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Nigeria Angriff aus dem Ungewissen

 ·  Die islamistische Sekte Boko Haram mordet in Nigeria Christen und Polizisten. Um die Gruppe ranken sich Verschwörungstheorien.

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© dpa Letzter Dienst: Katholiken in Madalla in Nordnigeria heben Gräber für die 20 Toten des Bombenanschlags auf eine Kirche am 26. Januar aus.

Das Blut ist noch nicht ganz trocken. Es bildet eine große Lache auf dem Betonboden, die Wand dahinter ist ebenfalls besudelt. Der Angriff der islamistischen Sekte Boko Haram ist erst wenige Stunden her. Die kleine Polizeistation von Naibawa ist eine Ruine. Die Mauern sind rußgeschwärzt, das Wellblechdach geschmolzen durch die enorme Hitze des Brandes, der durch einen Sprengsatz ausgelöst wurde. Die Polizisten, die am Tatort Wache schieben, tragen aus Angst vor weiteren Angriffen lieber keine Uniform mehr. Das Blut stamme von einem der Angreifer, erzählen sie.

„Wir haben erst begriffen, was los ist, als uns die Kugeln um die Ohren flogen“, schildert einer der Polizisten von Naibawa die Schießerei, und in seiner Stimme schwingt Verbitterung. Schließlich liegt die Wache inmitten eines Marktes, und viele der dort lebenden Händler haben die Handynummern der Polizisten. „Niemand hat uns gewarnt“, sagt der Mann und lässt einen naheliegenden Vorwurf im Raum stehen: „Die hatten bewaffnete Posten an allen Straßenecken postiert, das muss Stunden gedauert haben, aber gesehen hat natürlich niemand etwas.“

Der Überfall auf die Wache von Naibawa, einem Ortsteil der nordnigerianischen Millionenstadt Kano, war der sechzehnte Angriff auf eine Polizeistation innerhalb von zwei Wochen. Die Wache liegt an der Zaria Road, einer der wichtigsten Ausfallstraßen der Stadt und damit in einem belebten Viertel. Und trotzdem will niemand die Angreifer kommen sehen haben. „Die haben uns in aller Ruhe eingekesselt“, erzählen die Polizisten, die aus Angst vor Repressalien ihre Namen nicht nennen wollen. Eine Stunde habe das Feuergefecht gedauert, dann war ihre Station durch eine Bombe zerstört, und auf der staubigen Straße lagen vier Tote.

Eine völlig neue Dimension

Kano im muslimisch dominierten Norden Nigerias, die zweitgrößte Stadt des Landes, ist seit nunmehr zwei Wochen Schauplatz eines nichterklärten Krieges zwischen der islamistischen Sekte Boko Haram und den Sicherheitskräften. Die Sekte, deren Name so viel bedeutet wie „Westliche Bildung ist Sünde“, bombt und mordet seit mehr als zwei Jahren, hat christliche Kirchen angegriffen und Biergärten, hat das Bürogebäude der Vereinten Nationen in Abuja gesprengt, hat Politiker und moderate muslimische Kleriker aus dem Hinterhalt erschossen, doch was sich seit dem 20. Januar in Kano abspielt, ist eine völlig neue Dimension. Mit einer kleinen Armee hatte Boko Haram an jenem Freitag zahlreiche Polizeistationen und Regierungsgebäude gleichzeitig angegriffen. Es gab mehr als 200 Tote. Und seither vergeht kaum ein Tag in Kano ohne neue Angriffe.

Die vorläufige Folge ist, dass das Handelszentrum Kano wirtschaftlich zum Stillstand gekommen ist. Die Banken sind geschlossen, viele Läden ebenso, und auf den Straßen patrouilliert die Armee, die in ihrer Hilflosigkeit die Mopedfahrer zwingt, ihre Gefährte an den Kontrollposten vorbeizuschieben, damit die Feuerüberfälle von den Rücksitzen vorbeifahrender Motorräder endlich aufhören. Die einzigen Unternehmer in der Stadt, die gegenwärtig gute Geschäfte machen, sind die Besitzer der Überlandbusse, weil insbesondere Christen aus dem Volk der Ibo die Stadt in Scharen verlassen.

