05.04.2010 · Die Ereignisse am blutigen Karfreitag haben einen Schatten auf das Miteinander der afghanischen und der Isaf-Soldaten geworfen, die künftig noch intensiver miteinander arbeiten und kämpfen sollen. Doch Stimmen, die diesen neuen Ansatz schon für gescheitert erklären, sind voreilig.
Von Stephan LöwensteinDer blutige Karfreitag der Bundeswehr in Kundus hatte verhältnismäßig ruhig begonnen. Freitag bedeutet für die deutschen Soldaten im Afghanistaneinsatz üblicherweise, dass keine großen Operationen gefahren werden, aus Respekt und pragmatischer Rücksichtnahme auf den islamischen Ruhetag. Eine Fahrzeugkolonne mit Fallschirmjägern aus dem niedersächsischen Seedorf hatte allerdings den Auftrag erhalten, den Bau einer Brücke vorzubereiten und die Straße von Sprengsätzen zu befreien. Für derartige „Mine Sweep“-Aufträge müssen Soldaten von ihren geschützten Fahrzeugen absitzen. In einem offensichtlich wohlvorbereiteten Hinterhalt wurden sie um kurz nach ein Uhr mittags bei dem Dorf Isa Khel von 30 bis 40 Talibankämpfern aus mehreren Richtungen mit Gewehren und Panzerfäusten unter Feuer genommen.
Das Gefecht in Chardara, einem der drei bis vier Distrikte im Raum Kundus, in denen die aufständischen Taliban Fuß gefasst haben, sollte bis in die Nacht andauern. Bis zu 80 Talibankämpfer waren daran beteiligt, die offensichtlich wohlkoordiniert an noch einem weiteren Schauplatz angriffen, Soldaten von zwei deutschen Infanteriekompanien der internationalen Isaf-Truppe, afghanische Polizisten der Station in der Ortschaft Chardara, Soldaten der afghanischen Nationalarmee, amerikanische Hubschrauber, die Verwundete in Sicherheit brachten und dabei selbst ins Feuer gerieten, amerikanische Kampfflugzeuge, die allerdings ihre Waffen nicht einsetzen konnten, und Aufklärungsdrohnen, unbemannte Kleinflugzeuge der Bundeswehr. Es war nach den Beschreibungen eines der intensivsten Gefechte, die die deutschen Soldaten bislang bestreiten mussten, auch wenn es früher noch schwerere in dem Sinne gegeben hatte, dass schwerere Waffen wie Mörser oder Bordwaffen von Flugzeugen eingesetzt worden waren.
Die Taliban triumphieren auf Bildern
Gewiss jedoch war es das folgenschwerste für die Bundeswehr: Drei Soldaten sind gefallen, acht verwundet worden, davon vier schwer; sechs afghanische Soldaten wurden in der Nacht versehentlich durch Deutsche getötet; eine unbekannte Zahl von Taliban wurde ebenfalls getötet und verwundet. Ein schwer beschädigter Dingo-Transporter wurde durch eine Sprengfalle so stark zerstört, dass er von der Bundeswehr gesprengt werden musste. Das Wrack verhalf den Taliban-Kämpfern, fröhlich umgeben von Kindern, später zu triumphierenden Bildern.
Erst etwa drei Wochen zuvor hatte es - ebenfalls bei Isa Khel - einen intensiven Feuerkampf gegeben, in dem drei „Fuchs“-Transportpanzer von Panzerfaustgranaten getroffen worden waren. Schon da war ein Muster zu erkennen, das sich am Karfreitag wiederholen sollte: Zunächst der Feuerüberfall auf eine Patrouille mit einem folgenden, bis in die Dunkelheit andauernden Schusswechsel, dann ein paralleler Angriff auf die Polizeistation in der Ortschaft Chardara, Angriff auch auf die zur Verstärkung heranrückende zweite Infanteriekompanie. Allerdings waren damals wohl weniger Talibankämpfer beteiligt, und es kam durch glückliche Umstände keiner der deutschen Soldaten zu Schaden.
