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Nigeria Flächenbrand

25.01.2012 ·  Was sich seit Dezember vergangenen Jahres im Norden Nigerias abspielt, macht fassungslos. Radikale Islamisten treiben ihr mörderisches Unwesen, der Staat schaut ohnmächtig zu. Der „heilige Krieg“ ist in vollem Gange.

Von Thomas Scheen
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Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass die radikal-islamische Sekte Boko Haram eine ernste Gefahr für die staatliche Ordnung in Nigeria darstellt, dann wurde er am vergangenen Freitag in Kano erbracht: Mehr als zwanzig Explosionen erschütterten die Millionenstadt; die Feuergefechte dauerten mehrere Stunden; mehr als zweihundert Menschen verloren das Leben. Da war nicht ein Haufen Terroristen am Werk, sondern eine kleine Armee.

Was sich seit Dezember vergangenen Jahres im Norden Nigerias abspielt, macht fassungslos. Boko Haram sprengt und mordet offenbar nach Belieben, greift Symbole des Staates an, tötet Christen und setzt den Überlebenden Ultimaten, die Region zu verlassen. Der Staatsmacht gelingt es nicht, dem Treiben Einhalt zu gebieten. Schlimmer noch: Sie wirkt ohnmächtig. Insbesondere Präsident Goodluck Jonathan, ein Christ aus dem Süden Nigerias, scheint überfordert zu sein mit dem Terror im eigenen Land.

Seine Dienste wissen nichts über die Gruppe: weder, wer sie leitet, noch wie viele Kämpfer sie hat, noch woher das Geld stammt. Jonathans nebulöse Andeutung, Boko Haram werde aus dem Regierungsapparat unterstützt, war nicht dazu angetan, ihn als Herrn des Geschehens darzustellen. Wenn die Behauptung zutrifft, warum wird dann niemand verhaftet? Die Antwort auf die Frage ist die Rechtfertigung Boko Harams für den eigenen „Kampf“: In Nigeria ist alles mit Geld zu regeln, eine unabhängige Justiz gibt es nicht.

Der Wandel Boko Harams von einer irrlichternden Sekte zu einer gefährlichen, gut organisierten Terrorgruppe scheint die alte Vorhersage Usama bin Ladins, dass Nigeria reif sei „für den Sturm“, Wirklichkeit werden zu lassen. Die Annahme, die Angriffe besonders auf Christen seien der Anfang vom Ende der nigerianischen Bundesrepublik, ist vielleicht übertrieben. Gleichwohl reicht in diesem Land mit siebzig Millionen Muslimen und ebenso vielen Christen meist ein Funke, um beide Gruppen aufeinander losgehen zu lassen.

Darauf zielt Boko Haram mit der Vertreibung und den ethnisch-religiösen „Säuberungen“. Viele Christen im Norden wollen inzwischen nur noch weg aus diesem tödlichen Umfeld – Muslime im Süden des Landes wappnen sich gegen Vergeltungsakte. Die Unfähigkeit des Sicherheitsapparates, dem Spuk ein Ende zu bereiten, kommt dabei einer Einladung gleich, sich selbst zu bewaffnen. Boko Haram richtet ein blutiges Chaos an; es soll einem islamischen Kalifat im Norden Nigerias den Weg bereiten. Was die Gruppe so gefährlich macht, ist ihr strategisches Vorgehen; damit stellt sich die Frage, wer ihnen das beigebracht hat.

Al Qaida sucht ein neues Aufmarschgebiet

Die Professionalisierung von Boko Haram legt jedenfalls den Verdacht nahe, dass Afrika zum neuen Ziel von Terrorreisenden aus Pakistan geworden ist. Al Qaida sucht ein neues Aufmarschgebiet. Mittlerweile erstreckt sich ein Riegel von Mauretanien im Westen Afrikas über Algerien, Mali und Niger bis in den Tschad; dort verbeitet die Terrorgruppe „Al Qaida au Maghreb islamique“ (Aqmi) Angst und Schrecken.

Nun kommt auch der Norden Nigerias hinzu, der an Niger angrenzt, ein Land, das unfreiwillig zur Transitzone für in Libyen erbeutete Waffen geworden ist. In Sudan, wo Bin Ladin einst Unterschlupf fand und von wo aus er seine „Revolution“ zunächst nach Libyen zu exportieren suchte, ist sein damaliger Schutzherr, der ehemalige Parlamentspräsident Hassan al Turabi, nach wie vor ein mächtiger Politiker. Weiter im Osten, in Somalia, herrscht die Terrorgruppe Al Shabaab, die Al Qaida-Filiale am Horn von Afrika, die den Krieg nach Kenia und Uganda tragen will, weil diese beiden Länder sich den Terroristen militärisch entgegenstellen. In Ägypten haben die Islamisten gerade einen großen Wahlerfolg erzielt; und im „neuen“ Libyen tauchen die ersten Terrorzellen auf. Es ist nicht so, als ob Afrika der „Heilige Krieg“ drohe. Er ist bereits in vollem Gange.

Christen und Muslime sind unzufrieden

45 bis fünfzig Prozent der Afrikaner sind Muslime. Und sie sind, wie die Christen übrigens auch, unzufrieden mit ihren Lebensumständen: mit der Korruption, dem Fehlen von Rechtssicherheit, der Armut, den bestenfalls dürftigen Entwicklungschancen. Länder wie Niger, Mali oder Mauretanien werden von Muslimen regiert, womit das Argument der Islamisten, einen neuen Staat auf der Grundlage des Korans zu schaffen, an Wucht verliert. In Nigeria indes stellt sich das anders dar. Dort wird die Schuld für die eigene Armut gerne dem wirtschaftlich stets bevorzugten Süden und damit den Christen in die Schuhe geschoben, obgleich es Diktatoren aus dem Norden waren, die das Land besonders gründlich ausgeplündert haben.

Die einzige Möglichkeit, den sich abzeichnenden Flächenbrand einzudämmen, ist die spürbare Verbesserung der Lebensbedingungen; sie würde denjenigen, die um die Unzufriedenen werben, den Boden entziehen. Doch mehr als fünfzig Jahre nach Erlangen der Unabhängigkeit steht die Mehrheit der Nigerianer wirtschaftlich und sozial schlechter da als je zuvor. Dass sich das alsbald ändern wird, steht leider nicht zu hoffen.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

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