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Nordirland Auf die Entschuldigung folgt die Reifeprüfung

15.06.2010 ·  Nach der Veröffentlichung des „Saville-Berichts“ hat der britische Premierminister Cameron um Vergebung für den „Blutigen Sonntag“ gebeten, an dem britische Fallschirmjäger 1972 dreizehn Katholiken erschossen. Nun kommt es auf die nordirische Autonomieregierung an.

Von Johannes Leithäuser, London
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Schon der schiere Umfang der Untersuchung hat der Monstrosität des Vorgangs vollauf entsprochen: 5000 Seiten mit Akten und Aussagen, zusammengefasst in zehn Bänden, erhoben in 434 Verhandlungs- und Beratungstagen, verteilt auf acht Jahre, unter Kosten von umgerechnet mehr als 200 Millionen Euro. Der mit solchem Aufwand verfertigte Bericht befasst sich mit dem Geschehen zweier Nachmittagsstunden am 30. Januar des Jahres 1972 in Derry (oder Londonderry, wie die Stadt bei britischen Unionisten heißt, im Gegensatz zu den irischen Nationalisten, die sie bei ihrem kürzeren Namen nennen). Damals eröffneten Soldaten einer britischen Fallschirmjäger-Kompanie das Feuer auf Teilnehmer einer sogenannten Menschenrechts-Demonstration – ein Protestmarsch der katholischen Nationalisten. 13 Demonstranten wurden getötet, später kam ein vierzehntes Opfer hinzu, 14 weitere Demonstranten erlitten Schussverletzungen. Der blutige Nachmittag wurde zum Eskalationspunkt des Nordirlandkonflikts, des Terrorkrieges zwischen der katholisch-nationalistischen IRA-Untergrundmiliz einerseits und den Unions-Milizen – und der britischen Armee – andererseits.

Die minutiöse Untersuchung des „Blutigen Sonntages“, welcher der Kronjurist Lord Saville viele Jahre seines Berufslebens widmete, ist nicht die erste Aufarbeitung des Vorgangs. Ein rascher formeller Report wurde noch 1972 verfertigt. Aber Savilles am Dienstag veröffentlichte Indiziensammlung ist der erste Bericht, der einige britische Soldaten, die damals vorgeblich in Notwehr auf irische Terrorkämpfer schossen, ungerechtfertigter Tötungen für schuldig hält. Premierminister Cameron machte sich die Ergebnisse am Dienstag uneingeschränkt zu eigen: Keiner der Toten sei bewaffnet gewesen oder habe eine unmittelbare Gefahr für die Streitkräfte dargestellt; die unmittelbare Verantwortung für die tödlichen Schüsse „liegt bei den Schützen“.

Vor mehr als 38 Jahren hatte das Beispiel blutiger Gewalt durch die britische Armee den katholischen Nationalisten Sympathien und Motivationsschübe verschafft. Es befeuerte den Terror, der im Verlauf der folgenden Jahre und Jahrzehnte mehr als 3000 Menschen beider Seiten den Tod brachte. Vor 12 Jahren war die Forderung der katholischen, nationalistischen Nordiren nach einer neuen, fairen Aufklärung der Schüsse des „Blutigen Sonntags“ von Derry eine Begleitbedingung für einen Friedensversuch mit den protestantischen Unionisten. Der damalige britische Premierminister Blair sicherte die neue Untersuchung zu. Lord Trimble, der auf protestantisch-unionistischer Seite 1998 Blairs Partner war (und dafür gemeinsam mit seinem katholisch-nationalistischen Gegenüber John Hume später den Friedensnobelpreis erhielt), behauptete jetzt, kurz vor der Veröffentlichung des „Saville-Berichts“, die zweite Untersuchung in die Todesschüsse von Derry sei gar keine zentrale Forderung bei den Friedensverhandlungen gewesen – die Schlussfolgerungen, also eine Schuldzumessung an die Armee, könnten aber den Fortgang des Friedenswerkes gefährden.

„Pervertierung der Justiz“

Doch die – katholischen – Bürger von Derry straften Trimble am Dienstag Lügen: Zu vielen Hunderten machten sie sich auf zum Ständehaus der Stadt, wo die 5000 Seiten des Untersuchungsberichts nachmittags öffentlich aufgelegt wurden. Die Angehörigen der Opfer schritten in einem Schweigemarsch voran. Viele hatten in den vergangenen Tagen ausführlich berichtet, wie sehr es sie in den zurückliegenden Jahrzehnten geschmerzt habe, als gewalttätige Terroristen abgestempelt zu sein. Viele erhoffen sich jetzt als erstes Rehabilitierung – um eine mögliche Verfolgung der Täter, der Schützen, geht es ihnen erst in zweiter Linie.

Doch während es unwahrscheinlich ist, dass Lord Savilles Bericht – der die gesamte militärische Operation gegen die Demonstranten als falsch verurteilt – auf den Straßen von Derry, Belfast oder anderen nordirischen Orten alte Unversöhnlichkeiten neu befeuert, so stellt er doch die politischen Eliten in beiden nordirischen Lagern, die inzwischen in einer gemeinsamen Autonomieregierung verbunden sind, vor eine Reifeprüfung.

Zum Beispiel fungierte der Repräsentant der katholischen Seite in der Regierung, der Stellvertretende Erste Minister McGuinness, zum Zeitpunkt des Blutsonntages just in der Stadt Derry als stellvertretender Kommandeur der paramilitärischen IRA. McGuinness wurde mehrfach wegen Waffen- und Sprengstoffbesitzes, nie jedoch wegen Attentaten angeklagt und verurteilt. Jede triumphale Rechtfertigungsgeste, die er nun, gestützt auf den Saville-Bericht, von sich geben könnte, würde im protestantisch-unionistischen Lager Zorn und Bitterkeit hervorrufen. Der Abgeordnete Paisley, Sohn des früheren wortgewaltigen Protestantenführers Ian Paisley, hat die Sprachregelung seiner Seite schon vorgetragen: Jeder Versuch, nun die damaligen Fallschirm-Schützen vor Gericht zu ziehen, sei eine „völlige Unverschämtheit“, eine „Pervertierung der Justiz“, die nur den „ideologischen Bedürfnissen“ der irischen Nationalisten gerecht werden wolle.

Doch die Zeit, in der die Unionisten mit solcher Empörung die Londoner Regierung unter Druck setzen konnten, sind weitgehend vorbei. Erst vor wenigen Wochen wurde – nach zähen Verhandlungen – die Aufsicht über Polizei und Justiz als letztes wichtiges Element von London auf die Autonomie-Regierung übertragen. Es ist daher die Staatsanwaltschaft des nordirischen Justizministers, die nun entscheiden muss, ob sich aus dem Saville-Bericht genügend Indizien für eine Anklage einzelner damaliger Soldaten ergeben. Bei der Besetzung des neuen Justizressorts hatten sich Protestanten und Katholiken auf einen überparteilichen Kandidaten geeinigt. David Ford führt die kleine Allianzpartei, die als einzige nordirische Kraft nicht auf eines der beiden Lager beschränkt ist. Von seiner Geschicklichkeit und Bestimmtheit wird abhängen, ob die nordirische Reifeprüfung gelingt.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in London.

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