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Nicolas Sarkozy : Der Präsident der Kamerascheinwerfer

Duzt die meisten der über ihn berichtenden Journalisten: Nicolas Sarkozy Bild: AFP

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat mit strategischem Weitblick schon als junger Politiker auf die Kontakte zu Wirtschaftsbossen gesetzt. Die engen Kontakte zu Frankreichs Medienunternehmern eröffnen ihm auch einen politischen Spielraum.

          Im Festsaal des Elysée-Palastes strahlen die Kamerascheinwerfer heller als die Kronleuchter: Nicolas Sarkozy, der Medienpräsident, hat sich ein Stelldichein mit der Presse organisiert, und auch er strahlt, voll der Vorfreude. Kaum ein Termin erfüllt den Präsidenten so sehr wie seine mit dem Wort Pressekonferenz nur schlecht bezeichneten Auftritte vor Journalisten. Er führt seine „Sarko-Show“ mit dem strotzenden Selbstbewusstsein des Profis auf, der selbst erfahrenen Kommentatoren die Contenance zu rauben vermag. Kein Wortscharmützel endet, bevor Sarkozy das letzte Wort gesprochen hat, die Lacher auf seiner Seite.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die meisten der Journalisten, die täglich über ihn berichten, duzt Sarkozy; daran hat sich seit seiner Wahl nichts geändert. Er spricht mit ihnen wie ein Kumpel, nur Fremde redet er mit „Monsieur“ oder „Madame“ an. Grenzen setzt Sarkozy seinen Duzfreundschaften mit den Journalisten dann, wenn ihm die Vertraulichkeit ungemütlich wird. „Es ist ulkig, ich kenne alle eure Arbeitgeber“, sagte er einmal drohend-spöttisch den um sich versammelten Berichterstattern.

          Schon früh auf Kontakte zu Wirtschaftsbossen gesetzt

          Sarkozy hat mit strategischem Weitblick schon als junger Bürgermeister des vornehmen Pariser Vorortes Neuilly-sur-Seine auf die Kontakte zu jenen Wirtschaftsbossen gesetzt, die heute als wichtigste Industriekapitäne Frankreichs Medien steuern. Der Staatspräsident hat seit der Liberalisierung von Hörfunk und Fernsehen Mitte der achtziger Jahre das Entstehen der neuen Medienlandschaft verfolgt, die sich in einen schrumpfenden staatlichen Sektor und einen auf wenige Akteure reduzierten, von Großindustriellen beherrschten privaten Bereich aufteilt. Mit seinem Vorstoß, die staatlichen Fernsehsender unabhängig von Werbeeinnahmen zu „Qualitätsprogrammen“ zu verpflichten, mischt sich Sarkozy erstmals direkt in die Entwicklung der Medien ein. Den Werbungsmarkt könnten sich künftig die privaten Sender untereinander aufteilen, allen voran TF1, dessen Hauptanteilseigner dem Staatspräsidenten nahesteht.

          Onkel Sarko zeigt, wo's langgeht: Sarkozy und Bruni mit Brunis Sohn in Jordanien

          Mit dem Erben des Baulöwen Francis Bouygues, Martin Bouygues, telefoniert Sarkozy angeblich jeden Tag. Ihre langjährige Freundschaft konnte auch die Scheidung von Cécilia nicht trüben. Im Oktober 1996 waren Martin Bouygues, der auch den Privatfernsehsender TF1 kontrolliert, und Bernard Arnault, der über das Luxusimperium LVMH waltet, die Trauzeugen der Eheschließung von Cécilia und Nicolas Sarkozy gewesen.

          Den Millionenerben Bouygues wählten die Sarkozys auch zum Taufpaten ihres Sohnes Louis. Oftmals verbrachten sie ihren Urlaub auf einem der Anwesen Bouygues. Wie eng das Verhältnis zwischen Bouygues und Sarkozy ist, zeigt der Fall Laurent Solly, der im Wahlkampf als stellvertretender Kampagnendirektor diente. Solly fiel bei Cécilia Sarkozy aus nie öffentlich genannten Gründen in Ungnade, deshalb durfte er nicht wie geplant nach dem Wahlsieg in den Elysée-Palast mit einziehen. Doch Sarkozy löste die heikle Personalfrage in einem Gespräch mit seinem Freund Martin Bouygues: Laurent Solly erhielt einen Führungsposten in der Generaldirektion von TF1. Angekündigt wurde Sollys neuer Posten in der TF1-Führungsetage vom Kommunikationsdirektor des Elysée-Palastes.

          Sarkozy verlangte Entlassung des Chefredakteur von „Paris Match“

          Ähnlich wie Bouygues, der im Stammgeschäft, dem Baugewerbe, von öffentlichen Aufträgen abhängt, ist auch Arnaud Lagardère, der Erbe des Rüstungs- und Medienunternehmers Jean-Luc Lagardère, im Rüstungsbereich gebunden an seine staatlichen Auftraggeber. Sarkozy hat frühzeitig die politischen Spielräume erkannt, die aus derlei Verflechtungen entstehen. Als Finanzminister regelte er hingebungsvoll den komplizierten Nachlass Jean-Luc Largardères zwischen Stiefmutter Betty und Sohn Arnaud. Letzteren veranlasste das zu der Äußerung, Nicolas Sarkozy sei mehr als ein Freund - „ein Bruder“. Lagardère kann ein Medienimperium sein Eigen nennen, zu dem Verlage wie Fayard, Grasset oder Stock zählen, Zeitungen wie das „Journal du Dimanche“, „Nice-Matin“ oder „La Provence“ und Wochenmagazine wie „Paris Match“. Auch an „Le Monde“ ist Lagardère geringfügig beteiligt, die derzeitige Führungskrise der Zeitung könnte die finanzielle Unabhängigkeit weiter einschränken.

