08.07.2009 · Entgegnungen auf einen noch gar nicht eingetretenen Ernstfall: Italienische Medien spekulieren über neue Enthüllungen aus dem Privatleben des Ministerpräsidenten während des G-8-Gipfels. Silvio Berlusconi reagiert nervös.
Von Tobias Piller, RomItaliens Ministerpräsident ist nervös, noch mehr seine Umgebung. Anders lässt sich nicht erklären, dass schon seit Tagen Entgegnungen auf einen noch gar nicht eingetretenen Ernstfall der besonderen Art verbreitet werden: Eine britische Zeitung und danach der Großteil der italienischen Presse meldeten dass für die Tage des G-8-Gipfeltreffens neue kompromittierende Fotos des Ministerpräsidenten zu erwarten seien. Silvio Berlusconi und seine Leute halten dem präventiv entgegen, es könne gar keine kompromittierenden Fotos mehr geben und wenn irgendetwas veröffentlicht werden sollte, seien das nur Fotomontagen.
Eine wegen Skandalthemen misslungene internationale Konferenz gehört schon zu den leidvollen Erfahrungen des italienischen Ministerpräsidenten: Als er im Herbst 1994 den Vorsitz bei einer internationale Konferenz über die Bekämpfung des organisierten Verbrechens innehatte, interessierte sich niemand für die Debatten – im Mittelpunkt stand stattdessen ein Zeitungsbericht über staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen Berlusconi. Als dieses Verfahren Jahre später in einem Freispruch endete, interessierte sich außerhalb Italiens auch dafür kaum jemand. Berlusconis erste Regierung war einige Wochen nach jener Konferenz gestürzt.
Berlusconis Todfeind und größter Neider
An Berlusconi scheint diese Geschichte zu nagen, jedenfalls erzählt er sie immer wieder, und nun fürchtet er offenbar eine Wiederholung. Die derzeit kämpferisch gegen Berlusconi eingestellte Zeitung „La Repubblica“, die in der Hand von Berlusconis Todfeind und größtem Neider Carlo De Benedetti ist, tut ihr Möglichstes dafür. Aus der Opposition kommt die Stimme des ehemaligen kommunistischen Ministerpräsidenten Massimo D‘Alema, der neue „Erschütterungen“ und „ungeahnte Entwicklungen“ ankündigt. Und viele britische Medien hat der Sportsgeist gepackt, sich gegenseitig in immer neuen Geschichten zu übertreffen. Dass Berlusconi im Blickpunkt der Skandalpresse steht, hat indes auch mit den Blößen zu tun, die er sich selbst gegeben hat.
Zunächst kündigte seine Ehefrau Veronica Lario an, sie wolle sich scheiden lassen, weil sie nichts mehr mit einem Mann zu tun haben wolle, der sich mit Minderjährigen abgebe. In jene Tage fielen Berichte über einen Besuch des Ministerpräsidenten bei der Feier zum 18. Geburtstag einer Neapolitanerin namens Noemi Letizia. Die hatte anfangs arglos und naiv in Zeitungsinterviews drauflos geplappert, dass sie Berlusconi schon öfter getroffen habe und ihn „Papi“ nenne. Der wiederum verstrickte sich bei den Erklärungen für seinen Geburtstagsbesuch und für die Kontakte mit den Eltern in unerklärliche Widersprüche.
Ermitteltungen wegen des Verdachts der organisierten Prostitution
Bald darauf sagte eine Italienerin aus Bari namens Patrizia D’Addario, sie habe Geld für Besuche bei Berlusconi erhalten und sei auch eine Nacht in seiner römischen Privatwohnung geblieben. Sie habe Berlusconis Stimme mit ihrem Mobiltelefon aufgenommen und wolle sich rächen, weil der Ministerpräsident nicht wie gewünscht eine Baugenehmigung im Umland von Bari besorgt habe. Die Zeitungen publizierten schließlich Fotos von jungen Frauen, die sich angeblich im Badezimmer von Berlusconis Privatgemächern auf „Feste“ vorbereiten und sich dabei gegenseitig aufgenommen haben. Für die Bezahlung der Frauen soll allerdings nicht Berlusconi selbst aufgekommen sein, sondern ein Unternehmer aus Bari, der angeblich beim Ministerpräsidenten gute Stimmung machen wollte, indem er immer mit einer Gruppe attraktiver Frauen zum Abendessen erschien.
Nun wird gegen den Unternehmer ermittelt wegen des Verdachts der organisierten Prostitution. Hinzu kam, dass Fotos aus dem Garten von Berlusconis Privatvilla in Sardinien auftauchten, auf denen unter anderem der ehemalige tschechische Ministerpräsident Topolanek hüllenlos zu sehen war. Zwar hatten die Rechtsanwälte zuvor schon Fotos beschlagnahmen lassen, die mit großen Teleobjektiven im Park und am Strand rund um Berlusconis Villa geschossen worden waren. Doch der sardische Fotograf sagte, er habe noch viel mehr davon und verkaufte eine Serie an die spanische Zeitung „El Pais“, die ohnehin seit zwei Jahren Italien im politischen Notstand sieht.
