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Veröffentlicht: 22.03.2012, 10:35 Uhr

Nigeria Terroristen wollen Deutsche freipressen

Ein in Nigeria entführter deutscher Bauingenieur befindet sich offenbar in Händen der Terrorgruppe „Al Qaida im islamischen Maghreb“. In einer Videobotschaft fordern die Entführer die Freilassung einer in Deutschland inhaftierten Frau, deren Mann Mitglied der „Sauerland-Gruppe“ist.

von , Johannesburg
© F.A.Z. Nigeria

Der im Januar im Norden Nigerias entführte deutsche Bauingenieur Edgard Fritz Raupach ist offenbar in der Gewalt der Terrorgruppe „Al Qaida im islamischen Maghreb“ (Aqim). Das geht aus einem Video hervor, das am Mittwoch bei dem privaten mauretanischen Onlinedienst ANI einging. Gefesselt und umringt von Bewaffneten, nennt der Deutsche in dem kurzen Film seinen Namen und bittet die deutsche Regierung um Hilfe. Das mauretanische Onlineportal hat schon oft Botschaften von Aqim veröffentlicht, die sich stets als authentisch erwiesen. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes sagte in Berlin, das Video werde „gründlich geprüft“. Der Krisenstab sei um „weitere Aufklärung“ und eine Lösung bemüht.

Thomas Scheen Folgen:

„Wir informieren Sie darüber, dass Ihr Landsmann Edgard Fritz Raupach Gefangener der Kämpfer von Aqim ist und fordern die Freilassung unserer Schwester Oum Seif al Islam al Ansariya sowie eine Entschädigung für die ihr zugefügte Folter“, heißt es in dem Video. Die mit bürgerlichem Namen Filiz Gelowicz heißende Frau sitzt in Deutschland in Haft. Sie ist die Ehefrau von Fritz Gelowicz, dem Anführer der „Sauerland-Gruppe“, und wurde im vorigen Jahr wegen Hilfe für die Gruppe zu einer Haftstrafe verurteilt. Sollte Deutschland die Frau nicht freilassen, drohe dem Deutschen „das gleiche Schicksal wie dem Italiener und dem Briten“, heißt es weiter in dem Video.

Anfang März waren bei einem fehlgeschlagenen Befreiungsversuch in der nigerianischen Stadt Sokoto ein Italiener und ein Brite, beide ebenfalls Bauingenieure, mutmaßlich von ihren Geiselnehmern getötet worden. Der nigerianische Präsident Goodluck Jonathan hatte die radikale islamische Sekte „Boko Haram“ der Morde bezichtigt. Später stellte sich heraus, dass der mutmaßliche Kopf der Entführer, ein Nigerianer namens Khaled al Barnaoui, zu den Gründungsmitgliedern der algerischen „Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf“ gehörte, aus der 2007 Aqim hervorging. Der Bauingenieur, der für den Mannheimer Konzern Bilfinger Berger tätig ist, war im Januar in der Stadt Kano auf einer Baustelle verschleppt worden. Zwei Tage zuvor hatte Boko Haram in Kano ihre bisher blutigste Anschlagsserie verübt, mehr als 200 Personen kamen ums Leben. Seither fehlte von Raupach jede Spur.

Aqim terrorisiert seit sieben Jahren die gesamte Sahelregion. Die Stützpunkte der Terrorgruppe liegen im Norden Malis. Dort versucht die malische Armee mit allen Mitteln, eine Tuareg-Rebellion niederzuschlagen, die mutmaßlich von Aqim-Kämpfern unterstützt wird; der Putsch in Mali vom Mittwoch hängt damit zusammen. Nach verschiedenen Schätzungen kämpfen 500 bis 2000 Mann in den Reihen von Aqim. Die Gruppe hat in den vergangenen Jahren durch die Entführung von Europäern mutmaßlich mehr als 180 Millionen Euro an Lösegeldern eingenommen. Seit 2007 hat die Gruppe 80 Menschen entführt. Sechs davon töteten die Terroristen im Zuge gewaltsamer Befreiungsversuche. Die französische Armee unterstützt sowohl die mauretanischen als auch die nigrischen Streitkräfte massiv im Kampf gegen Aqim; Paris zeigt sich dagegen verwundert über die mangelnde Kooperation der malischen Regierung. Vor zehn Tagen griffen mauretanische Kampfhubschrauber einen mutmaßlichen Aqim-Stützpunkt in Mali an.