Das Gefecht Mitte März setzte sich am folgenden Tag noch fort - dabei wurden auch Mörser eingesetzt, aus denen zunächst Leuchtmunition als Drohgebärde, später aber auch scharfe Granaten eingesetzt wurden. Am Karfreitag hatten sich die Angreifer, wie es heißt, in Gebäuden verschanzt, die ihnen nicht nur durch die Lehmwände recht wirkungsvollen Schutz vor Gewehrfeuer bieten. Die Taliban wissen offenkundig auch, dass die Isaf nicht Bomben oder Artilleriefeuer einsetzt, wenn die Gefahr besteht, dass dadurch auch Zivilisten gefährdet werden könnten - im deutsch geführten Regionalkommando Nord dürfte das seit dem Bombardement vom 4. September 2009 und seinen politischen Folgen an der Heimatfront umso mehr gelten.
Für einen Waffeneinsatz von Kampfflugzeugen aus ist es zudem notwendig, dass die Truppe am Boden ausgebildete Fliegerleitoffiziere dabeihat - auch um zu verhindern, dass die eigenen Leute beschossen werden. Die Taliban-Kämpfer ließen sich jedenfalls durch „Show of Force“-Tiefflüge offenbar nicht schrecken und vertreiben.
Sind Deutsche und Afghanen hinreichend abgestimmt?
Dass die Soldaten auch in der Nacht vor Taliban-Angriffen nicht sicher sein können, zeigte sich am 16. März ebenfalls: Gegen zehn Uhr abends erkannten sie durch ihre Nachtsichtgeräte eine Gruppe von neun Männern, die sich ihren Stellungen näherten und die Waffen in Anschlag brachten. Als die deutschen Kräfte das Feuer eröffneten, wichen die Angreifer aus.
Die Besatzung des Marder-Schützenpanzers muss nicht Berichte über diesen Vorfall vor Augen gehabt haben, als in der Nacht vom Karfreitag zwei Autos mit aufgepflanzten Maschinengewehren sich näherten, um sich bedroht zu fühlen. Sie wussten jedenfalls von den Verlusten ihrer Kameraden von der ersten Kompanie, denen sie zur Verstärkung und als Ablösung geschickt worden waren. Nach den deutschen Berichten hatten die beiden Pickups nicht auf Warnzeichen und Hinweise reagiert und wurden deshalb von dem mit einer 20-Millimeter-Maschinenkanone, einem Maschinengewehr und Milan-Lenkraketen bewaffneten Schützenpanzer beschossen. Erst dann stellte sich heraus, dass es die verbündeten afghanischen Soldaten waren, Kameraden, die den eigenen Leuten zu Hilfe kommen wollten und von denen nun sechs Mann durch eigenes Feuer getötet wurden. Auf afghanischer Seite wurde der Vorwurf laut, die Deutschen hätten ohne Warnung geschossen.
Wie in allen Fällen von Verlusten durch eigenes Feuer wird auch dieser Fall von der Isaf untersucht - schließlich gilt es, Fehler zu erkennen und benennen, um sie künftig möglichst zu vermeiden. Sind die beiden Seiten, die miteinander operieren sollen, hinreichend aufeinander eingestimmt, kommunikationsfähig und in der Operationsführung verzahnt? Die Untersuchung ist auch wichtig, um Vertrauen zu erhalten oder wieder herzustellen. Denn solche Vorfälle drohen einen Schatten auf das Miteinander der afghanischen Kräfte und der Isaf-Soldaten zu werfen, die auch im Norden des Landes künftig noch intensiver miteinander arbeiten - auch kämpfen - sollen. Dieses sogenannte Partnering, also gemeinsame Operationen im Rahmen der Ausbildung der afghanischen Armee (ANA), ist einer der Schlüsselbegriffe, mit denen der seit Jahresbeginn verkündete neue Ansatz im internationalen Afghanistaneinsatz verbunden worden ist.