„Berlusconi will nicht alt werden“
„Die Italiener wollen mich so, wie ich bin“, lautete der offizielle Kommentar Berlusconis dazu. Zudem sagte er, manchmal gebe es eben einen Fehlgriff bei Gästen und wieder bei deren mitgebrachten Begleitern. Langjährige Weggefährten halten ihm aber Leichtfertigkeit vor, auch reagier er wie ein Provinzpolitiker, der auf Abwegen erwischt wurde. „Ein Ministerpräsident begibt sich nicht in solche Niederungen, er spricht ernsthaft zum Volk“, sagte sein ehemaliger Parlamentsminister, der rechte Intellektuelle Giulio Ferrara. In der römischen Szene muss Berlusconi bisher dennoch nicht fürchten, in Grund und Boden verdammt zu werden. „Berlusconi will nicht alt werden. Und er meint, er werde wieder jung, wenn er sich mit jungen Leuten umgibt“, sagt ein erfahrener Cheflobbyist.
Zum spannenden Kriminalstück wird die Affäre nicht durch die publik gewordenen Geschichten, sondern durch die bohrenden Fragen, was sich sonst noch hinter den römischen Kulissen abspielt. Der ehemalige Innenminister und Staatspräsident Francesco Cossiga äußerte, Berlusconi werde von linken Splittern der Geheimdienste überwacht. Anders lasse sich nicht erklären, wie Nachrichten über ein privates Abendessen Berlusconis mit einem Verfassungsrichter publik geworden seien. Weniger abenteuerlich und realitätsnäher sind die Spuren, die in den Justizpalast von Bari führen. Dort wird ermittelt, aber nicht gegen Berlusconi, sondern den Unternehmer, der ihm leichte Damen zugeführt haben soll. Kern der Ermittlungen ist ein Skandal im staatlichen Gesundheitswesen der kommunistisch regierten Region. Der zuständige Regionalminister hatte einen Teil seines Milliardenbudgets für Aufträge an ein Unternehmen seiner Kinder verwendet.
Nach dem Gipfel ein anderes Leben
Berlusconis Unternehmerfreund aus Bari namens Giampaolo Tarantini ist in diesem Fall der kleinere Konkurrent, der seine Position im lokalen Filz verbessern wollte. Dem ermittelnden Staatsanwalt in Bari wird jedoch von Berlusconis Verbündeten vorgehalten, er habe früher zum Umkreis einer linksextremen Zeitschrift gehört, nun sei er Anhänger der linken Mehrheitspartei im italienischen Richterparlament – und wolle Berlusconi stürzen. Wenn nun immer wieder angeblich geheime Unterlagen aus dem Justizpalast in Bari verbreitet werden, richtet sich in Italien der Verdacht gegen den Staatsanwalt selbst. Der ermittelt zwar offiziell nicht gegen Berlusconi, kann aber mit vielen Informationen spielen. Und wegen des in Italien üblichen Verrats von Ermittlungsunterlagen an Journalisten ist noch nie ein Staatsanwalt von seinem eigenen Richterparlament bestraft worden.
Indessen ist die von Silvio Berlusconis Bruder herausgegebene rechtspopulistische Zeitung „Il Giornale“ zum Gegenangriff übergegangen. Sie berichtete derart aggressiv über außereheliche Verhältnisse anderer Politiker, dass sich Silvio Berlusconi bei einem persönlich entschuldigen musste. Die zweite Zielscheibe ist die Auslandspresse, der ein geheimes Komplott zum Sturz von Berlusconi vorgehalten wird. Nach Beschimpfungen aller Auslandskorrespondenten in Italien und pauschalen Berichten über das angebliche Luxusleben der Journalisten mit Champagner auf den Terrassen Roms hat „Il Giornale“ nun auch diejenigen gegen Berlusconi aufgebracht, die sich nie an irgendeiner Hetzjagd beteiligen wollten.
Der Ministerpräsident selbst lässt verbreiten, dass er nach dem Gipfel ein anderes Leben anfangen wolle. Keine Sommerfeste, angeblich nicht einmal Urlaub in der Villa in Sardinien, stehe auf dem Programm. Geplant sei ein „sabbatical“, mit viel Nachdenken über einen neuen Start für sein Leben, seine Partei und seine Politik.
Anscheinend ist es nicht möglich..
Fatih_Mehmet Uenal (Jerusalem1187)
- 08.07.2009, 18:43 Uhr
Berlusconis Privatleben ist zwar unterhaltsamer,
Peter Zentner (Caterwaul)
- 08.07.2009, 19:28 Uhr
bei Brandt war alles egal - Berlusconi wird gejagt
Closed via SSO (Offermanns1)
- 08.07.2009, 20:11 Uhr
@Zentner
Rene Meyer (matrix1329)
- 08.07.2009, 20:16 Uhr
Es freut mich...
Roberto Deias (elmodiscipio)
- 08.07.2009, 22:49 Uhr