23.12.2005 · Verwaiste Restaurants, improvisierte Transportsysteme und lahmende Weihnachtsumsätze: Der Streik im Öffentlichen Nahverkehr drückte auf die Stimmung der New Yorker. Kurz bevor der Ärger zu groß wurde, hat die Gewerkschaft den Streik beendet.
Von Roland Lindner, New YorkNew Yorker zeigen der Welt ganz gerne, wozu sie in Ausnahmesituationen fähig sind. Spätestens seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist es fest in der Mentalität von New Yorkern verankert, sich von nichts unterkriegen zu lassen. So standen die Einwohner der Stadt friedlich und guter Laune den fast zwei Tage dauernden Stromausfall im Jahr 2003 durch. Und so begann auch der Bus- und Bahnstreik am Dienstag mit einer großen Portion Gleichmut und Unbekümmertheit: Zu Zehntausenden marschierten die New Yorker bei klirrender Kälte über die Brooklyn Bridge nach Manhattan, um zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen.
Die Stimmung war nicht schlecht. Es schien fast so, als ob viele Menschen Spaß daran hatten, mal wieder eine kleine Herausforderung zu haben. Am Ende der Brücke empfingen Männer in Weihnachtsmannkostümen die Fußgänger mit heißen Getränken. Es war wie eine vorweihnachtliche Pendlerparty an diesem Morgen.
Letterman nahm's mit Humor
Abends in der Fernsehshow von David Letterman ging es weiter mit der guten Laune. Letterman machte sich einen Spaß daraus, daß wegen des Streiks die gelb-orangen Taxis der Stadt ausnahmsweise dazu aufgefordert sind, mehr als eine Person zu befördern. Und so entwarf er das Spiel „Würden Sie gerne mit gruseligen fremden Menschen in einem Taxi sitzen?“. Er lotste Menschen von der Straße in ein Taxi, und packte dann ein paar extrem übergewichtige Menschen dazu, die ihnen auf engstem Raum Gesellschaft leisteten.
Auch der New Yorker Sozialpädagogikstudent Jorn Jonassen fand den Streik am ersten Tag noch lustig. Obwohl zwischen seiner Wohnung im Südteil Manhattans und seinem Praktikumsplatz in Harlem mehr als hundert Straßenzüge liegen, nahm er klaglos einen mehr als zwei Stunden langen Fußmarsch auf sich. „Es war ein Abenteuer, und die Fußgänger waren wie eine große Familie“. Die familiäre Stimmung hielt aber nicht lange. Am zweiten Tag des Streiks ist die Atmosphäre schon um einiges ungemütlicher. Jonassen hat ebenso wie viele andere New Yorker die Lust an Fußmärschen und Verkehrskollaps verloren. „Die Menschen auf der Straße sind viel gereizter“, sagt er. Auch die Autofahrer in den verstopften Straßen von Manhattan haben ihre Geduld verloren und hupen viel mehr als noch am ersten Tag.
Hohe Kosten, schlechte Stimmung
Die Stimmung verschlechtert sich, weil sich allmählich herausstellt, welche massiven Auswirkungen der Streik im Nahverkehr für die Metropole hat. Sieben Millionen Menschen nutzen normalerweise jeden Tag die Busse und Bahnen von New York. Bürgermeister Michael Bloomberg schätzt, daß der Streik jeden Tag 400 Millionen Dollar kostet. Vor allem den Einzelhändlern der Stadt scheint das Geschäft regelrecht wegzubrechen.
„Hier kommt kaum jemand vorbei, und wenn, dann höchstens, um eine Zeitung zu kaufen“, beklagt sich Ali Bhai, der auf der vierzehnten Straße einen Kiosk betreibt. Viele Geschäfte sprechen von dramatischen Umsatzrückgängen, in einzelnen Fällen ist von bis zu 80 Prozent die Rede. Das ist umso verheerender als in diesen Tagen eigentlich die umsatzstärkste Zeit des Jahres ist. Die Stadt ist voller Touristen, die zum Weihnachtseinkauf nach New York gekommen sind. Nun aber machen viele Geschäfte ihre Türen früher zu, weil zu wenig Kunden kommen.
