02.04.2009 · Für Nicolas Sarkozy ist der Nato-Jubiläumsgipfel eine jener diplomatischen Sternstunden, in denen er seine Selbstverwirklichung als Oberhaupt der Franzosen findet - und eine Gelegenheit, sich auf dem internationalen Parkett in Szene zu setzen.
Von Michaela Wiegel, StraßburgUnter blau-weiß gefärbtem Himmel, auf einer Brücke über dem Rhein schickt sich Nicolas Sarkozy an, sein außenpolitisches Gelübde abzulegen: volle Integration in die westliche Militärallianz und enger Schulterschluss mit Deutschland. Für den 54 Jahre alten Präsidenten ist der Nato-Jubiläumsgipfel eine jener diplomatischen Sternstunden, in denen er seine Selbstverwirklichung als Oberhaupt der Franzosen sucht. Sarkozys Kurs trägt, besonders wenn er von dem seiner Vorgänger abweicht, stets eine markant autobiographische Handschrift.
Der Sohn eines ungarischen Adeligen, welcher vor dem Kommunismus flüchtete, hat es nie akzeptiert, Frankreichs tiefe Verwurzelung in der transatlantischen Schicksalsgemeinschaft hinter dem gaullistischen Vorhang der nationalen Unabhängigkeit verbergen zu müssen. Deshalb hat er, der im Wahlkampf flammende Hymnen auf de Gaulle hielt, den Widerstand der altgaullistischen Garde in seiner Partei schlicht ignoriert. Auf die sozialistische Opposition, zu deren Zerschlagung er maßgeblich beigetragen hat, nimmt er ohnehin keine Rücksicht mehr.
Die Bundeskanzlerin als bessere Hälfte
Im politischen Werdegang Sarkozys lässt sich seine Neigung, sich auf dem internationalen Parkett in Szene zu setzen, nicht erahnen. Sarkozys Horizont ist lange vornehmlich national, reicht von der großbürgerlichen Bastion Neuilly-sur-Seine bis ins Hauptquartier der neogaullistischen Partei in der Pariser Rue de Lille. Auslandserfahrungen als Jurastudent oder später als Wirtschaftsanwalt sammelt Sarkozy nicht. Überhaupt bringt er fremden Kulturen und Sprachen nur mäßiges Interesse entgegen, lernt nicht des Vaters Muttersprache Ungarisch und auch Englisch mehr schlecht als recht.
Seine unbändigen Energien verbraucht er als Superbürgermeister in seiner Wahlheimat Neuilly, als Budgetminister seines damaligen Mentors, Premierminister Balladur, und später als Innenminister Chiracs. Den Wahlkampf gewinnt Sarkozy mit innenpolitischen Themen und geringem außenpolitischem Profil. So überrascht es nicht, dass der neue Präsident im Mai 2007 jenen Mann zu seinem diplomatischen Chefberater wählt, dessen Rat schon Jacques Chirac nicht hatte missen wollen, Jean-David Levitte.
Hat Sarkozy sich anfangs mit seiner „Diplomatie der Öffnung“ noch peinliche Blößen gegeben, etwa als sein libyscher Gast Gaddafi sein Zelt am Elysée-Palast aufschlug, punktet der Präsident jetzt vor heimischer Kulisse vor allem in der Außenpolitik. Beim Mittelmeergipfel in Paris kürte sich Sarkozy zum Mittler in Nahost, der Syrien die Tür zur diplomatischen Anerkennung und dem Libanon eine neue Perspektive der staatlichen Eigenständigkeit öffnete. Während der EU-Ratspräsidentschaft katapultierte er sich zum Chefunterhändler auf dem Kaukasus und zum Wortführer in der internationalen Finanzkrise. Den Franzosen gefallen Sarkozys Auftritte als Weltenlenker noch besser, seit er mit Bundeskanzlerin Merkel zusammengefunden hat. Deshalb kann Sarkozy sich des Erfolgs seines Gastgeberpaars beim Jubiläumsgipfel so gut wie sicher sein – mit der Bundeskanzlerin als der besseren Hälfte.