10.10.2009 · Die Vergabe des Friedensnobelpreises an Barack Obama soll eine Vorleistung sein für seine Versprechen des Wandels. Aber Obamas Biographie selbst ist schon für sich genommen ein eingelöstes Versprechen: jenes des amerikanischen Traumes.
Von Matthias Rüb, WashingtonAm Tag, als das Weiße Haus die Nachricht von der Verleihung des Friedensnobelpreises 2009 an Barack Obama erreichte, beriet der Präsident im abhörsicheren „Situation Room“ mit seinem Sicherheitskabinett über den Krieg: über den in Afghanistan und auch im benachbarten Pakistan, wo am Freitag bei einem verheerenden Bombenanschlag in Peschawar mindestens 41 Menschen umkamen. Denn das ist derzeit die dringendste Frage in der amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik: Sollen Zehntausende zusätzlicher amerikanischer Soldaten ihr Leben riskieren, um die Region am Hindukusch dauerhaft zu befrieden oder wenigstens von der Geißel des gewalttätigen Islamismus zu befreien?
Und weil seit mehr als einem Jahrhundert eine zentrale Frage der amerikanischen Außenpolitik immer auch eine zentrale Frage der internationalen, ja globalen Sicherheitspolitik ist, wird die Debatte über die künftige Strategie am Hindukusch auch in Europa, im Nahen und im Fernen Osten, wohl auch an manchem Ort in Afrika geführt.
Nicht gesprochen wurde am Freitag im Weißen Haus über die mindestens zwei Dutzend weiteren Kriege, die derzeit in aller Welt geführt werden - die meisten in Afrika, in Asien und im Nahen Osten. Auch diese Kriege sind ohne ein Eingreifen der Staatengemeinschaft kaum zu beenden. Nur dass es diese „Staatengemeinschaft“ mit einer robusten Institution oder wenigstens einer allseits anerkannten Führungsnation bis heute nicht gibt, allenfalls in Ansätzen.
„Wir müssen eine wichtige Rolle spielen“
Das ist heute kaum anders als vor gut hundert Jahren, als erstmals ein amtierender amerikanischer Präsident mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde: Theodore Roosevelt erhielt die Auszeichnung im Jahr 1906 für seine Verdienste um die Beendigung des Russisch-Japanischen Krieges. In seinem Buch „Hoffnung wagen“ erhebt Barack Obama den 26. Präsidenten der Vereinigten Staaten, der zum Zeitpunkt seines Amtsantritts im September 1901 noch fünf Jahre jünger war als Obama im Januar dieses Jahres, zu einem seiner Säulenheiligen unter den Amtsvorgängern. „Die Vereinigten Staaten haben nicht die Wahl, ob sie eine wichtige Rolle in der Welt spielen wollen oder nicht“, zitiert Obama Roosevelt. Und er fügt den zweiten Teil von Roosevelts Argument ebenfalls zustimmend hinzu: „Wir müssen eine wichtige Rolle spielen. Wir können uns lediglich entscheiden, ob wir diese Rolle gut oder schlecht spielen.“
Schon auf der folgenden Seite seines 2006 veröffentlichten programmatischen Buches „Hoffnung wagen“ lässt Obama einen weiteren Vorgänger zu Wort kommen, der noch während seiner Amtszeit den Friedensnobelpreis erhielt: 1919 wurde Woodrow Wilson ausgezeichnet, vor allem für seine Verdienste um die Beendigung des Ersten Weltkrieges und um die Schaffung des Völkerbundes, dem die Vereinigten Staaten wegen des Widerstands im Kongress freilich nie beitraten. „Die Zeit ist gekommen, da die Demokratie beweisen muss, dass ihre Reinheit und ihr Geist bestehen können“, forderte Wilson angesichts der ersten epochalen Kriegskatastrophe des 20. Jahrhunderts. „Es ist ohne Zweifel das manifeste Schicksal der Vereinigten Staaten, die Führung zu übernehmen, damit dieser Geist überdauere“, prägte Wilson eine denkwürdige Formulierung.
