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Neue Töne aus Canberra : Neue Hoffnung für Flüchtlingskinder von Nauru

Flüchtlingslage auf der Insel Nauru Bild: AP

Suizidgedanken und Selbstverletzungen: In den Flüchtlingslagern auf der Pazifikinsel herrschen katastrophale Zustände. Das will Australiens Regierung nun offenbar ändern – und zumindest den Minderjährigen helfen.

          Es gibt kaum ein Thema, das die Australier in den vergangenen Wochen so bewegt hat wie das Schicksal Dutzender Flüchtlingskinder in den australischen Lagern auf Nauru. Mehrere Wochenenden hintereinander haben Australier unter der Kampagne  „Kids off Nauru“ Proteste abgehalten.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Der Auslöser waren Berichte von Flüchtlingsorganisationen und Ärzte ohne Grenzen, die den katastrophalen Zustand beschreiben, in dem sich die Kinder in dem Lager auf Nauru befänden: Suizidgedanken und Selbstverletzungen bei Kindern schon ab sieben Jahren. „Dramatischer Anstieg“ von apathischen Zuständen und „Resignations-Syndrom“ bei traumatisierten Kindern. Dutzende Familien, die voneinander getrennt leben müssen. „Die Menschen verlieren ihre Hoffnung und ihr Leben auf der Insel“, hieß es in einem der Berichte.

          Die Probleme sind ein Resultat der vor sechs Jahren verschärften australischen Abschreckungspolitik gegenüber Bootsflüchtlingen. Sie schließt kategorisch aus, dass Flüchtlinge, die den Seeweg nach Australien nehmen, dort jemals Asyl erhalten können. Wer es doch versuchte, wurde außerhalb des australischen Territoriums in Lagern auf den Pazifikinseln Nauru und Manus (Papua-Neuguinea) interniert. Die Regierung feiert ihre Bemühungen als Erfolg, da kaum noch Boote an den australischen Küsten landeten. Die jüngsten Berichte zeigten aber , welchen Preis die Flüchtlinge für die Abschreckungspolitik zahlen müssen.

          Druck auf die Regierung ist gestiegen

          Seit der Veröffentlichung ist damit auch der Druck auf die Regierung von Premierminister Scott Morrison gewachsen, die Flüchtlingskinder nach Australien zu holen. Laut einer Umfrage des „Sunday Telegraph“ befürworten das sogar 80 Prozent der Australier. Auch einige Abgeordnete der Regierungspartei haben sich der Forderung angeschlossen. Tatsächlich scheinen die Entwicklungen der vergangenen Wochen Wirkung zu zeigen. „Alle Asyl-Kinder werden Nauru verlassen“, titelt am heutigen Donnerstag „The Australian“. Die Zeitung berichtet von Plänen der Regierung, alle Kinder aus dem Lager bis Ende des Jahres nach Australien zu bringen.

          Premier Morrison sagte zudem in einem Interview, seine Regierung habe schon seit einiger Zeit stillschweigend angefangen, Flüchtlingskinder von Nauru nach Australien zu bringen. „Ich bin damit nicht hausieren gegangen“, sagte Morrison. Die Zahl der Kinder in dem Lager habe sich mittlerweile halbiert. Wie „The Australian“ weiter berichtete, seien in den vergangenen Jahren insgesamt 244 Minderjährige aus dem Lagern auf Nauru und Manus nach Australien überführt worden. Derzeit lebten noch 40 Kinder in dem Lager auf Nauru.

          Krise auf Nauru nicht überstanden

          Das „Asylum Seeker Resource Center“ (ASCR) begrüßte die Ankündigung der Regierung. Es warnte jedoch, dass die „Krise“ auf Nauru noch nicht überstanden sei. 20 der Kinder benötigten dringend medizinische Hilfe. Der Organisation zufolge war die Regierung durch Gerichtsbeschlüsse gezwungen worden, die Kinder zur Behandlung nach Australien zu bringen. Auch am Freitag stehe wieder eine Verhandlung an, in der die Regierung die Verlegung von Kindern nach Australien zu verhindern suche. „Das ASCR hat immer noch Sorgen, dass vor Weihnachten eines der Kinder auf Nauru sterben könnte. Alles war sich geändert hat, sind die Worte der Regierung.“

          Tatsächlich will die Regierung gleichzeitig keine Schwäche zeigen. Innenminister Peter Dutton bestätigte, dass die Kinder nach Australien gebracht werden, dort aber kein Asyl bekommen sollen. „Wir sagen deutlich, dass wenn sie medizinisch versorgt sind, sie danach in ihre Heimatländer zurückkehren müssen“, sagte der Minister. Die Überführung werde auf eine Weise gemacht, dass sie nicht „die Boote zurückbringe“.

          Doch die Morrison-Regierung steht vor einem Dilemma: Sie ist auf die Unterstützung parteiloser Abgeordneter angewiesen, seitdem sie im Zuge einer Nachwahl die Mehrheit im Parlament verloren hat. Die parteilose Abgeordnete  Kerryn Phelps ist für die Überführung der Kinder nach Australien. Die oppositionelle Labor Party, die bislang hinter der harten Asylpolitik stand, befürwortet zudem ein Angebot aus Neuseeland, welches die Aufnahme der Kinder und ihrer Eltern in dem Nachbarland ermöglichen könnte.

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