          Als Fallbeispiel in der französischen Journalistenausbildung dient inzwischen die Entlassung des Chefredakteurs von „Paris Match“, Alain Genestar. Er verlor seinen Posten, nachdem er Fotos von Cécilia Sarkozy mit ihrem damaligen Liebhaber in New York auf die Titelseite des Magazins gehoben hatte. Genestar sagte in Interviews, dass Nicolas Sarkozy bei Lagardère seine Entlassung verlangt habe. In der Redaktion von „Paris Match“ regte sich jüngst wieder Protest, als bekannt wurde, dass „von höchster Stelle“ versprochen worden war, die vorübergehende Lebensgefährtin Sarkozys, die Journalistin Anne Fulda, als Reporterin bei „Paris Match“ einzustellen.

          Trotz Warnungen, unterstützte Sarkozy Kauf von „Les Échos“

          Enge Bindungen unterhält Sarkozy auch zu Bernard Arnault, der sich mit „Les Échos“ gegen den Widerstand der Journalisten den Traum erfüllte, eine Qualitätszeitung zu kaufen. „La Tribune“, die Wirtschaftszeitung, die er schon besitzt, stößt Arnault jetzt ab. Den „Pressepol“ von LVMH - mit „Les Échos“, dem Radiosender „Radio Classique“ und der Zeitschrift „Investir“ - leitet ein Freund Sarkozys, der frühere Kabinettsdirektor Édouard Balladurs, Nicolas Bazire. Bazire zählt zu den grauen Eminenzen, die das Rampenlicht meiden, aber deren Rat dem Staatspräsidenten teuer ist.

          „Les Échos“ erinnert die „beiden Nikolause“ an vergangene Schelmentaten. Es ist nicht auszuschließen, dass Sarkozy auch deshalb den Kauf der Wirtschaftszeitung durch Arnault so entschieden unterstützte und sich den Warnungen der Journalisten vor bevorstehenden Interessenkonflikten verschloss. Kurz nach der Niederlage „ihres“ Kandidaten Balladur bei den Präsidentenwahlen im Frühjahr 1995 erschien in „Les Échos“ aus der Feder eines „Mazarin“ eine höchst informierte Briefserie aus dem „Schloss“ (Elysée-Palast), in der die Schwächen der führenden Personen des politischen Lebens entblößt wurden. Jahre später bekannte sich Nicolas Sarkozy dazu, als „Mazarin“ seinen Frust über das Präsidentenwahlschlamassel fortgeschrieben zu haben. Trotz des Widerstands der Redaktion von „Les Echos“ konnte Arnault die Zeitung wie geplant kaufen. In seiner Pressekonferenz mokierte sich Sarkozy über die „großen Deklarationen“ der Redaktion, die „ein wenig lächerlich“ gewesen seien.

          Gute Kontakte zu Unternehmer Vincent Bolloré

          Weniger herzlich, aber von Parteifreundschaft geprägt sind die Beziehungen Sarkozys zu Serge Dassault, der neben dem Rüstungs- und Flugzeugunternehmen Dassault die Tageszeitung „Le Figaro“ kontrolliert. Als Anwalt regelte Sarkozy den Nachlass von Dassaults Vater Marcel. Serge Dassault zählt als UMP-Senator zu den festen Größen in der Präsidentenpartei. Der „Figaro“, der lange Chirac unterstützte, schwenkte rechtzeitig auf Sarkozy-Kurs ein. Der neue Chefredakteur, Étienne Mougeotte, wechselte aus der Führungsetage von TF1 an die Spitze der Tageszeitung.

          Viel Aufmerksamkeit ist dem Unternehmer Vincent Bolloré zuteil geworden, der Nicolas Sarkozy nicht nur den Jachtausflug ins Mittelmeer nach dem Wahlsieg schenkte, sondern jetzt den Präsidenten mit seiner neuen Liaison im Privatjet nach Jordanien fliegen ließ. Sarkozy hat Kritik an seinem Verhalten scharf zurückgewiesen, schließlich habe der Flug den französischen Steuerzahler keinen Cent gekostet. Bolloré ist ebenfalls ein Erbe, der das Familienunternehmen mit dem Einstieg ins Kommunikations- und Werbegeschäft diversifizieren will. Ihm gehören zwei Gratiszeitungen, auch ist er bei TF1 mit eingestiegen. Bolloré hat weit von sich gewiesen, dass seine guten Kontakte zu Sarkozy auch Geschäftsinteressen geschuldet seien: Es gehöre zur Familientradition, führenden Politikern Frankreichs Gastfreundschaft zu erweisen.

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