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Niederlande Das linke Hobby von Geert Wilders

27.02.2010 ·  Mit Islamfeindlichkeit ist Geert Wilders populär geworden. Nun umgarnt er mit sozialen Versprechen enttäuschte Anhänger der Arbeiterpartei. Bei der Parlamentswahl im Juni hofft seine Partei so, stärkste Kraft zu werden.

Von Andreas Ross, Almere
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Geert Wilders eine Frage stellen – wann geht das schon? Seine PVV, die niederländische Freiheitspartei, organisiert nur eine Handvoll Bürgertreffen im Jahr. Wer kommen will, muss sich online bewerben: Freiwillige@pvv.nl heißt die Adresse übersetzt. Wer kommen darf, bekommt eine Mail von Wilders mit der Hausordnung: Ganzkörperkontrollen; keine Kameras; wer zu spät kommt, bleibt draußen; absolutes Rauchverbot; alle Jacken und Taschen sind an der Garderobe abzugeben; für an der Garderobe abgegebene Gegenstände wird nicht gehaftet.

Manche reisen trotzdem von weither an. Je weiter der Bus mit der Nummer 5 in der Dämmerung die blassgrünen Wohnblocks des „Literatenviertels“ von Almere hinter sich lässt und unerklärliche Haken im Niemandsbauland schlägt, desto mehr verunsicherte Fahrgäste fragen beim Busfahrer nach, wohin es denn gehe. Aber dann taucht der riesenhafte schwarze Quader des „Topsportcentrum“ doch noch auf. Flutlicht bescheint leere Parkplätze. Spürhunde schnüffeln.

Rund 150 Menschen stehen im kalten Winterregen Schlange an der Sicherheitsschleuse. In ein paar Jahren sollen rund um die Turnhalle Tausende Häuser stehen. Amsterdam ist nicht weit, Utrecht auch nicht. Almere ist deshalb die am schnellsten wachsende Stadt des Landes. Noch schneller wächst in Holland nur die PVV, die durch die schrillen islamfeindlichen Sprüche ihres Vorsitzenden Geert Wilders auch im Ausland oft Aufsehen erregt. Nach dem Kollaps der Koalition von Ministerpräsident Jan Peter Balkenende hofft sie, bei der Parlamentswahl im Juni stärkste Partei zu werden. Aber kommenden Mittwoch werden erst einmal Kommunalwahlen abgehalten. Die 2006 gegründete Freiheitspartei tritt nur in zwei Städten an. Umfragen sagen ihr in Almere einen Sieg mit 30 Prozent der Stimmen voraus.

Die obersten fünf Zentimeter sind eine blondierte Fönfrisur

Im Saal lodert Kaminfeuer auf Flachbildschirmen. Als Wilders sein Manuskript mit den flotten Sprüchen, forschen Versprechungen und hämischen Pointen fertig verlesen und dem Publikum seine acht Haager Fraktionskollegen vorgestellt hat, kann man Fragen stellen. Nun geht er mit dem Mikrofon durch die Reihen. „Der ist ja noch größer als im Fernsehen“, wird getuschelt. Die obersten fünf Zentimeter sind allerdings blondierte Fönfrisur. Junge und Ältere, Dreher und Musiklehrer, Kleinunternehmer und Arbeitslose melden sich. Wie man sich die geforderten Stadt-Milizen vorzustellen habe? Wann man marokkanische Unruhestifter endlich abschieben werde? Wie Wilders denn die Schulen retten wolle? Ob man als weiße Geringverdienende nicht irgendwo billig leben könne, ohne sich gleich in Klein-Afrika zu wähnen? Wer dem kleinen Mann helfe, wenn er seine Interessen vor Gericht durchsetzen müsse? Wann man endlich staufrei zur Arbeit komme? Und was würde unter Wilders aus dem Königshaus?

Wilders zögert nie: „Martijn, du bist dran.“ Denn zu jeder Frage gibt es den passenden Ansprechpartner in der Fraktion. Das ist die Botschaft: Wir können alles, nicht nur Islambekämpfung. Viele Antworten laufen allerdings darauf hinaus, man werde weniger Geld für Ausländer („linke multikulturelle Hobbies“) ausgeben und dadurch mehr für Bildung, Straßen- und Wohnungsbau oder drastische Steuersenkungen übrighaben. Über Wilders‘ Grundthese, der Islam sei eine faschistische Ideologie, will hier jedoch niemand lange reden.

Die Selbstbeschränkung des in der PVV unumschränkt herrschenden Parteiführers auf die Moderatorenrolle ist an diesem Abend aber auch ein Ergebnis seiner Kontrollsucht. Denn anders als bei früheren PVV-Veranstaltungen mussten in Almere die Fernsehkameras nicht vor der Tür bleiben. Vor deren Linsen will sich Wilders keine Blöße geben. Wenn es nur einer seiner Leute ist, der einer Bürger-Frage ausweicht, wird das sowieso nicht gesendet. Bei ihm wäre es ein gefundenes Fressen, zumal für den „elenden“ öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dessen Abschaffung Wilders gerade erst wieder gefordert hat.

Hauptanliegen: Den Sozialdemokraten das Wasser abgraben

Die Wilders-Nachricht, die sich wunschgemäß am nächsten Tag auf den Titelseiten der Zeitungen findet, hat er schon in seiner Rede geliefert: Ja, in Almere und Den Haag wolle die PVV künftig mitregieren. Und ja, sie sei dazu natürlich zu Kompromissen bereit. Nur eine einzige Forderung sei unumstößlich: Ein absolutes Kopftuchverbot nicht nur in allen Gemeindebehörden, sondern auch in sämtlichen Vereinen und Stiftungen, „die auch nur einen Cent von der Stadt bekommen“. Wie ein Mann erhebt sich die Fraktion hinter dem Rednerpult zum Applaus. Gut die Hälfte der Leute im Saal stimmt in den Jubel ein.

Jenseits von Almere bewegt die Holländer mehr, ob es der PVV nach der Parlamentswahl im Juni gelingen könnte, das Land mitzuregieren. Die Sozialdemokraten haben alle Parteien aufgerufen, das klipp und klar auszuschließen. Balkenendes Christliche Demokraten halten das aber öffentlich für undemokratisch und intern für taktisch dumm. Der unbeugsame Wilders jedenfalls erklärt sich seit einigen Tagen für kompromissfähig. Doch auch auf nationaler Ebene gebe es eine Sache, die nicht verhandelbar sei. Das Verbot des Koran? Der Einwanderungsstopp? Die Kopftuchsteuer gar? Nein: Das Renteneintrittsalter dürfe auf keinen Fall auf 67 Jahre erhöht werden, wie es die gescheiterte Regierung aus Konservativen und Sozialdemokraten vorhatte.

Als er Ende der neunziger Jahre in die Politik ging, war es noch Wilders‘ wichtigstes Anliegen, den Wohlfahrtsstaat zurückzudrängen. Nun scheint er entschlossen zu sein, den katastrophal dastehenden Sozialdemokraten und zurückschrumpfenden Sozialisten vollends das Wasser abzugraben. Dazu vereinnahmt er sogar den Nachkriegsministerpräsidenten Willem Drees, der für die niederländische Arbeiterpartei so identitätsstiftend ist wie Willy Brandt für die SPD. „Bei uns“, ruft Wilders im Topsportcentrum von Almere, „ist Väterchen Drees‘ Erbe in guten Händen.“ Diesmal jauchzt der Saal schneller, als die Fraktionsclaqueure aufspringen können.

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Jahrgang 1975, Redakteur in der Politik.

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