Manche Läden haben ihren Beschäftigten am ersten Tag noch die - wegen des Streiks deutlich höheren - Taxigebühren erstattet, damit sie zur Arbeit kommen können. Mittlerweile lassen sie einen Teil ihrer Mitarbeiter zuhause, weil sie nicht gebraucht werden. Das berühmte Kaufhaus Saks Fifth Avenue hat schon jetzt seinen Schlußverkauf gestartet, der normalerweise erst nach Weihnachten beginnt. Saks wirbt mit Preisnachlässen von 40 Prozent.
Leere Restaurants und Museen
Ebenso hart trifft es die Restaurants der Stadt, von denen viele wie leergefegt sind. Auf einmal heißt es sogar bei der exklusivsten Adresse von New York, dem Restaurant „Per Se“ im Time-Warner-Gebäude am Central Park, man habe noch Tische frei. Bei den Museen sind nach Angaben von Bloomberg die Besucherzahlen um 80 Prozent eingebrochen. Den Museen fehlt es außerdem an Aufsichtspersonal, denn viele von diesen Mitarbeitern wohnen weit außerhalb des Stadtzentrums und schaffen es nicht zum Arbeitsplatz. Das Museum of Modern Art (MoMA) bittet nun schon das Management, Aufsichtsdienste in den Museumsräumen zu übernehmen, erzählt Kuratorin Susan Kismaric, die sich freiwillig für kommenden Montag eingetragen hat, sollte der Streik solange dauern.
Das Verständnis der New Yorker für die 33.700 streikenden Bus- und Bahnmitarbeiter hält sich zunehmend in Grenzen. Viele Menschen sind der Meinung, daß das Angebot der Nahverkehrsgesellschaft MTA für den nächsten Drei-Jahres-Tarifvertrag großzügig war. Die MTA hat den Mitarbeitern eine Lohnerhöhung von insgesamt mehr als zehn Prozent über die gesamte Tariflaufzeit angeboten. Außerdem bekommen die Mitarbeiter Sozialleistungen, von denen viele andere Amerikaner nur träumen können. So übernimmt der Arbeitgeber fast die kompletten Aufwendungen für die Gesundheitsversorgung und wollte daran auch nichts ändern. In Zeiten, in denen viele amerikanische Unternehmen wie etwa der angeschlagene Autobauer General Motors, einst das Vorzeigeunternehmen, versuchen, die Gesundheitskosten zu drücken und den Mitarbeitern selbst einen größeren Anteil der Kosten aufzubürden, ist das nach Meinung von Außenstehenden ein Luxus.
Hoffnungen auf ein baldiges Ende des Streiks
Der Streitpunkt, der letztlich zum Streik geführt hat, war nicht das Gehalt an sich oder die Gesundheitsversorgung, sondern Beiträge in die Pensionskassen. Die MTA wollte eine Erhöhung der Beiträge, die Gewerkschaftsführung sträubt sich dagegen. Die Seiten in dem Tarifstreit stehen sich feindselig gegenüber. Selbst der nicht gerade für sein überschäumendes Temperament bekannte Bürgermeister Bloomberg schäumte vor Wut und attackierte den Gewerkschaftsführer Roger Toussaint mit scharfen Worten. Der wiederum konterte, daß der Milliardär Bloomberg offenbar nichts von den Sorgen eines Bus- und Bahnarbeiters verstehe. Bloomberg hat die gleichnamige Nachrichtenagentur aufgebaut und ist damit zu einem der reichsten Männer der Stadt geworden.
Unter der wachsendem Druck von Justiz und Öffentlichkeit haben die Beschäftigten des New Yorker Nahverkehrs am Donnerstag schließlich ihren Streik beendet. Nach Angaben eines Vermittlers einigten sich die Gewerkschaft und die Nahverkehrsgesellschaft MTA auf weitere Verhandlungen, die Beschäftigten sollten dafür schon zur nächsten Schicht wieder arbeiten. Schon an diesem Freitag sollen Busse und Bahnen also wieder rollen - was die Weihnachtsstimmung der New Yorker heben dürfte.