Chinedu Odukwe ist einer von ihnen. Auf dem „Moto Place“ genannten Busbahnhof von Kano wartet er darauf, aufbrechen zu können. Vor dem Bus liegt seine ganze Habe, verpackt in einem Dutzend Plastiksäcken: billige Kleidungstücke aus China, mit denen er seit zehn Jahren in Kano handelt. „Wir fühlen uns nicht mehr sicher hier“, sagt er, und ein zweiter Ibo nickt dazu. Chase Andrews nennt er sich, und Chase ist begierig zu erzählen, warum er es so eilig hat, aus Kano wegzukommen: Sein Bruder ist an jenem verhängnisvollen Freitag, dem Bombentag, wie er in Kano genannt wird, erschossen worden, Kopfschuss. Wer ihn ermordet hat, ob die in Panik geratene Polizei oder Boko Haram, weiß Chase nicht. „Wir sind nicht hier, um zu kämpfen“, sagt er. „Wenn wir nicht mehr willkommen sind, gehen wir.“ Drei Millionen Ibos leben im Bundesstaat Kano, und glaubt man dem Vorsitzenden der Ibo-Gemeinschaft in der Stadt, Chief Leonard Nwosu, sitzen sie alle auf gepackten Koffern.

Boko Haram ist so etwas wie ein Phantom

Es ist die Ungewissheit darüber, aus welcher Richtung der nächste Angriff kommt, die die Menschen in Kano so verängstigt. Denn die Sekte Boko Haram ist so etwas wie ein Phantom. Keiner weiß, wer hinter ihr steckt, keiner weiß, woher die Sekte ihre Waffen hat und wer ihren Kämpfern beigebracht hat, wie man Autobomben baut und Handgranaten verwendet. Es gibt glaubhafte Hinweise auf Kontakte zu der Terrorgruppe „Al Qaida au Maghreb Islamique“ (Aqmi) und zu der Miliz al Shabaab in Somalia.

Gleichwohl propagiert Boko Haram nicht einen weltweiten Dschihad, sondern konzentriert sich ausschließlich auf nigerianische Innenpolitik, auf Korruption und fehlende Gerechtigkeit. Die Sekte droht mit immer neuen Anschlägen und treibt die Sicherheitskräfte Nigerias regelrecht vor sich her. Der nigerianische Präsident Goodluck Jonathan forderte Boko Haram unlängst auf, sich zu erkennen zu geben und Forderungen zu stellen, doch das Verhandlungsangebot wurde ausgeschlagen, solange nicht alle inhaftierten Mitglieder der Sekte freigelassen werden. „Wir werden wieder und wieder angreifen“, drohte der angebliche Führer der Sekte, ein Mann namens Abubakar Shekau, in einer Videobotschaft und erklärte jeden Polizisten, jeden Regierungsvertreter und jedes Mitglied der Vereinigung der Christen in Nigeria zum legitimen Ziel.

Deren Präsident in Kano heißt Ransom Bello, ist selbsternannter Bischof einer Freikirche, trägt ein pompöses goldenes Kreuz an einer dicken Kette um den Hals und einen Schnauzbart mit viel Grau darin. Bello ist bemüht, die Angriffe von Boko Haram nicht zu einer Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen zu stilisieren. „Wir haben keine Probleme miteinander“, sagt er, „ganz im Gegenteil.“ Die muslimischen Würdenträger von Kano bis hinauf zum Emir haben ihn ihrer Unterstützung und Solidarität versichert. „Besonders laut haben die das aber nicht gesagt“, grummelt Bello. Dabei hat Boko Haram angekündigt, Kirchen in Kano anzugreifen. „Das Dumme mit denen ist: Die halten immer Wort“, sagt der Prediger.

Für ihn ist der neue Terror im Norden Nigerias dennoch kein religiöses, sondern ein politisches Problem. Es gehe einfach um Macht, sagt er. Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Norden nicht mit Präsident Jonathan einverstanden ist, weil der den im Amt verstorbenen Präsidenten Yaradua beerbt hat, einen Muslim. Nach den Regeln des politischen Ausgleichs in Nigeria hätte Yaraduas Nachfolger bis zu Neuwahlen ein Muslim sein müssen. Boko Haram als eine Geheimarmee des nördlichen Establishments? Bello wiegt den Kopf. „Wissen Sie, als der Christ Jonathan zum Präsidenten gewählt wurde, haben wir hier im Norden Aussagen gehört, wonach das Land unregierbar gemacht werden soll. Nun sehen wir, dass dies eintrifft.“

