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Neue Afghanistan-Strategie Da präsent sein, wo Menschen sind

 ·  In achtzig Distrikten will die Nato in den Jahren 2010 und 2011 Offensiven wie die in Mardschah führen. Kampftruppen und Gemeinderäte - das militärische und zivile Engagement sind dabei so eng verknüpft wie nie zuvor. Ihr Hauptziel: Das Wohlergehen der Bevölkerung.

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In Deutschland ist, wie in anderen Nato-Staaten auch, in den vergangenen Wochen viel von der zivilen Komponente der neuen Afghanistan-Strategie die Rede gewesen. Erst allmählich wird deutlich, dass sich dahinter wesentlich mehr verbirgt als der Bau von mehr Schulen und Straßen. Die Nato hat für ihre Schutztruppe Isaf eine Vorgehensweise entwickelt, die das militärische und zivile Engagement so eng miteinander verknüpft wie nie zuvor. Die Operation „Mushtarak“ (Gemeinsam), die seit Tagen im Mittelpunkt der Medienberichterstattung steht, war der erste Test der Strategie. Nato-Generalsekretär Rasmussen sagte am Mittwoch in Brüssel, der bisherige Verlauf zeige, dass sie richtig sei.

General Gordon Messenger, ein Sprecher des britischen Generalstabs, berichtete jetzt im Brüsseler Hauptquartier der Allianz erstmals detailliert über den Ablauf im unruhigen Süden. Dort sind, neben anderen westlichen Armeen, vor allem britische Soldaten im Einsatz. Ihre jüngsten Operationen, die ersten nach der neuen Nato-Strategie, folgen einem Modell, das auch für den Norden geplant ist, wo die Bundeswehr im Einsatz ist. Insgesamt will das Bündnis in den Jahren 2010 und 2011 in achtzig Distrikten des Landes entsprechende Operationen vornehmen.

Eine Art „afghanische Grundregierung“

Messenger sagte, dass sich die Isaf im Süden bewusst die bevölkerungsreichsten Gegenden ausgewählt habe, um den Einfluss der Taliban zurückzudrängen. Das sind Gürtel um Kandahar und das Zentrum der Provinz Helmand, wo sich im Zuge eines amerikanischen Bewässerungsprojektes in den fünfziger Jahren viele Afghanen angesiedelt haben. Als ersten Schritt haben die Isaf-Kräfte die Hauptverkehrsadern zu sichern gesucht, vor allem in der Provinz Kandahar. Danach hat in Helmand eben jene Operation „Mushtarak“ begonnen, die, so weit es geht, unter afghanischer Führung stattfindet. Die 15.000 beteiligten Soldaten, afghanische wie ausländische Kräfte, hatten dabei zwei Gegenden von den Taliban zu säubern, den Distrikt Mardschah und den Westen des Distrikts Nad Ali; ansonsten haben sie sich vor allem um eine breite Präsenz bemüht. Es komme aber nicht darauf an, überall zu sein, sondern da, wo die Menschen seien, sagte Messenger. Der Vorstoß gilt schon seit längerem als weitgehend erfolgreich, im Mittelpunkt steht derzeit die Konsolidierung der Geländegewinne.

Der Grundgedanke der neuen Nato-Strategie lautet, dass das Wohlergehen der Bevölkerung das Hauptziel aller Anstrengungen sein müsse, denn nur so könne man die Afghanen für die Zentralregierung in Kabul gewinnen. Deshalb kommt das Wichtigste nach dem militärischen Vormarsch: Man habe dafür Sorge getragen, dass sofort eine Art „afghanische Grundregierung“ in den gesicherten Gebieten eingerichtet wird, berichtete Messenger. Dazu war vor Beginn der Operation der Afghane Abdul Zahir Arian zum Vizegouverneur für Mardschah bestimmt worden, der als Erstes Ratsversammlungen (Schuras) mit den örtlichen Ältesten und anderen Würdenträgern abhielt. Hier sollte der Bevölkerung die Möglichkeit geboten werden, dringende Angelegenheiten schnell zu klären, etwa die Entschädigung für Verluste während der Kampfhandlungen.

Als nächstes wurden Gemeinderäte eingesetzt, die zwar nicht gewählt wurden, aber als Bindeglied zwischen der (zurückgekehrten) Staatsgewalt aus Kabul und der Bevölkerung dienen sollen. In diesen Räten sollen die Afghanen selbst festlegen, was sie zum Leben brauchen, bevor die Regierung Entscheidungen über Geldtransfers und Baumaßnahmen trifft. Typisch sei, so berichtete Messenger, dass die Leute um mehr Polizei bäten, um Bewegungsfreiheit, um zu den Märkten zu gelangen, sowie um bessere Bewässerungsanlagen. Es ist eine fruchtbare Gegend.

Bald kein Platz mehr für Aufständische?

Um dem Sicherheitsbedürfnis der Afghanen zu entsprechen, arbeitet die Nato parallel weiter an der Ausbildung der örtlichen Sicherheitskräfte. Die Zielmarken sind jüngst deutlich erhöht worden, auf insgesamt 305.000 Mann. Davon sollen 171.000 auf die Armee entfallen und 134.000 auf die Polizei. Bis Oktober 2011 soll das erreicht sein, weshalb die Nato für ihre vor drei Monaten eingesetzte Ausbildungsmission derzeit fast eine Milliarde Dollar im Monat ausgibt. Der Andrang von afghanischen Rekruten ist gewaltig, inzwischen werden in Armee und Polizei auch die gleichen Löhne gezahlt.

General William Caldwell, der Kommandeur der Mission, berichtete, die jungen afghanischen Soldaten und Polizisten hätten sich in Mardschah „hervorragend“ geschlagen, besser als viele erwartet hätten. Allerdings benötige man immer noch mehr Ausbilder aus dem Westen, um nicht nur die angestrebten Mannschaftsstärken zu erreichen, sondern auch eine möglichst hohe Qualität der Einheiten zu erreichen. Je schneller und besser sie ausgebildet seien, desto schneller könne der Westen seine Kräfte am Hindukusch reduzieren, sagte Caldwell.

Dass die Nato, und nicht zuletzt der amerikanische Präsident Obama, den Abzugsgedanken inzwischen so offen hervorhebt, ist dem Bündnis in jüngster Zeit immer wieder vorgehalten worden. Dieser Ansatz, der im Wesentlichen die skeptischen heimischen Bevölkerungen beruhigen soll, ermutige die Taliban zum Abtauchen, bis der Westen weg sei, lautete die Kritik. Messenger sah das ganz anders. Zum einen sei es gut, wenn die afghanische Regierung das Signal erhalte, dass man ihr nicht in alle Ewigkeit zur Seite stehen werde, sondern sich selbst anstrengen müsse. Und er wäre froh, wenn die Taliban für zwei Jahre verschwinden würden – denn sie würden danach in eine völlig veränderte Umgebung zurückkehren, in der es keinen Platz mehr für Aufständische gebe.

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Jahrgang 1969, politischer Korrespondent für die Nato und die EU mit Sitz in Brüssel.

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