Auch der dritte mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete amerikanische Präsident, Jimmy Carter, der den Preis von 2002 freilich erst viele Jahre nach seinem Auszug aus dem Weißen Haus erhielt, wird von Obama in seinem Buch erwähnt. Freilich ohne einschlägiges Zitat, sondern lediglich mit der Bemerkung, Carter habe sich bemüht, „moralische Bedenken mit der Betonung auf die Menschenrechte mit einer starken Verteidigungspolitik zu verbinden“. Es ist nicht schwer herauszuhören, dass Obama die Errungenschaften und Einsichten Theodore Roosevelts und Woodrow Wilsons höher einschätzt als jene Jimmy Carters. Carter übrigens ist unter den bisher drei amerikanischen Präsidenten, die vor Obama den Nobelpreis für Frieden erhalten haben, der einzige, dem die Wiederwahl für eine zweite Amtszeit missglückte.
Die Hand gereicht
In allen seinen außen- und sicherheitspolitischen Grundsatzreden - während des Wahlkampfes 2008 wie in den neun Monaten seiner Amtszeit - hat sich Obama entschieden gegen den Isolationismus und den Rückzug Amerikas hinter die „Mauern der Ozeane“ im Osten und Westen und hinter die Grenzen zu den befreundeten Nachbarn im Norden und Süden ausgesprochen. In der Nachfolge Roosevelts und Wilsons hat sich der 44. Präsident stattdessen stets zum entschiedenen diplomatischen Engagement mit der Staatengemeinschaft bekannt - und sich mehr als deutlich und mehr als einmal von seinem unmittelbaren Amtsvorgänger George W. Bush abgekehrt.
Dass Obama, wie das Nobelpreiskomitee am Freitag würdigte, die „internationale Diplomatie gestärkt“ habe, ist gewiss wahr, jedenfalls hat er dazu den entschiedenen Willen gezeigt: Er führte im September als erster amerikanischer Präsident überhaupt den Vorsitz bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrates in New York. Er bekannte sich zum Fernziel einer nuklearwaffenfreien Welt und zum Nahziel strategischer Abrüstungsvereinbarungen mit Russland und verzichtete auf den von Moskau heftig kritisierten Raketenabwehrschild in Polen und in der Tschechischen Republik. Er gelobte, dass sich Washington als Partner mit gleichen Rechten und Pflichten im Kampf gegen den Klimawandel in Kopenhagen an den UN-Verhandlungen über eine Nachfolgeregelung für das Kyoto-Protokoll beteiligen werde. Er bot Iran und Nordkorea direkte Gespräche im Streit über die Atomprogramme der beiden Staaten an. Er reichte der kommunistischen Führung in Kuba mit der Aufhebung einiger Sanktionen die Hand und sandte Emissäre zu ersten Gesprächen nach Havanna. Er bekannte sich bei seiner Prager Rede vom April zum Traum einer Welt ohne Atomwaffen und reichte der muslimischen Welt in Kairo im Juni ostentativ die Hand zur Versöhnung.
Welche dieser Versprechen Obama einlösen kann, welche symbolischen Gesten Früchte in der Wirklichkeit tragen werden, welche Kompromisse er aber auf der anderen Seite mit dem Kongress daheim und mit den internationalen Verhandlungspartnern sowie mit erklärten Gegnern auf der Weltbühne machen muss, das werden freilich erst die kommenden Jahre zeigen. Die Ungewissheit, was Obama während vier oder acht Jahren Amtszeit würde erreichen können, war zu jenem Zeitpunkt, als das Vergabekomitee in Oslo die letzten Vorschläge für den Preis im Jahr 2009 entgegennahm, noch größer als heute: Damals, Anfang Februar, war der 44. Präsident gerade einmal zwei Wochen im Amt.
„Ein neues Klima“
Obama selbst zeigte sich „beschämt“, nachdem er am frühen Morgen von seinem Pressesprecher Robert Gibbs mit der guten Nachricht aus Oslo geweckt worden war. In Kommentaren konservativer Medien wurde bemerkt, dass es zu einer Verkehrung der üblichen Reihenfolge gekommen sei, wonach die Belohnung einer erfolgreichen Anstrengung oder gar einem geglückten Lebenswerk zu folgen habe. „Jetzt kann ein politischer Führer den Friedensnobelpreis schon bekommen, wenn er sagt, dass er zu irgendeinem Zeitpunkt in der Zukunft Frieden erreichen will“, schrieb etwa das „Wall Street Journal“. Dagegen wurde in linksliberalen Medien festgestellt, dass die Auszeichnung Obamas für 2009 nach der Preisverleihung an Jimmy Carter 2002 und mithin noch während der Amtszeit von George W. Bush abermals zeige, wie sehr die Welt von der weithin als unilateral kritisierten Außen- und Sicherheitspolitik des 43. Präsidenten und zumal von dessen Entscheidung zum Einmarsch im Irak vor den Kopf gestoßen worden sei.