Spekulationen, wonach Aqim inzwischen sein Kampfgebiet auf den muslimischen Norden Nigerias ausgedehnt habe und dort gemeinsame Sache mit Boko Haram mache, konnten bislang weder Entkräftet noch bestätigt werden. Fest steht allerdings, dass zwischen den beiden Terrorgruppen ein Austausch besteht. So wurden Dutzende Boko-Haram-Kämpfer von Aqim in Mali trainiert und bewaffnet. Aqim dürfte im Verlauf des libyschen Bürgerkrieges viele Waffen aus der libyschen Armee erbeuten können, darunter nach Erkenntnissen algerischer Dienste auch zahlreiche Boden-Luft-Raketen.

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Terrorhelferin aus Ulm zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt Filiz Gelowicz © ddp images/dapd/Fabrizio Bensch Bilderstrecke 

„Dschihad ist keine Lösung“: Filiz Gelowicz

Vor einem Jahr ist die damals 29 Jahre alte Filiz Gelowicz vom Berliner Kammergericht wegen Unterstützung terroristischer Vereinigungen im Ausland zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Das entsprach dem Antrag des Generalbundesanwalts. Sie konnte nach der Urteilsverkündung das Gericht zunächst verlassen, da keine Fluchtgefahr angenommen wurde. Ihr Ehemann, Fritz Gelowicz, saß zu dieser Zeit schon in Düsseldorf im Gefängnis. Er gilt als Kopf der „Sauerlandgruppe“, die Terroranschläge in Deutschland geplant hatte, und war zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Wie ihr Mann distanzierte sich Frau Gelowicz vom Terror und vom islamistisch begründeten Kampf gegen den Westen: „Dschihad ist keine Lösung“, sagte sie vor dem Berliner Gericht, das sie deshalb zu einer milden Strafe verurteilte.

Bis zu ihrer Festnahme im März 2010 war Frau Gelowicz die fleißige Administratorin eines deutschen Dschihadistenforums gewesen. Sie habe, so die Anklage, „geradezu fanatische Aktivitäten im Internet entwickelt“. Radikalisiert hatte sie sich während des Prozesses gegen ihren Mann, in dessen Pläne sie jedoch wohl nicht eingeweiht war. Mehr als 1000 Propagandabeiträge für Al Qaida, die Islamische Dschihad-Union (IJU) und Deutsche Taliban-Mudschahedin (DTM), hat sie ins Netz gestellt, sie sammelte 3200 Euro an Spenden für terroristische Aktivitäten in Afghanistan. Vor Gericht sagte sie: „Es kommt mir vor, als sei es eine andere Person gewesen, die die Texte geschrieben hat“.

Zu den Verhandlungen des Berliner Kammergerichts erschien Frau Gelowicz fast vollständig verschleiert. Die deutsche Staatsbürgerin türkischer Herkunft aus Memmingen, deren Mann Fritz zum Islam konvertiert war, sagte, mit ihrer radikalen Einstellung und der Werbung für den bewaffneten Kampf habe sie sich und ihrer Religion geschadet. Das Urteil gegen Frau Gelowicz ist inzwischen rechtskräftig, sie hat ihre Strafe – im geschlossenen Vollzug – am 16. September 2011 angetreten. In welcher Haftanstalt sie sitzt, teilt der Generalbundesanwalt nicht mit. (Mechthild Küpper)

Quelle: FAZ.NET

 

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