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Niederlande : Angst vor einem Film, den noch niemand kennt

Geert Wilders: Schürt Stimmung gegen die EU, gegen Sittenverfall und Kriminalität, vor allem aber gegen Muslime Bild: picture-alliance/ dpa

Der ausländerfeindliche Abgeordnete Wilders plant ein Video über den Koran. Die niederländische Regierung befürchtet deshalb Unruhen im In- und Ausland. Diplomaten und Bürgermeister sollen nun schon vor der Veröffentlichung die Wogen glätten.

          Die Kunst der Geheimhaltung beherrscht Geert Wilders besser als die Regierung. Nur Andeutungen macht der ausländerfeindliche Parlamentsabgeordnete seit zwei Monaten über das Video, das er noch im Januar veröffentlichen will. Ende November ließ er durchsickern, er arbeite an einem Film über den Koran. Er wolle darin zeigen, dass der Koran „kein altes, verstaubtes Buch“ sei, sondern „Anleitung und Inspirationsquelle für Intoleranz, Mord und Terror“. Kurz vor Weihnachten versprach er dann den filmischen Beleg für seine Behauptung, das heilige Buch der Muslime sei „faschistisch“. Nur „rund zehn Minuten“, so wissen die Holländer seit Jahresbeginn, soll das Video dauern.

          Andreas Ross

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Aus dem zwanzigseitigen Dokument mit dem Stempel „Staatsgeheimnis“ dagegen, in dem die Regierung die Bedrohung durch Wilders' Filmprojekt analysiert und Gegenmaßnahmen erörtert, ist in der niederländischen Presse ausführlich zitiert worden. Von den Polizeichefs bis zum Nationalen Antiterrorkoordinator sind die wichtigsten Sicherheitsleute damit befasst, Krisenszenarien zu entwerfen. Zwar kennen auch sie den Film nicht. Doch sie kennen Geert Wilders, dessen Rund-um-die-Uhr-Bewachung sie aufgrund ungezählter Todesdrohungen seit gut drei Jahren organisieren müssen; sie kennen seinen Kampf gegen den „Tsunami der Islamisierung der Niederlande“, seine Parolen der Art „Ausweisung statt Einwanderung“ und seine Streitlust, die ihn im jüngsten Sommerloch fordern ließ, den Koran als faschistisches Buch wie Hitlers „Mein Kampf“ zu verbieten.

          Und sie wollen aus zwei bitteren Erfahrungen gelernt haben: Im November 2004 wurde Theo van Gogh von einem Islamisten getötet, weil er nach dem Drehbuch der islamkritischen Abgeordneten Ayaan Hirsi Ali den Film „Submission“ gedreht hatte. 2005 wiederum wurden mehr als 100 Menschen in vielen Ländern getötet, nachdem sich an satirischen Mohammed-Darstellungen in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ der sogenannte Karikaturenstreit entzündet hatte.

          In seinem Film fordert Wilders ein Verbot des Korans
          In seinem Film fordert Wilders ein Verbot des Korans : Bild: AP

          Notfallpläne im In- und Ausland

          Deshalb hat das niederländische Außenministerium alle Botschafter in islamischen Ländern aufgefordert, sich schon jetzt bei den örtlichen Autoritäten im Namen der Regierung von dem Film zu distanzieren. Die Diplomaten wurden angehalten, die Sache mit der Meinungsfreiheit dabei noch einmal zu erläutern. Zudem sollen die Botschaften ihre Sicherheitsvorkehrungen verstärken. In einigen Staaten wurden schon niederländische Staatsangehörige kontaktiert, um Evakuierungspläne zu besprechen.

          Zugleich erging ein Schreiben an alle Bürgermeister. Darin schreibt Innenministerin Ter Horst, dass Wilders ihr und Justizminister Hirsch Ballin bestätigt habe, er werde in dem Film seine „Standpunkte über den Koran auf beleidigende Weise vortragen“. Das Risiko von Unruhen im In- und Ausland, aber auch die verschärfte Gefahr für ihn selbst sei dem Abgeordneten bewusst. Die Regierung werde öffentlich reagieren, sobald der Film veröffentlicht wird. Da aber schon die Ankündigung des Films „zu gesellschaftlichen Unruhen und Spannungen zwischen Bevölkerungsgruppen“ führen könne, seien auch die Bürgermeister gefordert, in Gesprächen mit Bürgern und besonders Vertretern der muslimischen Gemeinden die Wogen zu glätten.

          Die Gefahreneinschätzung bestätigte am Wochenende der Ministerpräsident. Es könne auf den Film, den er noch nicht beurteilen könne, weil er ihn nicht kenne, Reaktionen geben, sagte Jan Peter Balkenende, welche der Wirtschaft, der Sicherheit und der öffentlichen Ordnung schaden könnten. Es heißt, niederländische Unternehmen überlegten bereits, wie sie mit einem Boykott umgehen könnten. Der aus Marokko stammende Staatssekretär im Sozialministerium, Ahmed Aboutaleb, hat angeboten, im Ausland auf Arabisch zu erklären, „warum Wilders' Film in Holland gezeigt werden darf“.

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