Die Gewalt im Norden Nigerias droht außer Kontrolle zu geraten. Mittlerweile verübt die islamistische Terrororganisation Boko Haram fast täglich Terroranschläge. Jugendliche Christen und Muslime massakrieren sich wechselseitig. Zu befürchten ist mehr denn je ein Religionskrieg, dessen Ursache allerdings nicht unbedingt konfessionelle Wurzeln hat.
Am Sonntag sprengte Boko Haram im Bundesstaat Kaduna binnen einer Stunde drei Kirchen in die Luft. Unmittelbar daraufhin errichtete ein Mob christlicher Jugendlicher Straßensperren, an denen Muslime willkürlich ermordet wurden, und zündete Moscheen an. Dabei sollen nach jüngsten Angaben örtlicher Rettungskräfte mindestens 100 Menschen getötet worden sein. Am Dienstag griff Boko Haram in der Stadt Damuturu im nahegelegenen Bundestaat Yobe mehrere Stützpunkte der Polizei und des Militärs an. Mindestens 40 Zivilisten und fünf Sicherheitskräfte wurden hier getötet. Die Behörden Yobes (von hier stammt der 2009 in Polizeigewahrsam ermordete Gründer Boko Harams) verhängten eine 24 Stunden währende Ausgangssperre. Das führte zu neuen Protesten.
Wie Krankenhauspersonal in Damaturu berichtete, konnten Tote wegen der Ausgangssperre nicht geborgen werden. Angehörige konnten ihre Verwandten nicht begraben, was Muslime binnen eines Tages tun sollten. Dies rief weitere Proteste hervor, auch in Kaduna. Muslime zogen durch die Straßen und zündeten Geschäfte christlicher Ladenbesitzer und mindestens eine Kirche an. In Kaduna explodierte am Dienstag eine weitere Bombe auf einem Markt. Auch dort wurde die vollständige Ausgangssperre um einen Tag, bis Mittwoch, verlängert. In den Bundesstaaten Yobe, Borno, Plateau und Niger gilt sie nach Einbruch der Dunkelheit ohnehin schon seit Dezember vergangenen Jahres, als dort in der Weihnachtszeit mehr als hundert Menschen getötet worden waren. Die Unruheregion liegt in der Pufferzone zwischen dem vornehmlich von Muslimen bewohnten Norden und dem Süden, in dem vor allem Christen leben. Allein in diesem Jahr dürfte Boko Haram etwa 600 Menschen getötet haben.
Vorbild Niger-Delta?
Der Gouverneur des benachbarten Bundesstaates Niger, Babangida Aliyu, warnte am Dienstag davor, nur Boko Haram für die Gewalt verantwortlich zu machen: „Der Raffinesse der Anschläge nach muss es noch eine Kraft dahinter geben.“ Gegenüber der in Abuja erscheinenden Zeitung „Leadership“ vermutete er, dass bestimmte Interessengruppen damit die Wirtschaft schwächen wollten. Der Gouverneur von Kaduna, Patrick Yakowa, sagte, dass die Probleme nicht lokaler, sondern nationaler Natur seien.
Viel spricht dafür, dass beide Gouverneure Recht haben. Politiker könnten unter dem Deckmantel Boko Haram alte Rechnungen begleichen oder Machtansprüche durchsetzen. Arbeitslose Jugendlicher lassen sich dafür offenbar leicht rekrutieren. Sie sind wütend auf die korrupte Regierung, die trotz milliardenschwerer Öleinnahmen zwei Drittel der Bevölkerung in bitterer Armut hält. Im Januar sprach Präsident Jonathan aus, was oft vermutet wurde: Boko Haram habe Unterstützer in der Regierung, dem Parlament, der Justiz und den Sicherheitsdiensten. Damit gab er unfreiwillig auch seine eigene Schwäche zu. Wie die nigerianische Zeitung „Vanguard“ berichtete, sollen zumindest Gouverneure in Kano und Bauchi regelmäßig hohe Geldbeträge an Boko Haram gezahlt haben. Nahezu ein Viertel der offiziellen Staatsausgaben fließen in den Sicherheitsapparat. Trotz einer Frühjahrsoffensive haben Armee und Polizei die Region nicht befrieden können.
Diese Entwicklung ähnelt jener im Niger-Delta, dem ölreichen Küstengebiet im Süden Nigerias. Auch dort wurden Banden, Kriminelle und „Befreiungskrieger“ von Politikern und sogar Gouverneuren eingesetzt, um Gegner zu eliminieren, Geld für „Entwicklung“ oder „Sicherheit“ zu bekommen oder zumindest mehr Zugriff auf die Öleinnahmen. Sichtbarstes Zeichen des Machtzuwachses ist Präsident Jonathan selbst, der aus dem Delta stammt. Jahrzehntelang waren die Präsidenten und Militärchefs in Nigeria vorrangig Muslime aus dem Norden. Bereits nach der Wiederwahl Präsident Jonathans im April 2011 kam es in Kaduna und Umgebung zu Ausschreitungen mit hunderten Toten. Jonathan hatte gegen den muslimischen Herausforderer Buhari gewonnen, der immerhin ein Drittel der Wählerstimmen auf sich vereinigen konnte.
Nigerias Senat verabschiedete am Dienstag eine Erklärung, in der jeder Versuch verurteilt wird, „eine Religion gegen die andere auszuspielen“. Konfessionelle Gewalt indes ist weder in Kaduna noch in anderen Bundesstaaten Nordnigerias etwas Neues. So sind in der jetzt umkämpften Region bei Aufständen der radikalislamischen „Maitatsine“-Bewegung Anfang der achtziger Jahre schon mehrere tausend Menschen getötet worden. Der Aufstand richtete sich auch damals vor allem gegen die Regierung.
@Albers: Schwache Argumentation?
Nina Wunderlich (nihao75)
- 20.06.2012, 22:44 Uhr
Schwache Argumentation
Hans Albers (Wizzbyte)
- 20.06.2012, 19:32 Uhr
"Wer hat etwas davon, wenn man die Tatsachen verschleiert?"
Gerhard Katz (spital8katz)
- 20.06.2012, 19:13 Uhr
eine merkwürdige Sache, dieses offenbar dringende Bedürfnis,
andere Gründe zu finden ...
Gabi Heintz (Kolma_Puschi)
- 20.06.2012, 18:21 Uhr
