seinen insgesamt neun lebenden Brüdern und Schwestern den Missbrauchstaten zum Opfer fiel, aber er machte deutlich, dass die Veröffentlichung auf einem Konsens aller, der ganzen Familie, beruhe. Er selbst habe die schrecklichen Verfehlungen seines Vaters, der doch öffentlich in so hohem Ansehen stand, schon vor längerer Zeit aufdecken wollen, doch es habe lange gedauert, bis alle Mitglieder der Familie „stark genug waren, das zu tun“.
Gerry Adams verband die Offenbarung am Wochenende mit einem Appell an seinen Bruder, sich der Polizei zu stellen. Die Missbrauchsvorwürfe gegen Liam betreffen offenbar einen schon länger zurückliegenden Zeitraum. Gerry sagte, sein Bruder müsse jetzt die Verantwortung tragen für sein Verhalten - um seiner missbrauchten Tochter und um seiner anderen Kinder willen.
„Warum habe ich es nie bemerkt“
Die Enthüllung der familiären Tragödie der wichtigsten Führungsperson des katholischen Lagers geschieht in einem Moment, in dem die katholische Gesellschaft Irlands als Ganzes erschüttert ist von den Missbrauchstaten, die jahrzehntelang von Geistlichen der katholischen Kirche verübt und von deren Vorgesetzten oft vertuscht und gedeckt worden sind.
Und so wie Adams jetzt eingestand, er müsse sich bezüglich des Vaters fragen, „warum habe ich es nie bemerkt“, sieht sich die irische Bevölkerung insgesamt damit konfrontiert, eine Antwort auf dieselbe Frage zu finden. Die Kirche ist durch die jüngsten Aufdeckungen und Untersuchungen in ihrer Funktion als Geborgenheitszuflucht und als moralische Autorität beschädigt worden.
Nicht in gleicher Weise, aber in gleicher Richtung wirken Adams' Offenbarungen nun auch auf das idealisiertete Bild, das die Untergrundkampf-Armee IRA bislang im nordirisch-katholischen Milieu umgibt. Adams gestand in dem Fernsehgespräch, es habe ihm innerlich zu schaffen gemacht, dass sein Vater 2003 mit allen Ehren der katholischen Bewegung in Nordirland beigesetzt wurde; der Sarg eingeschlagen in die irische Trikolore: „Ich habe das als eine Beschmutzung der Fahne empfunden.“ Und Adams enthüllte auch, er habe versucht, seinen Bruder Liam aus der Partei Sinn Fein ausschließen zu lassen.
Die Adamssche Familiengeschichte hat schließlich auch eine Wirkung auf den nordirischen Friedensprozess, der gegenwärtig vor einer großen Bewährungsprobe steht. Die Übertragung der letzten Autonomierechte (betreffend Justiz und Polizei) von der Londoner Zentrale auf die gemeinsame von Protestanten und Katholiken gebildete Regionalregierung hängt in der Schwebe: Schon längst hätte die Aufsicht über die nordirische Polizei und die Gefängnisverwaltung einem Minister in Belfast anvertraut werden sollen, aber die Führung der protestantischen Demokratischen Unionisten (also der Partei, die einst der Pastor Paisley gründete) zögert die Zustimmung dazu noch mit allerlei Bedingungen und Ausflüchten hinaus.
Der Erste Minister der Autonomieregierung, Peter Robinson, verpackt die hinhaltende Zögerlichkeit seines protestantischen Lagers oft in die Formulierung, es sei noch nicht das notwendige Maß an Vertrauensbildung erreicht. Die persönliche Tragödie seines Partners und politischen Widersachers Gerry Adams mag nun auf eine private, unpolitische Weise dazu beitragen, dieses Vertrauen zu fördern.