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Niger Ehemalige Sklavin erhält Entschädigung

Das Urteil könnte befreiende Wirkung haben: In Niger entschied ein Gericht der Wirtschaft- und Währungsunion westafrikanischer Staaten (Ecowas) zugunsten einer versklavten Frau - und verurteilte den Staat, ihr 15.000 Euro Schadensersatz zu zahlen.

© AFP Vergrößern Adidjatou Mani Koraou mit Kind

Ihr Preis war knapp 370 Euro. Dafür war Adidjatou Mani Koraou im Alter von zwölf Jahren von einem Tuareg verkauft worden. Fortan hatte sie ihrem neuen Besitzer, einem Mann aus Birni N'Konni im Süden Nigers, zu dienen - als billige Arbeitskraft und als Sexualobjekt.

Thomas Scheen Folgen:    

Sie musste putzen, kochen und Felder bestellen. Und wenn ihr Herr seiner anderen vier Frauen überdrüssig war, musste sie ihm auch für Sex zur Verfügung stehen. Das erste Mal vergewaltigt wurde sie mit 13 Jahren. Und manchmal sei sie so schlimm geschlagen worden, dass sie zu ihren Eltern geflohen sei. Doch die konnten sie nicht beschützen. Selbst Sklaven, gehörte ihre Tochter nicht ihnen, sondern ihrem Besitzer.

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„Freiheitszeugnis“ vom Besitzer

Zwei Kinder bekam Adidjatou von ihrem „Besitzer“, bevor sie sich zu wehren begann. Als sie erfuhr, dass Sklaverei illegal ist in ihrem Land Niger, zog sie mithilfe der nigerischen Hilfsorganisation Timidria vor lokale Gerichte und bekam Recht. Da war sie 22 Jahre alt und sagte, sie tue das um ihrer Kinder Willen, die nicht so heranwachsen sollen wie sie.

Ihr Besitzer, der es mit der Angst zu tun bekommen hatte, stellte ihr ein „Freiheitszeugnis“ aus. Die Rechtslage in Niger war nach der Unterstrafestellung von Sklaverei aus dem Jahre 2005 eindeutig: Wer Menschen als Sklaven hält oder Menschen wie Sklaven verkauft, riskiert zwischen fünf und 30 Jahren Gefängnis. Nunmehr frei, verliebte sich Adidjatou in einen anderen Mann, doch als die beiden heiraten wollten, was die beiden Kinder unwiderruflich dem Zugriff ihres leiblichen Vaters entzogen hätte, meldete der sich wieder und bezeichnete Adidjatou als seinen „Besitz“.

Die junge Frau heiratete trotzdem und wurde prompt der Bigamie bezichtigt und von einem Provinzgericht zu sechs Monaten Haft verurteilt. Adidjatou klagte abermals, doch dieses Mal vor einem Gericht der Wirtschaft- und Währungsunion westafrikanischer Staaten (Ecowas) und Beklagter war nicht ihr ehemaliger Besitzer, sondern der Staat Niger, der es unterlassen habe, sich vor der Sklaverei zu schützen. Das mobile Gericht der Ecowas gab ihr am Montag in der nigerischen Hauptstadt Niamey Recht und verurteilte den Staat bei gleicher Gelegenheit, der jungen Frau umgerechnet 15.000 Euro Schadensersatz zu zahlen.

Stärkung der Rechte von Sklaven

Das Urteil der Ecowas-Richter ist nicht nur für die Regierung Nigers peinlich. Es ist geeignet, Rechtsgeschichte zu schreiben. Nunmehr kann jeder Sklave zwischen Nouakschott und Abéché das Ecowas-Gericht anrufen und seine Regierung damit in die Bredouille bringen. Denn obwohl die Sklaverei überall in Afrika verboten ist, blüht sie speziell im Sahel und dort ganz besonders bei den Tuaregs und anderen arabischen Volksgruppen. In Mauretanien ist Sklaverei ebenso verbreitet wie in einigen Gegenden Malis, Nigers, Tschads und Sudans.

Wie damit aber umgegangen wird, zeigt das Beispiel des nigerischen Staates. Auf bis zu 200.000 Menschen schätzen Hilfsorganisationen vor drei Jahren allein in Niger die Zahl der Sklaven. Die Regierung bestritt dies und ließ zwei namhafte Mitglieder der Anti-Sklaverei-Organisation Timidria wegen angeblicher „Erpressung“ vorübergehend einkerkern. 2007 gab die Regierung eine eigene Studie über das Ausmaß der Sklaverei in Auftrag. Die Ergebnisse aber wurden nie veröffentlicht. Gleichzeitig verbot die Regierung Feiern zur Freilassung von Sklaven aus Sorge um das internationale Ansehen Nigers. „Die Sklaverei ist eine Realität in Niger“, sagt etwa der ehemalige Kommunikationsminister und heutige Hochschulprofessor El Back Adam, „aber wir tun so, als ob uns das nichts angehe.“

Dabei reicht ein Besuch im Norden Nigers, um eine ungefähre Vorstellung vom Ausmaß des mittelalterlichen Menschenhandels zu bekommen. Man muss den Menschen nur auf den Kopf und auf die Füße schauen. Sklaven unterscheiden sich äußerlich von ihren „Besitzern“ zum einen durch die Art, wie sie ihren Turban binden und zum anderen durch ihr Schuhwerk. Wer Schuhe oder Sandalen trägt, ist frei. Wer barfuß geht, ist häufig das Gegenteil. Bei den Tuaregs dürfen Sklaven nämlich nur mit Erlaubnis ihres „Besitzers“ Schuhe tragen. Man trifft viele barfüssige Menschen in der Gegend von Tahoua.

Quelle: FAZ.NET

 
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