Am Ende geht es ums Geld

Abdulahi Askra ist der Korrespondent der Tageszeitung „Blueprint“ und seit einiger Zeit eine bekannte Persönlichkeit im Norden Nigerias. Askra war es, der unlängst in einem Artikel behauptet hat, der ehemalige Gouverneur des Bundesstaates Kano, Malam Ibrahim Shekarau, habe Boko Haram bis zu seiner Abwahl acht Jahre lang jeden Monat zehn Millionen Naira (rund 63.000 Dollar) gezahlt, um Angriffe in seinem Bundesstaat zu verhindern. Der neue Gouverneur habe die Zahlungen eingestellt, und deshalb sei Kano nun zu einem Schlachtfeld geworden. Der beschuldigte ehemalige Gouverneur weist die Vorwürfe zwar energisch zurück, hütet sich aber, die Zeitung wegen übler Nachrede zu verklagen.

Natürlich hat auch der Journalist Askra eine Theorie, wer hinter Boko Haram steht: „Das Establishment im Süden“, sagt er. Seit Jonathans Wahl zum Präsidenten im vergangenen Jahr, so diese Theorie, habe der christliche Süden wieder Oberwasser und betreibe die Abspaltung des Nordens. Das Werkzeug dazu sei Boko Haram, mit deren Angriffen zum einen die Wirtschaft im Norden stranguliert werde und zweitens die Region als rebellisch und vor allem barbarisch gebrandmarkt werden solle, so dass eine Abspaltung unausweichlich sei. Die Konsequenz wäre laut Askra, dass die Öleinnahmen, die allesamt im Süden entstehen, nur noch dort verteilt werden müssten. „Am Ende des Tages geht es in diesem Land doch immer nur um Geld“, sagt Askra.

Das Beruhigende an den vielen Verschwörungstheorien ist, dass alle Nigerianer sich darüber einig sind, dass Boko Haram ein internes politisches Problem ist und zumindest derzeit noch nicht zu einer neuen Filiale von Al Qaida in Afrika herangewachsen ist. Das Beunruhigende daran ist, dass alle Nigerianer ihrer Führung ohne Zögern zutrauen, für einen politischen Vorteil mit dem Feuer zu spielen. Im schwerbewachten Gouverneurspalast wollte sich trotz zahlreicher Anfragen weder der Gouverneur noch sein Stellvertreter zu Boko Haram äußern. Die Nummer drei der Hierarchie, Kabinettschef Yunusa Dangoni, entschuldigte sich mit einer „dringenden Beerdigung“ und nahm anschließend keine Anrufe mehr entgegen.

„Boko Haram ist zu einer Projektionsfläche geworden für alles, was schiefgeht in diesem Land“, erklärt Sule Bello, der an der Universität von Kano Geschichte lehrt. „Jeder hat eine Meinung zu Boko Haram: die Leute im Süden, die den Norden beschuldigen; die Leute im Norden, die den Süden verantwortlich machen; die Christen, die auf die radikalen Muslime schimpfen und die Muslime, die den Christen koloniale Tendenzen unterstellen.“

Polizeigewalt befeuerte den Terror

Dann lacht er schallend. Und kramt in der Kiste des Historikers: Boko Haram, so sagt Sule Bello, war ursprünglich nichts weiter als eine der zahlreichen Koranschule in Nigeria, die sich traditionell gegen das klassische Bildungssystem stellen, weil dieses ein Vehikel der Kolonisation gewesen sei. „Wir haben zwei Sorten Muslime hier“, sagt Bello: „Die ‚staatlichen Muslime‘ wie den Sultan von Sokoto, wobei man ‚staatlich‘ mit ‚gekauft‘ übersetzen kann, und die anderen, die jeden westlichen Einfluss entschieden zurückweisen.“ Zu den „Anderen“ zählt auch die um 2002 gegründete Sekte Boko Haram, die naturwissenschaftliche Erkenntnisse als unislamisch ablehnte, ihren Schülern das Zitieren von Koranversen eintrichterte und sie ansonsten als Analphabeten in die Welt entließ.