Das ausdrückliche Lob des Vorsitzenden des Vergabekomitees, Thorbjörn Jagland, wonach Obama seit seinem Amtsantritt am 20. Januar „ein neues Klima in der internationalen Politik geschaffen“ habe, wurde von konservativen Kritikern Obamas als Zeichen dafür gesehen, dass der Präsident mit seiner „internationalen Entschuldigungstournee“ für Amerikas angebliche Fehltritte abermals Beifall von der falschen Seite erhalten habe. Die Biographie Barack Obamas selbst aber ist schon für sich genommen ein eingelöstes Versprechen: jenes des amerikanischen Traumes.
Denn selbst für amerikanische Verhältnisse ist Obama eine besondere Fusion von Einflüssen und eine außergewöhnliche Aufstiegsgeschichte von schwierigsten Anfängen. Als ein „Ein-Mann-Schmelztiegel“ pflegt sich Obama selbst zu beschreiben. Der Vater war ein ambitionierter Austauschstudent aus Kenia, der sich an der Universität von Hawaii in eine junge Weiße aus Kansas verliebte. Am 4. August 1961 wurde Barack Hussein Obama in Hawaii geboren. Der erste Vorname des Jungen bedeutet „Von Gott gesegnet“ in der Sprache der Luo, und in dessen Lebensweg sollte sich das bewahrheiten.
„Speak softly and carry a big stick“
Die Ehe der Eltern hielt nicht lange. Im Alter von vier Jahren kam Barack Obama mit seiner Mutter nach Jakarta, wohin die junge Frau ihrem zweiten Mann folgte, einem indonesischen Austauschstudenten und späteren Ölmanager. Dort wuchs Barack auf, doch im Alter von zehn Jahren kam er zurück nach Hawaii, lebte bei seinen Großeltern und schloss die Schule ab. Seine Suche nach Identität - als Schwarzer, frisch aus Asien kommend, in einem weißen Großelternhaus - führte ihn auf manche Umwege, auch zu Marihuana und zu Kokain, wie er zugibt. Doch trotz der Mangelerfahrung eines abwesenden Vaters und einer irrlichternden Mutter entwickelte Obama eine von der Fülle der Selbstgewissheit geprägte Persönlichkeit.
Er ging zum Jurastudium an die Universitäten Columbia und Harvard, wo er der erste schwarze Chefredakteur der renommierten „Harvard Law Review“ wurde. Statt die gutdotierten Angebote renommierter Anwaltskanzleien anzunehmen, wurde er ein Kleiner-Leute-Anwalt und Sozialarbeiter in der South Side von Chicago, wo er, als Praktikant in einer Anwaltskanzlei, auch seine spätere Frau Michelle kennenlernte. 1992 heirateten die beiden. Ihre Töchter Malia und Sasha wurden 1998 und 2001 geboren. Der Rest - die Wahl 2004 zum Senator für Illinois und 2008 zum amerikanischen Präsidenten - ist Geschichte.
Von Theodore Roosevelt, dem ersten Bewohner des Weißen Hauses, der den Friedensnobelpreis erhalten hat, stammt die realpolitische Maxime „Speak softly and carry a big stick“. Damit haben amerikanische Präsidenten in der Geschichte schon manchen historischen Erfolg erzielt. Dass Obama „sanft reden“ kann, hat er oft bewiesen - und es hat ihm frühzeitig den Nobelpreis eingetragen. Wie groß der „Knüppel“ sein soll, den er etwa nach Afghanistan tragen wird, darüber beriet Obama am Tag der Bekanntgabe des Preises im Weißen Haus.
Obama spendet das Preisgeld
Barack Obama will seinen finanziellen Anteil am Friedensnobelpreis in Höhe von zehn Millionen Kronen (1,09 Millionen Euro) an Wohltätigkeitsorganisationen spenden. Das kündigte der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs, am Freitag in Washington an. An welche Organisationen die Spende gehen soll, habe der Präsident noch nicht entschieden.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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