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Neue Untersuchung : Atomarer Abrüstung droht der Stillstand

Amerika modernisiert gegenwärtig seine Nuklear-Streitkräfte. Das Bild zeigt einen strategischen Bomber des Typs B-52 „Stratofortress“. Bild: dpa

Die Zahl der nuklearen Sprengköpfe ist leicht gesunken. Doch das Verhältnis der Supermächte und Nordkoreas Ambitionen geben Anlass zur Sorge.

          Die Zahl nuklearer Gefechtsköpfe ist im vergangenen Jahr leicht gesunken. Das geht aus der jüngsten Untersuchung des Stockholmer Friedensforschungsinstituts (Sipri) hervor, die am Montag vorgestellt wird und FAZ.NET vorliegt. Grund zur Erleichterung bietet der Bericht dennoch nicht. Die nukleare Abrüstung droht, an Fahrt zu verlieren.

          Sipri zufolge sank die Zahl der Sprengköpfe weltweit um knapp drei Prozent von 15.395 auf 14.935. Verantwortlich dafür sind vor allem Amerika und Russland. Washington stellte 2016 insgesamt 200 außer Dienst, Moskau 290. Damit bleibt Russlands Überhang von rund 200 Sprengköpfen bestehen. Er ist aber angesichts des Gesamtumfangs strategisch bedeutungslos. Amerika verfügt über 6800, Russland über 7000 Atombomben – das sind rund 93 Prozent der weltweiten Bestände. Dahinter folgen Frankreich (300), China (270), Großbritannien (215), Pakistan (130-140), Indien (120-130), Israel (80) sowie Nordkorea (10-20).

          Bei den einsatzbereiten Sprengköpfen verzeichnete das Sipri einen deutlichen Zuwachs: Russland erhöhte ihre Zahl von 1790 auf 1950. Eine Trendwende zeichne sich damit aber nicht ab. Die „Anomalie“ erkläre sich aus der Einführung neuer Atom-U-Boote der Borei-Klasse, während ihre Vorgänger noch eine Zeit lang parallel betrieben würden, sagte Sipri-Forscher Shannon Kile FAZ.NET.

          Die Fortsetzung amerikanisch-russischer Abrüstungsbestrebungen steht aus einem anderen Grund auf dem Spiel. Beide Seiten haben sich mit dem „NewStart“-Vertrag darauf verpflichtet, die Zahl ihrer einsatzbereiten Gefechtsköpfe auf 1550 Stück pro Seite zu zu begrenzen. Doch zeigt Amerikas Präsident Donald Trump keinerlei Willen, die Abrüstungsverpflichtung fortzuführen. Gegenüber Russlands Präsident Wladimir Putin hatte er „New Start“ im Frühjahr als „schlechten Deal“ seines Amtsvorgängers bezeichnet und eine Verlängerung über das Jahr 2021 hinaus abgelehnt. Damit wäre die Begrenzung faktisch aufgehoben. Das muss zwar keinen Einstieg in ein neues Wettrüsten bedeuten. Doch geht das Sipri davon aus, dass weitergehende Reduktionen der Arsenale erst einmal ausgeschlossen sind.

          Die Neigung, auf Nuklearwaffen gänzlich zu verzichten, ist unter den Atomwaffenstaaten generell nicht ausgeprägt. Im Gegenteil schicken sich alle Atommächte an, ihre Arsenale zu modernisieren, zuvorderst die Vereinigten Staaten. Laut Angaben des US Congressional Budget Office werden die Kosten für die Modernisierung der nuklearen Triade, bestehend aus Bombern, U-Booten und landgestützten Interkontinentalraketen, allein bis 2026 rund 400 Milliarden Dollar betragen. Russland treibt ähnliche Programme voran, um mit den Vereinigten Staaten auf Augenhöhe zu bleiben.

          China will zu Russland und Amerika aufschließen

          Dahinter sucht China, zu den beiden nuklearen Supermächten aufzuschließen. Das Reich der Mitte erhöht laut Sipri-Angaben schleichend die Zahl seiner Gefechtsköpfe und will selbst eine nukleare Triade aufbauen. Zudem streben Teile aus Politik und Militär die sofortige Einsatzbereitschaft ihrer Atomwaffen an. Ein hochriskanter Zustand, in dem bis dato nur Amerika und Russland Teile ihres Arsenals halten – und das unter hohen Sicherheitsvorkehrungen.

          Das größte Risiko eines nuklearen Konflikts dürfte kurzfristig aber weiterhin von Nordkorea ausgehen. Sipri-Forscher Kile verweist darauf, dass das Regime in Pjöngjang laut Einschätzung mancher Analysten schon jetzt in der Lage sein dürfte, miniaturisierte Gefechtsköpfe zu bauen und auf Kurz- oder Mittelstreckenraketen zu montieren. Zudem verdichteten sich die Anzeichen, dass das Militär seinen Nuklearstreitkräften konkrete Einsatzszenarien zuweise, etwa Angriffe auf Armee-Stützpunkte in Südkorea oder Japan. In beiden Ländern unterhalten auch die Amerikaner große Truppenpräsenzen.

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