Die Sache lief aus dem Ruder, als die Polizei 2009 mit roher Gewalt gegen Sektenmitglieder vorging, die sich weigerten, beim Motorradfahren einen Helm zu tragen. Dann wurde ein Beerdigungszug der Sekte gewaltsam aufgelöst. Es gab Tote. Als Reaktion darauf überfiel die Sekte noch im gleichen Jahr zahlreiche Polizeistationen in der Stadt Maiduguri, in der sie entstand. Es folgten Straßenschlachten, in deren Verlauf mehr als 800 Menschen umkamen, darunter auch der Gründer von Boko Haram, Mohammed Yusuf, der in Polizeigewahrsam gelyncht wurde. Seither läuft die Sekte Amok.

„Aus Sicht dieser Menschen ist das, was wir ein demokratisches System nennen, nichts anderes als eine repressive Diktatur“, sagt Sule Bello. „Dieses System verspricht Meinungs- und Religionsfreiheit, doch wendet Gewalt gegen Andersdenkende an. Daraus entsteht Gegengewalt.“ Interessant ist, dass es in den wenigen bekannten Forderungen von Boko Haram immer nur um die Freilassung der inhaftierten Sektenmitglieder geht, darunter Ehefrauen und Kinder. Der Anspruch der Sekte, im Norden Nigerias die islamische Rechtssprechung Scharia durchsetzen zu wollen, erklärt sich für Bello genau aus diesem Umstand: „Diese Menschen haben keine Bildung jenseits des Korans. Gerechtigkeit für sie ist deshalb nicht ein weltliches Gericht, worunter sie sich ohnehin nichts vorstellen können, sondern einzig die Scharia.“

Nigerianische Politiker oder Al Qaida?

Ahmad Suleiman trägt neuerdings nur noch die wallenden Gewänder, die im Sahel zum Straßenbild gehören. „In einem Anzug hält mich Boko Haram möglicherweise noch für einen Regierungsvertreter“, erklärt der Menschenrechtsanwalt seine Verkleidung. Suleiman erscheint mit zahlreichen Büchern bewaffnet zu dem Termin, dicke Wälzer über die prekäre Lage der Menschenrechte in Nigeria. „Hier“, sagt er, und schlägt eines der Bücher auf: „Nigeria hat alle Konventionen zur Wahrung der Menschenrechte ratifiziert, alle ohne Ausnahme, und dennoch wird in diesem Land eine Politik des ‚Zuerst schießen, danach fragen‘ praktiziert.“ Genau das sei damals in Maiduguri passiert. „Statt das spirituelle Oberhaupt der Sekte vor ein Gericht zu stellen, wird der Mann einfach von der Polizei in der Haft erschossen. Wie sollen seine Anhänger darauf reagieren?“, fragt er und verortet das Grundübel für diese menschenverachtende Haltung in der politischen Klasse Nigerias.

„Hier ist doch keiner für irgendetwas verantwortlich, und jeder macht, was er will“, sagt Suleiman und deutet aus dem Fenster seines kleinen Büros auf die Straße hinaus, dorthin, wo Hunderte von Jugendlichen versuchen, mit dem Verkauf von Wasserflaschen, Kaugummis und Sonnenbrillen ein karges Auskommen zu finden. „Die haben alle keine Zukunft, weil dieses Land sich aufgrund der bodenlosen Korruption nicht entwickelt, und diese jungen Menschen wissen das ganz genau. Das ist doch ein gefundenes Fressen für jeden Rattenfänger, egal, ob er sich Boko Haram nennt oder Al Qaida“, glaubt Suleiman.

Der letzte Versuch, mit Boko Haram ernsthaft ins Gespräch zu kommen und die Spirale der Gewalt zu beenden, geht auf den ehemaligen Präsidenten Olusegun Obasanjo zurück. Der war im September vergangenen Jahres nach Maiduguri zur Familie des getöteten Anführers Mohammed Yusuf gereist und hatte „Entschädigung“ in Form von Blutgeld angeboten. Wenige Tage später wurde der Schwager von Yusuf erschossen, woraufhin der Deal platzte. Wer den Mann ermordete, ist bis heute nicht geklärt. Fest steht nur, dass irgendjemand ein handfestes Interesse an einer Radikalisierung von Boko Haram hat. Das können nigerianische Politiker sein. Das kann aber auch Al Qaida sein.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

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