Der neue Ansatz ist noch nicht gescheitert
Dabei sind diejenigen Stimmen voreilig, die diesen neuen Ansatz schon für gescheitert erklären. Denn zum einen ist es auch in den vorsichtigsten Darstellungen durch Regierung und Bundeswehrspitze nie behauptet worden, dass es künftig nicht mehr zu Gefechten kommen werde, in denen Soldaten töten müssen und getötet werden könnten. Zum anderen hat das Gefecht vom Karfreitag mit diesem Ansatz noch nichts zu tun gehabt. Erst von August dieses Jahres an sollen die deutschen Isaf-Einheiten entsprechend umgegliedert werden, erst im November will die Bundeswehr die neue Aufstellung vollständig eingenommen haben. Das geht aus einer dieser Tage veröffentlichten Antwort des Verteidigungsministerium auf eine parlamentarische Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion hervor.
Der militärische Ansatz - eingebettet in das Bestreben, die zivile Aufbaukomponente zu verstärken und die afghanischen Institutionen zur eigenständigen Aufgabenwahrnehmung zu ertüchtigen - wird dort so beschrieben: „Es ist vorgesehen, dass deutsche Truppenteile in Zukunft nur noch gemeinsam mit ANA-Einheiten Operationen durchführen. Dabei ist nicht auszuschließen, dass sich diese Operationen auch gezielt gegen Aufständische richten werden.“ Das diene dem Schutz der Bevölkerung. „Generell gilt für die Neuausrichtung, dass mittels Partnering und hinreichender Präsenz internationaler und afghanischer Sicherheitskräfte in der Fläche jede Form von Gewaltanwendung durch die Aufständischen gegenüber der Bevölkerung als aussichtslos bewertet und damit nachhaltig verhindert werden soll.“
„Es existiert kein Counterinsurgency-Konzept“
Das bei den angelsächsischen Streitkräften gebräuchliche Wort der Aufstandsbekämpfung („counterinsurgency“) wird in der Regierungsantwort konsequent umgangen und an einer Stelle ausdrücklich zurückgewiesen: „Es existiert kein Counterinsurgency-Konzept der Bundesregierung, welches in Afghanistan zur Anwendung kommt.“ Von einer „insgesamt eher defensiven Ausrichtung“ ist die Rede, die freilich offensive Operationen nicht ausschließe. Für das Partnering seien zwei Ausbildungs-/Schutz-Bataillone mit jeweils 700 Soldaten vorgesehen. Die potentielle Gefährdung sei „im Grundsatz vergleichbar“ mit der bisherigen. Allerdings, so wird in Aussicht gestellt, „werden eigene Bewegungen durch den Einsatz in der Fläche unberechenbarer für den Gegner und die Informationsgewinnung mit Unterstützung durch die ANA durch den eigenen Kontakt mit der Bevölkerung verbessert.“ Es sei daher „zu erwarten, dass sich die Bedrohung für deutsche Kräfte dadurch mittelfristig verringern wird“.
Die Ereignisse vom Karfreitag waren mithin noch nicht dazu geeignet, diese zuversichtliche Erwartung des Verteidigungsministeriums zu widerlegen. Sie zeigten jedoch, dass insbesondere das Partnering mit den Afghanen eine große Herausforderung darstellt, deren Ausmaß und Wirkung von vielen Unbekannten beeinflusst werden wird. Und sie zeigten, dass die Taliban nicht auf den neuen Ansatz der Nato warten. Einstweilen haben sie selbst die Initiative übernommen.
Taliban bekämpfen?
Markus Schrödinger (sork123)
- 05.04.2010, 18:03 Uhr
Unsere Soldaten in Afghanistan
Paul H. Peiseler (paolo5)
- 05.04.2010, 18:22 Uhr
Am Hindukusch wird nichts verteidigt und viel gestorben!
norbert schuetzemich (halenerstrasse)
- 06.04.2010, 10:43 Uhr